Mike's Media Diary
April 9th, 2010

SPIEGEL-Surfing (Der Spiegel, Nr. 14, 3. April 2010)

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Laut SPIEGEL gehört unser Umweltminister Norbert Röttgen “zu jener Gruppe, die Merkel-Spotting betreibt” (S. 25). Der Begriff ist wohl dem TrainSpotting und beides in der Sache dem BirdWatching nachempfunden.

Kanzler, Züge, Vögel

Der Autor des Artikels, Dirk Kurbjuweit,  weiss über’s Merkel-Spotting folgendes zu berichten: “Man muss dafür ein Bild von sich als Kanzler haben” (S. 25).

Das ist beim Züge- und Vögelbeobachten zum Glück anders: die ausführende Person braucht von sich kein Bild als Zug oder Vogel zu haben!

SPIEGEL-Watching

Ehrlich gesagt, weiss ich auch nicht so genau, wie das beim  MagazinSpotting oder SPIEGELwatching ist.

Aber ich setze auf die Analogie mit den Zügen und Vögeln.

Feature-Hopping

In dieser (nach)österlichen Woche kommt noch eine weitere Komplikation hinzu. Aus Mangel an Anziehungskraft ist es mir nicht gelungen, mein Spotting auf einen einzelnen SPIEGEL-Artikel zu fokussieren.

Deshalb: “SPIEGEL-Surfing”. Man könnte auch von Artikel-Zapping oder Feature-Hopping reden.

Minister für Weltrettung

Aber worum geht es? Ja, genau das war meine Frage als ich den SPIEGEL-Artikel “Die Rache des Maschinisten” über Norbert Röttgen gelesen habe. Oder anders gefragt: Wozu soll das gut sein?

Intellektuellen-Schelte?

Minister-Bashing?

Weltrettungs-Dämmerung?

Abgerutscht

Irgendwie ist es wohl all’ das zusammen und noch einiges mehr.

Kurbjuweit über Röttgen: “Er wurde Umweltminister, weil das im Herbst 2009 nach einer großen Aufgabe aussah. Die Klimakonferenz von Kopenhagen (…) ist jedoch gescheitert (…) und seither ist das ganze Thema abgerutscht. Röttgen darf sich nicht mehr als Minister für Weltrettung fühlen” (S. 25).

Die Wirklichkeit ist niemals naiv

Ich bin naiv. Deshalb finde ich, dass man als Medienmensch ein Thema wie dieses nicht einfach so ‘abrutschen’ lassen darf; zumal es da ja auch neben “den Themen” noch “die JournalistInnen” gibt.

Die sind doch nicht einfach nur ThemenSpotter und KampagnenWatcher. Die machen doch auch ein Stück weit selber die Musik. Wenn sie mutig sind und es wirklich wollen!

Obamas Säkularisierung

Wie gesagt, ich bin naiv. Aber im SPIEGEL-Kommentar von Klaus Brinkbäumer steht: “Die Wirklichkeit ist niemals naiv” (S. 87). Hm. Und wer definiert die? Vielleicht die triadische Geschichtsphilosophie von Herrn Brinkbäumer?

Über Aufstieg und Fall von “St. Barack” (S. 87), also des amtierenden US-Präsidenten, berichtet der SPIEGEL-Journalist wie folgt: “Nach Erscheinung und Kreuzigung erleben wir so etwas wie eine Säkularisierung” (S. 87).

Eine schlechte Angewohnheit

So konstruiert man Themenkarrieren. Statt ThemenWatching doch lieber CampaignCreating?

Aber ist das wirklich “die Wirklichkeit”? Oder nur eine schlechte Medienangewohnheit?

Mit dem Hammer

“Heilung ist nicht möglich.” Das erfahren wir auf S. 127. Es spricht der französische “Dandy-Philosoph” (S. 126) Bernard-Henri Lévy. Romain Leick hat ihn in Paris interviewt und das dann im SPIEGEL drucken lassen.

Lévy besichtigt Kriege und philosophiert “mit dem Hammer” (S. 127). Er wollte kein akademischer Philosoph werden.

Flickwerk-Philosophie

“Wirft man mir vor, zu nahe am Journalismus, an der Reportage, an der Literatur zu sein? Bitte – in der Flickwerkphilosophie hat auch der gute Reporter seinen Ehrenplatz” (S. 127).

Gar keine schlechte Idee! Während die Mehrzahl der JournalistInnen den Themenkarrieren hinterher rennt oder diese (je nach Medium) tatkräftig mitkonsturiert, machen die avantgardistischen PhilosophInnen den alten JournalistInnenjob und schreiben ordentliche Reportagen.

Prof. Dr. Papst

Und was wird aus dem Papst? Der “(UN)FEHLBARE” (SPIEGEL-Titel) ist ja immerhin der Aufmacher dieser SPIEGEL-Woche. Aber der Mann steht “mit leeren Händen” da (S. 74). Denn er ist ein “Intellektuellen-Papst” (S. 76). Ihm fehlt die Bodenhaftung, sprich: die Medienehrfurcht.

“Eine Zeitlang genoss er sogar das ungeteilte Wohlwollen des Feuilletons. Dennoch drang Benedikts Botschaft nicht durch. Der oberste Theologe, Prof. Dr. Papst, verlor den engen Kontakt zu seinen Schutzbefohlenen” (S. 78).

Metaphysische Zentralheizung

Das erfahren wir von Fiona Ehlers, Gregor Peter Schmitz, Ulrich Schwarz, Alexander Smoltcyk und Peter Wensierski. Und sie wissen auf zehn SPIEGEL-Seiten noch mehr über den Oberhirten und seine Schäfchen zu berichten:

“Die meisten seiner Landsleute haben sich in Wahrheit längst in einer privaten Glaubenswelt eingerichtet. Sie haben durchaus den Wunsch nach einer metaphysischen Zentralheizung, wenn’s kälter wird im Leben. Aber bitte ohne Institution und ohne Zumutungen” (S. 78).

In Anderer Glück sein eigenes finden

Gelten Schweizer auch als Landsleute? Irgendwie schon. Vor allem, wenn sie ihre Steuern in Frankfurt am Main bezahlen. Wie Josef Ackermann, “der Bösewicht” (S. 4). Er möchte, dass die Menschheit ihn so sieht, wie er sich selbst sieht. “Der Getriebene” (S. 58).

Der SPIEGEL ist gern behilflich und zitiert aus Ackermanns privater Glaubenswelt: “In Anderer Glück sein eigenes finden, ist dieses Leben Seligkeit – und anderen Menschen Wohlfahrt gründen, schafft göttliche Zufriedenheit” (S. 61).

Ein spirituelles Wesen

Auch Bundesverfassungsrichter Udo Di Fabio leistet einen Beitrag zum österlichen SPIEGEL-Thema.

Seiner Ansicht nach ist die Säkularisierung an ihr Ende gekommen. Und zwar, “weil der Mensch ein spirituelles Wesen ist, das sucht und sich nicht allein mit Konsum und Zweckrationalität begnügt” (S. 30).

Positive Grundeinstellung zur Religion

Nun bin ich selbst überrascht. Obamas Säkularisierung und die Wiederkehr der privaten Spiritualität gehen im Oster-SPIEGEL Hand in Hand.

Die politische Hoffnung auf die öffentliche Politik tritt zurück hinter die private Besinnung auf “die alten Werte der Gebirgswelt” (S. 61) und “eine positive Grundeinstellung unseres Verfassungsstaates zur Religion” (S. 30).

Minister für Entwarnung

Was aber wird aus den großen Weltkrisen? Sicherheitskrise. Ressourcenkrise. Klimakrise. Und, ach ja: Finanzkrise, Wirtschaftskrise, Fiskalkrise.

Ganz einfach. Wir haben jetzt einen “Minister für Entwarnung” (S. 18). Das ist Thomas de Maizière.

Der Zusammenhalt der Gesellschaft

Von Simone Kaiser, René Pfister, Marcel Rosenbach und Holger Stark erfahren wir über ihn:

“In seinem ersten großen Interview sagte er, mit dem Begriff ‘innere Sicherheit’ könne er wenig anfangen. Seine Aufgabe sei vielmehr, den Zusammenhalt der Gesellschaft zu stärken” (S. 18).

Ein Land steht am Abgrund

Am Beispiel des Alltags einer griechischen Familie zeigt der SPIEGEL was passiert, wenn man das nicht tut: “Ein Land steht am Abgrund – und niemand hat es kommen sehen” (S. 48).

Der Bielfelder Soziologe Wilhelm Heitmeyer aber sieht es kommen. Und zwar in Deutschland: “Wutgetränkte Apathie” (S. 70).

Nationale Demokratie-Entleerung

Mit der Fiskalkrise kämen Finanz- und Wirtschaftskrise nun auch bei den einzelnen BürgerInnen an. Die öffentlichen Finanzen bluteten aus. Langzeitarbeitslose würden zum Buhmann der Gesellschaft.

“Drei von vier Befragten sagen, dass sich Solidarität, Gerechtigkeit und Fairness in dieser Gesellschaft nicht mehr verwirklichen lassen” (S. 71). Woran liegt das?

Der autoritäre Kapitalismus

“Viele Menschen merken, dass die Demokratie die Kontrolle verliert gegenüber dem Kapital, das wiederum Kontrolle gewinnt und gnadenlos ausübt” (S. 71).

Und weiter schreibt Heitmeyer: “Der autoritäre Kapitalismus hat es geschafft, seine Verwertungskritierien ohne Widerstand der ganzen Gesellschaft überzustülpen” (S. 71).

Kulturpolitik heute

Ist das wirklich die rechte Zeit für ein Abdanken der öffentlichen Politik und eine Besinnung auf private Glaubenswelten?

Oder geht es heute kulturpolitisch nicht vielmehr darum, öffentliches Engagement und private Spiritualität auf neue Weise miteinander zu verbinden?

Nachhaltiger Journalismus

Wie sähen wirklich nachhaltig fungierende Öffentlichkeiten aus, in denen planetarische Themen wie der Klimawandel nicht einfach mal eben ‘abrutschen’?  Und wie könnte Demokratie in transnationalen Institutionen neue Gestalt gewinnen?

Das sind Fragen, mit denen der SPIEGEL seine geneigten LeserInnen zu Ostern leider nicht konfrontiert. Warum eigentlich?

Mike Sandbothe

Einge der zitierten Artikel sind auf SPIEGEL-Online als digitale Volltexte zugänglich.

December 24th, 2009

“Zeit der Exzesse” (Der Spiegel, Nr. 50, 7. Dezember 2009, S. 152-161)

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Dirk Kurbjuweit (47), Gabor Steingart (47) und Merlind Theile (33) befassen sich im SPIEGEL-Titelfeature Nr. 50 mit dem “verlorenen Jahrzehnt” und der weitreichenden Frage “was die Welt aus einer Dekade der Unvernunft lernen muss” (Spiegelcover).

In ihrem Artikel führen sie vor Augen, wie ein kulturpolitisch tiefgreifender Journalismus in Zeiten des Übergangs Orientierung geben kann.

Schlimmer hätte es kaum kommen können

Die Autorin und die beiden Autoren sehen die “nuller Jahre”  als strukturelle “Krisenjahre” (S. 153).

Ihre Grundthese über das erste Jahrzehnt des dritten Jahrtausends lautet: “9/11-Krise, Klimakrise, Finanzkrise, Demokratiekrise. Das alles summierte sich zu einer Gesamtkrise des Westens. Schlimmer hätte es kaum kommen können” (S. 153).

Journalistische Vorbildfunktion

Nun, natürlich hätte es noch schlimmer kommen können. Und außerdem hat es nicht nur den Westen getroffen. Aber ein wenig Dramatisierung muss im SPIEGEL selbst dann noch sein, wenn wirklich einmal authentisch gedacht wird. Und das geschieht in diesem Artikel.

Es wäre ein grosses Geschenk an den Immer-Noch-Kulturstandort Deutschland, wenn es dem SPIEGEL im neuen Jahrzehnt insgesamt gelingen wollte, die grossen Entwicklungen unserer Zeit ähnlich intelligent und vernetzt zu analysieren, wie es die drei JournalistInnen in diesem Artikel tun.

Vernetztes Krisendenken und globale Regierungsstruktur

Al Gore ist wohl einer der ersten gewesen, die darauf hingewiesen haben, wie wichtig es ist, die verschiedenen Krisen unserer Zeit in ihrem Zusammenhang zu sehen.

Tut man dies nicht, dann kann die vermeintliche Lösung der einen Krise (Beispiel: Wirtschaftskrise) zu einer Verschärfung der anderen (Beispiel: Klimakrise) führen.

Die journalistische Kultur

Der Blick auf das in Transformation befindliche Ganze motiviert nicht nur zum  gezielten “Suchen nach einer globalen Regierungsstruktur” (S. 161).

Er zeigt auch, wie wichtig es ist, dass die journalistische Kultur eine globalisierte Form des vernetzten Denkens in ihr Selbstverständnis integriert.

Über nationale Verengungen hinaus

Mehr noch: In demokratischen Staaten (und nicht nur in diesen) darf es heute als eine zentrale Aufgabe der nationalsprachlich verfassten Medienwelten gelten, über die nationale Verengung der Politik im eigenen Land hinaus zu denken.

Der Artikel von Kurbjuweit, Steingart und Theile  tut das auf überzeugende Weise.

Die politischen Strukturen fehlen

So stellen sie heraus: “Das erste Jahrzehnt hat gezeigt, dass die Welt zusammenwächst, dass die Abhängigkeiten zunehmen, aber dass die politischen Strukturen dafür fehlen” (S. 161).

Das bedeutet konkret: “Es gibt keinen wirksamen Mechanismus, der den Frieden erhält. Es gibt keine gemeinsame Finanzaufsicht. Es gibt kein weltumspannendes Regierungsgremium, das sich permanent um Klimaschutz kümmert” (S. 161).

Hoffnung auf das Netz

Für die drei SPIEGEL-AutorInnen erwächst Hoffnung auf Behebung dieser weltpolitischen Defizite aus einer “technologischen Entwicklung” (S. 154). Gemeint ist das Internet.

Dieses könne - so die AutorInnen weiter - ”eine Weltöffentlichkeit herstellen” und damit ein Fundament liefern “für die politischen Entscheidungen in einer Welt, die globales Regieren braucht” (S. 161).

Rollenverteilung strittig

Tatsächlich ist es kulturpolitisch von zentraler Wichtigkeit, den Zusammenhang zu sehen, der zwischen den großen Transformstionsbewegungen (Sicherheitskrise, Wirtschaftskrise, Klimakrise, Demokratiekrise) und der medientechnologischen Digitalisierung besteht.

Allerdings lässt sich über die Verteilung der Rollen diskutieren.

Das Internet als Mitverursacher der Krisen

Es gibt durchaus ernstzunehmende Argumente dafür, dass die grossen Krisen unserer Zeit in einem gewissen Maße zugleich auch Reaktionen auf die digitale Vernetzung sind.

Dann wäre das Internet nicht nur ein Teil der Lösung, sondern auch ein Teil des Problems. Vielleicht sogar ein Mitverursacher der Krisen.

Unser Gebrauch des Netzes

Genauer formuliert: eine bestimmte Art und Weise das Netz zu nutzen bzw. das Netz nicht zu nutzen hat mit zu einem Teil der Probleme geführt, vor denen wir heute stehen.

Mithilfe der digitalen Computerverbünde wurden zwar die globalen Märkte und Finanzströme eng verzahnt, aber nicht die globale Politik und der weltweite Journalismus.

Aus dieser Perspektive haben PolitikerInnen und JournalistInnen bis heute einen eklatanten Nachholbedarf in Sachen Globalisierung.

Kulturpolitischer Dornröschen-Schlaf

Vielleicht ist “das verlorene Jahrzehnt” vor allem deshalb verloren, weil weder die Politik noch der Journalismus aus der nationalsprachlich verfassten Buchdruckkultur schnell genug aufgewacht sind.

Anders als die BankerInnen und die globalen WirtschaftsführerInnen haben die PolitikerInnen und JournalistenInnen in vielen Ländern allzu lange versucht, die transnationale Mediendynamik durch die Verengung auf’s Nationale zu unterwandern.

Ein Hauch von Passivität

Ein Hauch dieser passiven Strategie findet sich selbst noch in dem sonst vorbildichen Artikel von Kurbjuweit, Steingart und Theile.

So werden die ”vier schweren Krisen” (S. 154) von ihnen nicht als Prozesse beschrieben, die in sich selbst utopische Veränderungspotentiale bzw. kulturpolitische Gestaltungsoptionen bergen.

Aus Sicht der Autoren ist es statt dessen in erster Linie die externe “technologische Entwicklung, die Hoffnung macht” (S. 154).

Das globale Gemeinwesen

Wieso das? Oder mit den Worten von Kurbjuweit, Steingart und Theile selbst gefragt: “Kann ein interaktives Medium ein Gemeinwesen beleben?” (S. 160)

Sicherlich nicht von allein. Es sind die Menschen, die mit Hilfe des technischen Mediums das Gemeinwesen einer globalisierten Demokratie gestalten.

Determinismus

So stellen sich die Dinge jedenfalls aus der Sicht eines aktiven Denkens und Handelns dar, das von den neuen Instrumenten einen verantwortungsvollen und selbstbewussten Gebrauch macht.

Demgegenüber gibt es bei den SPIEGEL-AutorInnen einen gewissen Rest deterministischen Denkens.

Die Rückkehr der Geschichte

Streckenweise projizieren sie ihre Hoffnungen allzu sehr auf die technische Eigendynamik des Internet oder eine fast schon religiös anmutende  ”Rückkehr der Geschichte” (S. 161)

Doch diese ist genauso offen wie die Art und Weise, wie wir von den neuen technologischen Entwicklungen Gebrauch machen.

Menschen machen Geschichte

Menschen machen Geschichte und nutzen Medien zu diesen oder jenen Zwecken.

Es ist nicht “die Geschichte”, die handelt. Und es ist nicht “das Ínternet”, das die dringend benötigte globale Demokratie aus sich heraus hervorbringt.

Demokratische Staatengemeinschaften

Die Rettung der Demokratie durch Globalisierung der Politik wäre vor allem und in erster Linie eine Aufgabe der demokratischen Staatengemeinschaften. Zum Glück ist das auch den AutorInnen klar:

“Die ersten Länder, die den Klimaschutz ernst genommen haben, waren die Mitgliedstaaten der Europäischen Union, auch sie zu spät, aber immerhin: Sie sind Vorreiter geworden. Das heißt, dass ein wesentlicher Teil der westlichen Welt die Kraft zur Einsicht und zur Korrektur hat” (S. 161).

Vorreiter demokratischer Weltpolitik

Welche nationalen Parlamente werden Vorreiter dabei sein, sich selbst schrittweise ein wenig zurückzunehmen?

Welche Staaten werden dereinst als erste bereit sein, ihren Einfluß zugunsten eines demokratisch zu wählenden Weltparlaments ein Stück weit einzuschränken?

Was wir haben und was wir brauchen

Wir haben eine globalisierte Wirtschaft. Wir haben globalisierte Finanzströme. Wir haben eine globale Schuldenkrise der Nationalstaaten. Wir haben eine planetarische Klimakrise. Wir haben weltweiten Terrorismus und weltweite Migration.

Was wir brauchen ist ein verantwortungsbewusstes Weltbürgertum und eine globalisierte demokratische Politik.

Sich neu erfinden

Es tut gut, wenn JournalistInnen vor Augen führen, wie man global, langfristig und verantwortungsvoll denkt.

Es wäre noch schöner, wenn BürgerInnen und PolitikerInnen das zum Anlass nähmen, sich selbst in einem planetarischen Rahmen neu zu erfinden.

So könnte die Menschheit im kommenden Jahrzehnt vielleicht lernen, den globalen Problemen gemäß auf veränderte Weise demokratisch intelligent zu handeln.

Mike Sandbothe

Der Artikel von Dirk Kurbjuweit, Gabor Steingart und Merlind Theile ist unter dem Titel “Zeit der Exzesse” auf SPIEGEL-Online als digitaler Volltext zugänglich.

October 28th, 2009

“Das Böse lebt in der Tat.” Ein Gespräch mit Hans-Ludwig Kröber, Deutschland bekanntestem Gerichtspsychiater, Die Zeit, Nr. 44, 22. Oktober 2009, S. 39

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Das Zitat von Hans-Ludwig Kröber (58), mit dem der ZEIT-Wissenschaftsredakteur Ulrich Schnabel (47) sein Interview überschreibt, lässt sich als eine mögliche Antwort auf die Leitfrage des gesamten Heftes lesen. Auf dem ZEIT-Cover Nr. 44 ist diese in fetten roten Lettern wie folgt formuliert: “Woher kommt das Böse?”

Immer noch “böse”

“Das Böse lebt in der Tat” klingt wie eine gut geerdete, recht pragmatische Antwort auf eine spekulative Frage. Kröber philosophiert nicht über das Wesen des Menschen, sondern sagt statt dessen etwas über sein Handeln.

“Man muss kein böser Mensch sein, um böse Taten zu begehen.” Das klingt unprätentiös. Und doch ist in diesem Satz noch immer vom Bösen die Rede.

Alternative Wortwahl

In der christlichen Welt ist der Begriff des Bösen von Religion und Metaphysik geprägt. Aufgrund der damit verbundenen Assoziationen ist es nicht einfach, ihn aus dem alten Denken gemäß Wesensbestimmungen in ein neues Denken gemäß Handlungskategorien zu übertragen.

Aber Kröber macht einen guten Übersetzungsvorschlag, wenn er schreibt: “Für den, der Böses erlebt – also Demütigung, Qual und Zerstörung -, für den ist dieses Erleben unauslöschbar.”

Nicht konsequent

Zwar mag die These von der Unauslöschbarkeit den meisten LeserInnen nicht unmittelbar einleuchten. Aber der pragmatische Vorschlag, die Rede vom Bösen durch die konkreten Bestimmungen “Demütigung, Qual und Zerstörung” zu ersetzen, wird vermutlich als hilfreich und klärend empfunden.

Körber setzt diesen Vorschlag jedoch nicht wirklich um. Wäre er konsequent, würde er in seinen Kernaussagen die alternative Wortwahl realisieren.

Unauslöschbar

Statt: “Das Böse lebt in der Tat” hieße es dann: “Demütigung, Qual und Zerstörung leben in der Tat”. Und der Satz “Man muss kein böser Mensch sein, um böse Taten zu begehen” würde ersetzt durch die alternative Formulierung “Man muss kein gewalttätiger Mensch sein, um zu demütigen, zu quälen und zu zerstören.”

Kröbers Grund dafür, dass er weiterhin vom Bösen spricht, hat vermutlich damit zu tun, dass er es für unverzichtbar hält, die Erfahrung von Demütigung und Grausamkeit als “unauschlöschbar” und “nicht relativierbar” zu klassifizieren.

Unmittelbares Erleben

Der Gerichtspsychiater definiert “das Böse als eine Wahrnehmungskategorie, eine Form des unmittelbaren Erlebens”. Und er fährt fort: “So wie wir etwas als schön oder eklig empfinden, so erleben wir auch ein bestimmtes Handeln – ob wir es wollen oder nicht – als böse.”

Demütigung, Qual und Zerstörung sind demgegenüber Worte, deren Anwendung stärker auf intersubjektive Deutungsverhältnisse verweist.

In Graden

Was als demütigend und als grausam empfunden wird, unterliegt kultureller und historischer Variabilität. Grausames und demütigendes Verhalten kommt in Graden.

Aus diesem Grund können die damit verbundenen Erfahrungen sowohl auf der Seite des Täters als auch auf Seiten des Opfers zumindest partiell therapierbar, löschbar, heilbar sein.

Eine Art innerer Arztkittel

Das aber ist eine Vorstellung, die dem Direktor des Instituts für Forensische Psychiatrie an der Berliner Charité nicht gefällt; was vermutlich wiederum ganz praktische Gründe hat.

Sein Beruf zwingt ihn dazu, sich immer wieder mit den Details und den Folgen von hochgradig demütigenden und extrem grausamen Handlungen auseinander zu setzen. Den Begriff des Bösen verwendet er dabei wie “eine Art inneren Arztkittel”.

Unterschiedliche Beispielsphären

Psychische und physische Gewaltausübung gegenüber Frauen, Schwarzen und Kindern war lange Zeit ein Teil der christlichen Kultur. Erst unter demokratischen Lebensbedingungen hat sich dies im Zeitalter der Aufklärung in den letzten beiden Jahrhunderten zu ändern begonnen.

Doch diese historischen Einstellungsveränderungen in der kulturellen Wahrnehmung von Gewalt laufen quer zu den Einzelfällen, mit denen der Gerichtspsychiater zu tun hat. Seine Beispielsphäre hat eine andere, eine radikalere Natur.

Nicht leicht, sitzen zu bleiben

Die folgenden Sätze geben Einblick in die berufliche Praxis der forensischen Begutachtung:

“Es gibt doch Einzelne, die so viel Hass und Vernichtungswillen aufgebaut haben, dass sie sich immer wieder Situationen suchen, in denen sie dies ausleben können. Selbst im späteren Erzählen töten sie ihr Opfer noch einmal genüsslich. Da ist es manchmal nicht leicht, sitzen zu bleiben und brav mitzuschreiben.”

Professionsspezifische Grenzen

Die problematische Seite des Gesprächs, das Ulrich Schnabel mit Hans-Ludwig Körber geführt hat, besteht in der Tendenz zur Verallgemeinerung.

Da Kröbers Verwendung des Wortes “böse” sich aus seiner individuellen Erfahrung mit Extremsituationen ergibt, stößt sein öffentlicher Beitrag zur Säkularisierung unseres moralischen Vokabulars an private und professionsspezifische Grenzen.

An manchen Stellen im ersten Teil seines Interviews gelingt es Schnabel das auch deutlich werden zu lassen. Im zweiten Teil jedoch überwiegen generalisierende Fragestrategien.

Kulturpolitische Risiken

Aus meiner Sicht macht das ZEIT-Gespräch einen Schritt in die richtige Richtung. Doch das Festhalten am Begriff des Bösen birgt kulturpolitische Risiken.

Zwar erscheint “das Böse” nicht länger als objektiver Tatbestand oder gar als personifizierte Instanz. Statt dessen aber wird die Fähigkeit, gewalttätige Handllungen als böse wahrzunehmen, der biologischen Verfassung der menschlichen Art zugeschrieben.

Minimalbedingungen

In diesem Sinn schreibt Kröber: “Sofern wir bestimmte Minimalbedingungen des Aufwachsens erleben, funktionieren wir in der Regel leidlich gut und tun uns gegenseitig kein Leid an.” Und weiter: “Am Reißbrett hätte man unsere Spezies kaum besser entwerfen können.”

Für mein Gefühl sind die kulturellen Rahmenbedingungen, die zu erfüllen sind, um Demütigung und Grausamkeit in menschlichen Gesellschaften zu verringern und Solidarität zu stärken, alles andere als minimal.

Kulturelle Plastizität

Es bedarf vielmehr demokratischer Institutionen und vielfältiger edukativer Aktivitäten im Bereich von Kultur, Medien und Politik, um die große Plastizität, die den Menschen evolutionär auszeichnet, in eine gewaltfreie Richtung zu orientieren.

Damit will ich nicht sagen, dass das Menschentier von Natur aus grausam ist. Vielmehr lassen sich auch gewalttätige Gesellschaften (und Menschen) als Ergebnis kultureller Formung beschreiben. Antidemokratische Institutionen, schwarze Pädagogiken und autoritäre Sozialisationsmethoden haben sich dabei als besonders wirksame Formungsinstrumente erwiesen.

Mike Sandbothe

Das Gespräch, das Ulrich Schnabel mit Hans-Ludwig Kröber geführt hat, ist als Volltext unter dem Titel “Das Böse lebt in der Tat” auf ZEIT-Online zugänglich.

September 13th, 2009

“Der Tod, mein Lebensbegleiter” (Der Spiegel, Nr. 36, 31. August 2009, S. 32-44)

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Auf der Titelseite des SPIEGEL Nr. 36 ist der langjährige Spiegeljournalist Jürgen Leinemann (72) abgebildet. Er hat Krebs und darüber ein Buch geschrieben. Der SPIEGEL druckt dreizehn Seiten aus dem am 17. September erscheinenden Werk als Titelgeschichte unter der Überschrift: “‘Gestern wollte ich wieder sterben.’ Spiegel-Reporter Jürgen Leinemann über sein Leben mit Krebs” (SPIEGEL, Nr. 36, 31. August 2009, Titelseite).

Unbarmherzig bis in den Tod?

Eine Woche später, am 7. September, erscheinen die Leserbriefe im SPIEGEL Nr. 37. Das Spektrum der Kommentare reicht von “gesundheitspolitisch bedeutsam” (Nr. 37, S. 8 ) und “nach dem Lesen habe ich geweint” über “Wut” und “Feudalismus” bis zu “Herr Leinemann hat Privilegien, von denen die meisten nur träumen” und “eitel bis in den Tod”.

Tatsächlich bleibt der Autor auch in seiner vermutlich größten Daseinskrise dem Medium seines Lebens treu: “Jürgen Leinemann, jahrzehntelang SPIEGEL-Reporter, blickte mit Schärfe auf die Politiker des Landes – nun blickt er mit derselben Unbarmherzigkeit auf seine Krankheit.” (Nr. 36, S. 32).

Wie privat darf DER SPIEGEL werden?

Man darf vermuten, dass der SPIEGEL seinem hochverdienten Autor auf diesem Weg etwas zurück zu geben versucht. Öffentliches Schreiben als persönliche Krebstherapie. Fraglos eine sehr pragmatische Form des Journalismus. Unmittelbar wirkungsorientiert. Jedenfalls im Privaten. Und da liegt das Problem, auf das die meisten Leserbriefe reagieren. Wie privat darf der SPIEGEL (in seiner Titelgeschichte) werden?

Nun. Das Anliegen – so legt der ausführliche Untertitel nahe – ist ja nicht nur ein privates. Es geht nicht nur um Leinemann: “Was passiert, wenn der Krebs einen Menschen aus dem gewohnten Leben reißt? Fast eine halbe Million Deutsche erleben es jedes Jahr ” (S. 32).

Warum in der ersten Person?

Aber natürlich hat auch Hartmut Neumann aus Aachen einen wichtigen Punkt. Er fragt sich nämlich in seinem Leserbrief: “Warum schreiben Literaten und Journalisten so etwas in der ersten Person? Das Elend in der dritten Person (…) wäre für den Leser viel persönlicher.” (Nr. 37, S. 8).

Vermutlich liegt in diesem Übergang von der journalistisch kalten zur literarisch warmen Form die therapeutische Qualität des Artikels. Für den Autor jedenfalls. Kulturtherapie wäre auch in der dritten Person möglich. Selbsttherapie bedarf der ersten.

Arbeitsbesessenheit

Jetzt zum Text. Leinemann schreibt: “Es war Zeit, einen prüfenden Blick auf mein ganzes Leben zu werfen. Tatsächlich war ich erschrocken über die Liste schwerer Krankheiten und über die Leichtfertigkeit, mit der ich alle Warnsignale missachtet hatte, die mich zu Veränderungen meines Lebensstils, insbesondere meiner Arbeitsbesessenheit, hätten veranlassen sollen” (Nr. 36, S. 34).

Schreiben als Symptom? Journalismus und Besessenheit? Öffentliche Unbarmherzigkeit als Kompensation privater Selbstzweifel? Wie hängen Kultur, Journalismus, Krankheit und Therapie zusammen?

Flucht aus dem Leben

Dazu Leinemann in der dritten Person: “Normalerweise ist der Tod kein Thema in unserer Spaßgesellschaft” (S. 36).

Und weiter in der ersten: “Von meiner Kindheit an, über die Pubertät und Studentenzeit bis zu meiner Alkoholkrise in der Lebensmitte, war mir in depressiven Phasen oder in Druck- und Krisensituationen der Gedanke an eine Flucht aus dem Leben durch Selbstmord immer geläufig, allzu geläufig, wie ich heute finde” (S. 37).

Buchstabenmenschen

“Du bist ein homme de lettres” (S. 40) hatte der SPIEGEL-Gründer Rudolf Augstein einmal zu Leinemann gesagt. Was als Segen gemeint war, kann rückwirkend wie ein Fluch wirken.

Buchstabenmenschen sind “Leute, die durch Wörter zu dem wurden, was sie sind” (S. 40). Leinemann ist einer von ihnen. Er ist ein Mensch, der vom Medium der Sprache abhängig ist, dessen Droge das Reden und Schreiben ist.

Sprachlos

“Als ich erwachte war ich sprachlos. Ich war entsetzt, überwältigt. Hätte ich noch reden können, wären mir die Worte versiegt. Ich fühlte mich, als hätte man versucht, mich umzubringen” (S. 40).

Es war ein “Eingriff ohne Vorankündigung” (S. 40). Durchgeführt im Sankt-Gertrauden-Krankenhaus in Berlin. Ein “Entlastungsschnitt”, weil die Luft- und Speiseröhre nach der Operation von Leinemanns Zungengrundkarzinom so angeschwollen war, dass es zu körperlicher Schwäche und geistiger Desorientierung kam.

Der Körper lügt nicht

Alice Miller hat vor ein paar Jahren ein Buch mit dem Titel “The Body Never Lies” (2005) geschrieben. Dieser Titel kam mir in den Sinn als ich den dramatischen Höhepunkt von Leinemanns Leidensgeschichte las.

Mit Tränen in den Augen. Denn schließlich bin ich selbst dreißig Jahre lang ein homme de lettres gewesen.

Eine hallende, weite Leere

“Wer wäre ich denn, wenn ich nicht mehr reden könnte?” (S. 41) “In diesen sprachlosen Nächten im Sankt-Gertrauden-Krankenhaus wurde mir bewusst, dass der Rest meines Lebens grundlegend anders ablaufen würde als die ersten 70 Jahre” (S. 41).

“Eine hallende, weite Leere breitete sich in mir aus” (S. 40).)

Jenseits der Sprache

Diese Leere habe auch ich in meinem Leben kennen gelernt. Mittlerweile empfinde ich sie als durchaus positiv. Ich spüre darin den freien Raum, der sich eröffnet, sobald ein wohl konditioniertes Sprachtier entdeckt, dass es sich auch in anderen Medien als der Sprache selbst erschaffen kann.

Leinemanns Quintessenz aus der von ihm erlebten “Angst vor einem Leben ohne Sprache” (S. 41) liest sich so: “Das hat nicht nur mein Schreiben verändert, sondern auch meinen Blick auf die Politik und meine Profession. Ich habe mir so etwas wie ein inneres Geländer gezimmert” (S. 41).

Die Haltung des Journalisten

Das sieht so aus: “In seiner Haltung hat die Freiheit des Journalisten ihren Rückhalt. Für mich sind zwei Sätze als Leitlinien bestimmend geworden. Der erste heißt: Wirklichkeit ist alles, wo man durchmuss. Der zweite ist eine Gedichtzeile von Peter Rühmkorf: ‘Bleib erschütterbar und widersteh’” (S. 41).

Gibt es für den Autor Leinemann ein Jenseits seiner Autorschaft? Hat Leinemann sich selbst und die Welt unabhängig von der Macht der Sprache fühlen und lieben gelernt?

Sylt lieben

Auch meine erste Liebe habe ich auf Sylt entdeckt. Für das Meer und für ein Mädchen namens Corinna. Das war 1973. Bei Leinemann hieß sie Helga, war Chilenin und es geschah 1956.

Auf Sylt spielt auch die Schluss-Szene von Leinemanns Artikel, die ich unkommentiert zum Abschluss zitieren möchte.

Ich freute mich, dass ich lebte

“Das Wunderbarste waren die täglichen kurzen Spaziergänge am Meer. Am letzten Tag hing ein dünner Wolkenschleier über dem trägen Wasser, am Horizont im Südwesten leuchtete ein schmaler heller Streifen. Ich spürte, wie ich sentimental wurde, die Abschiedsstimmung und der flirrende Glanz des Meeres bewegten mich. Doch die Mühsal des Gehens im feuchten Sand ließ kitschige Weihegefühle nicht wirklich aufkommen. Schwer atmend blieb ich stehen und sah in die Ferne. Und ganz unvermittelt durchflutete mich eine warme Welle der Dankbarkeit – ich freute mich, dass ich lebte” (S. 44).

MIKE SANDBOTHE

Die Titelstory von Jürgen Leinemann ist unter dem Titel “Der Tod, mein Lebensbegleiter” auf SPIEGEL-Online als Volltext zugänglich.

August 13th, 2009

freiheit@unendlich.welt (Der Spiegel, Nr. 33, 10.8.2009, S. 68-81)

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Ein gut informiertes und beweglich denkendes Autorenteam hat im SPIEGEL Nr. 33 einen intelligenten Coverbeitrag zum Thema “Netz ohne Gesetz. Warum das Internet neue Regeln braucht” (SPIEGEL-Titelseite) geschrieben.

Thomas Darnstädt (60), Frank Hornig (40), Martin U. Möller, Marcel Rosenbach (37) und Hilmar Schmundt (43) integrieren zentrale Elemente der aktuellen Internetdebatte und stellen sie in einen weltpolitischen Horizont: “Nur einer transnationalen Instanz kann es gelingen, Ordnung zu schaffen. Das Ziel: die globale Netzdemokratie” (S. 68).

Von nationalstaatlichen zu transnationalen Akteuren

Grundlegender Wandel in den medialen Strukturen einer Gesellschaft führt über kurz oder lang – das zeigt die Geschichte – auch zu grundlegenden Veränderungen in den politischen Systemen. Die Geschichte der modernen Demokratien war bisher eng verzahnt mit der Mediengeschichte des Buchdrucks und der Entwicklung der Nationalstaaten.

Die politisch zentrale Frage angesichts globaler Probleme wie der aktuellen Weltwirtschaftskrise und der langfristig wirkenden Klima- und Energiekrise lautet daher: Wie läßt sich das globale Medium Internet nutzen, um produktiv zur Entwicklung einer transnational organisierten Form von Demokratie beizutragen?

Ominöse Allianz

Ein besonderes Verdienst des Artikels von Darnstädt et.al. liegt darin, deutlich vor Augen zu führen, wie das Festhalten an den althergebrachten politischen Regelungsformen nationalstaatlicher Demokratien in der aktuellen Transformationssituation Gefahr läuft, das Gegenteil dessen zu erreichen, was intendiert ist.

In Deutschland – so die Autoren – “doktert eine ominöse Allianz aus Bundeskriminalamt und privaten Anbietern in einer Grauzone herum” (S. 73). Mit Blick auf den Vertrag zur Filterung von Kinderpornographie, den Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen in diesem Jahr auf den Weg gebracht hat, heißt es im SPIEGEL weiter:

“Erstmals in der Geschichte des Grundgesetzes würde gesetzlich eine Art Zensurbehörde eingerichtet” (S. 72).

Verfassungspolitische Konflikte ersten Ranges

Ein weiteres Beispiel des Autorenteams ist das Gesetz zur Neuregelung der Telekommunikationsüberwachung und anderer verdeckter Ermittlungsmaßnahmen. Es ist vor zwei Jahren von Innenminister Schäuble gegen großen öffentlichen Widerstand durch den Bundestag gebracht worden.

Mit diesem Gesetz verbunden sind sowohl die Pflicht von Internet- und Telefonprovidern zur “sogenannten Vorratsdatenspeicherung” (S. 71) als auch die Eröffnung von neuen Handlungsspielräumen, die das Bundeskriminalamt zur “heimlichen Online-Untersuchung” (S. 71) von privaten Computern erhalten hat.

Sowohl hinter von Leyens Vertrag als auch hinter Schäubles Gesetz verbergen sich – so die Autoren im Rekurs auf den Rechtssoziologen Gunther Teubner – “verfassungspolitische Konflikte ersten Ranges” (S. 71).

Zwietracht und Rechtsstreit

Weil nationalstaatliche Alleingänge zur gesetzlichen Kontrolle des globalen Mediums Internet schon von der Sache her eine Überforderung national organisierter Kontrollinstrumente darstellen, kommt es zu einer strukturellen Neigung der Akteure, die Macht des Staates über seine grundgesetzlich verankerten Grenzen hinaus zu erweitern. Das ist gefährlich für die Demokratie.

Zusätzlich verbinden sich mit diesem Vorgehen Phänomene der Desintegration des politischen Handlungssystems: “Zwietracht und Rechtsstreit: Das ist meist alles, was dabei herauskommt, wenn die Politik versucht, in die Netzwelt einzugreifen” (72). Das gilt jedenfalls für die nationalstaatlich organisierte Politik.

Eine Denkblockade durchbrechen

Wie aber könnte eine transnational organisierte Regelung der Internetkommunikation aussehen? Das ist die Gretchenfrage, der sich das SPIEGEL-Team im Schlussteil seines Artikels widmet.

Um die Frage überhaupt sinnvoll stellen und dann auch eine Antwort finden zu können, muss zunächst “eine Denkblockade durchbrochen werden: Recht und Ordnung ohne Staat scheinen bislang nicht vorstellbar” (S. 78). Dabei hilft den SPIEGEL-Autoren die New Yorker Soziologin Saskia Sassen.

Das Vakuum der transnationalen Politik

Sie sieht “den transnationalen Cyberspace als eines von mehreren Symptomen für die Entstehung einer neuen politischen Ordnung” (S. 80).

Das Vakuum transnationaler Politik wird derzeit nicht nur von globalen Wirtschafts- und Finanzunternehmen ausgefüllt, sondern auch von stärker demokratisch strukturierten Organisationen wie den NGOs (Greenpeace, Amnesty International u.a.), weltweit agierenden Instituten nach dem Muster der Weltgesundheitsorganisation oder völkerrechtlich ausgerichteten Instanzen wie dem Internationalen Strafgerichtshof.

Digitale Weltöffentlichkeit

Das Internet erscheint der Soziologin vor diesem Hintergrund als Medium einer “digitalen Weltöffentlichkeit” (S. 80). Es könne zuammen mit den erwähnten transnationalen Demokratie-Organisationen bei der Kontrolle “jener globalen Player” eine wichtige Rolle spielen, “die von den nationalen Demokratien nicht mehr zu beherrschen sind” (S. 80).

Daraus folgern die SPIEGEL-Autoren dann weiter: “Statt nationaler Räuber-und-Gendarm-Aktionen im Weltraum der Kommunikation braucht es ein postnationales Netzregime” (S. 80). Als weiteren Beleg zitieren sie die EU-Kommisarin Viviane Reding, die “erst kürzlich eine pluralistisch organisierte Weltaufsichtsbehörde über die gute Ordnung im Netz” (S. 81) gefordert hat.

ICANN als Welt-Netzgericht

Aber wie könnte eine “Lex digitalis” (S. 81), eine “Netzweltordnung” (S. 81) konkret aussehen? Zur Beantwortung dieser Frage stützen sich Darnstädt et. al. auf “die normative Kraft tatsächlicher Entwicklungen” (S. 81). Damit ist in diesem Fall die transnationale Regelungspraxis der Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN) gemeint.

Diese Behörde, die über die Vergabe von Internetadressen (Domains) entscheidet, wird von den SPIEGEL-Autoren als “eine Art Welt-Netzgericht” (S. 81) gesehen. Als Beispiel zitieren sie eine Entscheidung des Schiedsgremiums der ICANN, die sich auf die Praxis des Kaperns von Domain-Namen bezieht.

Recht ohne Staat

Darin machen die ICANN-Juristen ohne staatliche Autoritätsanrufung einen Vorschlag zur Grundlegung einer transnationalen Internetrechtsprechung: “Das Internet ist vor allem das Gerüst der globalen Kommunikation, und die Freiheit des Wortes sollte eine der Grundlagen des Internetrechts sein” (S. 81).

Etwas voreilig jedoch zieht das SPIEGEL-Team daraus den folgenden Schluss: “Recht ohne Staat: Möglicherweise ist das allmächtige Netz die erste globale Entscheidungsstruktur, die tatsächlich den internationalen Zirkus der von den Staaten angetriebenen Konsenssuche ersetzen kann” (S. 81).

Das glaube ich nicht.

Global Governance

Meines Erachtens könnte die von Saskia Sassen beschworene “kritische Öffentlichkeit der Netzbürger” (S. 80) eine wichtige Grundlage für die Entstehung eines demokratischen Staatenbündnisses werden. Dieses würde dann womöglich handlungsfähige transnationale Institutionen schaffen, in deren Rahmen so etwas wie “global governance” in denjenigen Feldern praktiziert würde , in denen es drängende Probleme gibt, die nur global zu lösen sind.

Die von den SPIEGEL-Autoren in den Blick genommene Weltmedienordnung des Internet wäre dann Teil bzw. Nebeneffekt von politischen Aktivitäten, in denen es u.a. um die globale Regulierung der Finanzmärkte und die Lösung der weltumspannenden Klima- und Ressourcenprobleme geht.

Eine weitere Denkblockade

Um diesen Schritt zu gehen, bedarf es der Auflösung einer weiteren Denkblockade. Sie wird von den SPIEGEL-Autoren leider nicht thematisiert und besteht in dem Utopie- oder Totalitarismusverdacht, der sich mit dem Gedanken eines pragmatisch funktionierenden Weltparlaments verbindet. Dieses könnte von der Weltbevölkerung gewählt und von VertreterInnen aller demokratischen Staaten werden.

Gelingt es den DemokratInnen weltweit, diese “weltbürgerliche” Denkblockade schrittweise aufzuheben, dann besteht kein Anlaß mehr, die Idee der “weltweit gleichberechtigen und diskriminierungsfreien Teilhabe” (S. 81), für die im SPIEGEL-Artikel die Domainbehörde ICANN steht, auf den virtuellen Raum zu beschränken.

Demokratie neu erfinden

Das bedeutet: Nicht nur die Organisaton von “Internetgovernance” ist “eine dringende Aufgabe”, die “auf den Club der guten alten Staaten” (S. 81) wartet. Das gleiche gilt für die Etablierung von “global governance” in einem weiten Sinn des Wortes, der virtuelle und reale Räume gleichermassen umfasst.

Desto eher sich die demokratischen Staaten dieser Aufgabe stellen, um so größer ist die Chance, dass Demokratie in der globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts nicht noch mehr zu einer Feigenblattveranstaltung global agierender Wirtschaftsunternehmen wird. Statt dessen käme es darauf an, sie im globalen Maßstab auf überzeugende, authentische und wirksame Weise neu zu erfinden.

Mike Sandbothe

Der Artikel von Thomas Darnstädt, Martin U. Müller, Marcel Rosenbach und Hilmar Schmundt ist unter dem Titel “freiheit@unendlich.welt” auf SPIEGEL-Online als Volltext zugänglich.

August 10th, 2009

Kinder der Angst (Der Spiegel, Nr. 32, 3.8.2009, S. 38-48)

Posted in Der Spiegel by mike

Die SPIEGEL-Redakteurin Kerstin Kullmann (30) plädiert “für mehr Gelassenheit in der Erziehung”(SPIEGEL-Titelseite).

Wie wenige Tage zuvor schon ihre ZEIT-Kollegin Tanja Stelzer (38) – vgl. den entsprechenden Mediary-Kommentar vom 4. August 2009 – diagnostiziert auch Kullmann in ihrer 10-seitigen SPIEGEL-Titelstory eine zunehmende Hilflosigkeit der aktuellen Elterngeneration.

Expertenwissen statt Eigenerfahrung

“Die neuen Eltern hören nicht mehr auf ihr Bauchgefühl. Sie misstrauen ihrem Instinkt. Mit Hilfe von Ratgebern und Ärzten überprüfen sie stattdessen, ob sie fachgerecht handeln” (S. 42).

Ähnlich wie Stelzer für die ZEIT befragte auch Kullmann für den SPIEGEL Ärzte, Historiker, Pädagogen und Therapeuten. Anders als diese jedoch recherchierte sie darüber hinaus “in Krabbelgruppen und Geburtsvorbereitungskursen, auf Spielplätzen und in Kinderkliniken” (SPIEGEL-Hausmitteilung, S. 3)

Sie praktizieren, was sie beklagen

Beide Autorinnen beklagen den Sachverhalt, dass in unserer Gesellschaft das Expertenwissen zunehmend an die Stelle der eigenen Erfahrung, die Autorität des fremden Kopfes zunehmend an die Stelle des eigenen Gefühls getreten sei.

Mein Eindruck bei der vergleichenden Lektüre der beiden Artikel: Die zwei journalistischen Profis praktizieren über weite Strecken genau das, was sie beklagen.

Die neuen Journalistinnen hören nicht mehr auf ihr Bauchgefühl

Oder in freier Anlehung an Kullmann (und daher begrifflich etwas überpointiert) formuliert:

Die neuen Journalistinnen hören nicht mehr auf ihr Bauchgefühl. Sie misstrauen ihrem Instinkt. Mit Hilfe von Expertengesprächen und Spielplatzrecherchen überprüfen sie stattdessen, ob sie fachgerecht publizieren.

Muttererfahrungen

Während Stelzer in der ZEIT immerhin an zwei Stellen ihres Artikels auf ihre eigenen Lebenserfahrungen als Mutter Bezug nimmt, findet sich in dem SPIEGEL-Beitrag von Kullmann keinerlei Referenz auf ihre persönlichen Erfahrungen.

Den einzigen Bezug auf die Mutterschaft der Autorin stellt die SPIEGEL-”Hausmitteilung” her. Diese ist als vertiefender Wegweiser dem Inhaltsverzeichnis des SPIEGEL vorangestellt, hat also einen sehr prominenten Platz im Blatt.

Das Geschrei hört irgendwann von allein auf

Dort wird berichtet, dass “Kullmann, Mutter eines Zweijährigen (…) für manche überforderte Eltern (…) sogar selbst zur Beraterin wurde.”

Dazu wird Kullmann im O-Ton zitiert: “Als mich eine Mutter fragte, ob Fencheltee ihren brüllenden Säugling wirklich beruhige, konnte ich nur sagen: ‘Das Geschrei hört irgendwann von allein auf.’ Das stand in keinem Buch, aber sie war damit hochzufrieden” (S. 3).

Schwarze Pädagogik

Tatsächlich steht so etwas heute in keinem guten Buch mehr.

Aber in Zeiten der schwarzen Pädagogik gehörte es durchaus zum Repertoire der Ratgeberliteratur, dass Kinder sich ausschreien müssen und es daher wichtig ist, dass die Mutter möglichst früh eine emotionale und räumliche Distanz zu ihrem Baby aufbaut.

Was Kullmann als ihr Bauchgefühl empfindet, ist vermutlich das Produkt eines Ratgeberwissens, das durch praktische Umsetzung über Generationen hinweg zur Erfahrung geronnen ist und heute mit gutem Recht als veraltet gilt.

Gedanken machen Bauchschmerzen

Damit bin ich bei einem begrifflichen Grundproblem von Kullmanns Artikel. Ihr Vokabular ist von der polaren Gegenüberstellung zwischen Bauch und Kopf, Gefühl und Gedanke, Erfahrung und Wissen geprägt. Dieser abstrakte Gegensatz ist alles andere als erfahrungsgesättigt.

Wenn wir einmal in uns selbst hineinspüren, stellen wir fest, dass Kopf und Bauch im Regelfall eng miteinander verbunden sind. Bestimmte Gedanken machen mir Bauchschmerzen. Und wenn ich hungrig bin, habe ich andere Gedanken als wenn ich satt bin, wenn mir übel ist, andere als wenn ich mich wohl fühle.

Das Nullgefühl

Das gleiche gilt für das Verhältnis von Gefühl und Gedanke. Kein Gedanke, der nicht auch mit einem Gefühl verbunden wäre.

Selbst die Bedeutung eines so abstrakten Gedankenzeichens wie “0″ oder “1″ löst emotionale Assoziationen in uns aus. Beim Zahlzeichen “0″ assoziere ich zum Beispiel das Gefühl von Mangel, von Leere, von Stillstand, aber auch von Neubeginn.

Freude als Freude und Wut als Wut

Und andersherum ist es so, dass die meisten Gefühle nicht gedankenlos sind.

Denn schon in dem Moment, in dem ich meine Freude als Freude oder meine Wut als Wut identifiziere, bringe ich diffuse Empfindungen auf einen Begriff.

Man könnte sogar sagen, dass ein in aller Tiefe als es selbst empfundenes Gefühl immer auch eine ganzheitliche Beteiligung meines Denkens im Fühlen voraussetzt.

Wissens- statt Erfahrungsgesellschaft

Ähnlich ist es um das Verhältnis von Erfahrung und Wissen bestellt. Erfahrung ohne Wissen ist blind, Wissen ohne Erfahrung leer.

Andreas Rödder, Professor für Neuere Geschichte an der Uni Mainz, hat Kullmann in einem Expertengespräch wissen lassen: “Die Eltern geben nichts mehr auf ihre eigenen Erfahrungen. Gar nichts. Auch ohne Kind – aber besonders mit. Der Wert unserer Erfahrungen sinkt. Wir sind eine Wissens- und keine Erfahrungsgesellschaft mehr” (S. 42).

Probleme mit dem Vokabular

Auch der Geschichtswissenschaftler hat offensichtlich seine Probleme mit dem Vokabular.

Einerseits formuliert er vorsichtig und in Graden: “Der Wert unserer Erfahrungen sinkt.” – Das ist verständlich. Denn wir befinden uns mitten in einem Prozess globaler Transformation, der Kultur, Medien, Politik und Wirtschaft umfasst.

Andererseits neigt auch Rödder zur begrifflichen Polarisierung: “Die Eltern geben nichts mehr auf ihre eigenen Erfahrungen. Gar nichts.” – Das ist fraglos überspitzt. Ein Mensch, der nichts mehr auf seine eigenen Erfahrunge geben würde, wäre vermutlich nicht lebensfähig. Und Wissen, das nicht auf Erfahrungen beruht, ist kein Wissen.

Die Mischung macht’s

Gerade in Phasen historischer Transformation ist es sinnvoll und hilfreich, das Verhältnis von Bauch und Kopf, Gefühl und Gedanke, Erfahrung und Wissen nicht immer nur in der strengen Logik des “Entweder-Oder”, sondern auch einmal im entspannten Vokabular des “Sowohl-Als-Auch” zu formulieren.

Abstrakte Wesensfragen nach dem Muster “Ist das Erfahrung oder Wissen?” lassen sich so in liberalere Fragen nach Graden und Mischungsverhältnissen umformulieren: “Wieviel Erfahrung mischt sich mit wieviel Wissen?

Die Elternschaft meiner Eltern

Wenn ich auf mich selbst als werdenden Vater schaue, stelle ich fest, dass bei mir tatsächlich das Verhältnis von Erfahrung und Wissen ein anderes ist als noch bei meinen Eltern.

Natürlich haben auch meine Eltern schon Erziehungsratgeber gelesen. Aber es gab noch kein Fernsehen und kein Internet. Der Wissensanteil meines sich entwickelnden Vatergefühls ist fraglos höher als er es bei meinem Vater war als ich 1961 geboren wurde.

Kullmanns relatives Recht

In dieser Veränderung der Mischungsverhältnisse liegt das relative Recht von Kullmanns Artikel.

Aber muss diese graduelle Verschiebung tatsächlich dazu führen, dass Eltern – wie Kullmann unterstellt – “aufhören, ihren gesunden Menschenverstand zu benutzen?” (S. 42)

Bescheidwisserei unter Deutschlands Eltern

Schärfer formuliert: Ist es angesichts der aktuellen Transformationsdynamik angemessen, sich über zunehmende “Bescheidwisserei unter Deutschlands Eltern” (S. 42) zu beklagen?

Mehr noch: Ist es angemessen, sich über Lisa Mohr (23) lustig zu machen, die “einen Zahnpflege-, einen Ernährungs- und einen Babykochkurs” (S. 42) besucht, obwohl – wie Kullmann bissig bemerkt – “ihre Tochter weder Zähne im Mund noch jemals Brei gegessen hat”?

Anti-Ratgeber als höchste Autorität

Worauf will die Autorin eigentlich hinaus? Interessanterweise zieht sie ihr Fazit mithilfe desselben “Anti-Ratgebers” (S. 47), der auch schon in Stelzers ZEIT-Artikel als höchste Autorität auftrat.

Remo Largo hat als Arzt und Professor 35 Jahre lang die Abteilung Wachstum und Entwicklung des Zürcher Kinderspitals geleitet. In der begrifflichen Welt von Kullmann steht er deshalb für den Pol der Erfahrung.

Man kann gar nichts machen

Largos Leitsätze lauten: “Nichts kann das Kind in seiner Entwicklung beschleunigen. Und nichts kann das Kind in seiner Entwicklung verbessern” (S. 47). In Kullmanns Reformulierung wird daraus: “Alles wird gut. Man muss gar nichts machen. Man kann gar nichts machen” (S. 47).

Das erscheint mir wie eine Überreaktion auf das von Kullmann zurecht kritisierte “Rattenrennen ums Superkind” (S. 47). Die beste Alternative zur Selbstüberforderung ist nicht notwendig die Resignation. Insgeheim weiß die Autorin und Mutter das auch selbst.

Emotionalität, Stabilität, bedingungslose Zuwendung

Denn obwohl der bereits zitierte Historiker Andreas Rödder meint: “Emotionalität, Stabilität, bedingungslose Zuwendung. Alles überhaupt nicht mehr zeitgemäß” (S. 42f). So gilt laut Kullmann doch: “Väter und Mütter müssen diese Werte verteidigen in einer Gesellschaft, in der sie schnell als gefühlsduselig und verbohrt gelten” (S. 43).

Ich hätte mich gefreut, wenn die Autorin von dieser Einsicht in ihrem Artikel mehr Gebrauch gemacht hätte.

Eine demokratische Balance

Sowohl Kerstin Kullmanns SPIEGEL-Titelstory als auch die ZEIT-Covergeschichte von Tanja Stelzer zeigen, wie schwer es ist eine demokratische Balance zu finden zwischen den professionellen Standards journalistischer Magazinarbeit und dem Erfahrungswissen eigener Elternschaft.

Zukünftige Autorinnen und Autoren können aus beiden Texten sicherlich vieles lernen. Im Guten wie im Schlechten.

Mike Sandbothe

—-

Der Artikel von Kerstin Kullmann ist unter dem Titel “Kinder der Angst” als Volltext auf SPIEGEL-Online zugänglich.

August 4th, 2009

Ich will doch nur spielen (Zeit-Magazin, Nr. 32, 30.7.2009, S. 10-14)

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Tanja Stelzer (38) ist studierte Germanistin, professionell ausgebildete Journalistin und Textchefin des Zeitmagazins. In ihrem Cover-Beitrag geht es um den “Wahn vieler Eltern, dass ihre Kinder alles können müssen – und den bösen Folgen, die das nach sich zieht” (Die Zeit, 30.7.2009, Köpfe der ZEIT, S. 10).

Welcher Wahn? Welche Folgen?

Am Ende meiner Lektüre erwischte ich mich beim Nachdenken über den Wahn vieler JournalistInnen, dass sie selbst alles können müssen – und den bösen Folgen, die das nach sich zieht. Wie ist es zu dieser von Stelzer sicherlich nicht intendierten Lektüre-Nebenwirkung gekommen?

Nicht nur der werdende Vater in mir, sondern auch der therapeutische Medienphilosoph hätten sich wohl gefreut, wenn die Autorin und zweifache Mutter ihre Gedanken im entspannten Stil eines persönlichen Erfahrungsberichts formuliert hätte. Aber sie selbst scheint der Überforderungslogik ein Stück weit erlegen zu sein, die sie in ihrem Artikel elternkritisch anprangert.

Statt eines einfachen Erfahrungsberichts hat Stelzer ein komplexes Referate-Potpourri von Expertengesprächen zusammen gestellt, die sie in der Schweiz und an verschiedenen Orten in Deutschland geführt hat. Auch das ist natürlich interessant und klingt ungefähr so:

Völlig ohne Programm

Die Schulleiterin der Hamburger Gorch-Fock-Grundschule läßt Kinder auf der Klassenfahrt eine Woche “völlig ohne Programm” (S. 12). Weil sie “das Runterkommen” (S. 12) lernen müssen.

Denn die Eltern haben die Freizeit ihrer Kinder zu einer Termin-Rallye umfunktioniert: “Sie gehen zum Hockey, zum Tennis, zum Segeln, zur Musikstunde, machmal haben sie an einem Nachmittag zwei bis drei Programmpunkte zu absolvieren.” (S. 12)

Der Berliner Jugendforscher Klaus Hurrelmann sieht “eine Welle von Autismus- und Depressionsdiagnosen” (S. 12) voraus. Denn, so referiert die Autorin weiter, “wir haben noch nie einen medizinischen Trend aus Amerika ausgelassen” (S. 12)

Das Chauffeurdasein der Eltern

Und jetzt kommt für eine lange Artikelstrecke nur noch Remo Largo. Denn Stelzer findet: “Der Mann ist eine Institution” (S. 12). Er war 35 Jahre lang Professor am Zürcher Kinderspital und hat die Entwicklung von 800 gesunden Kindern dokumentiert, von der Geburt bis zum Alter von 20 Jahren.

Dabei hat Largo u.a. festgestellt, dass intelligente Eltern zumeist weniger intelligente Kinder haben und “dumme Eltern mit hoher Wahrscheinlichkeit ein weniger dummes Kind” (S. 12f).

Außerdem weiß der Mann mit dem tollen Namen, dass Väter im Schnitt pro Tag nur 20 Minuten Zeit für ihre Kinder aufbringen und dass Mütter allzu häufig dem Mißverständis erliegen, “dass das Chauffeurdasein der Eltern etwas mit Zuneigung zu tun haben könnte” (S. 14).

Das Recht des Kindes

Aber damit nicht genug. Die Ärztin Inge Flehmig, die noch mit 84 Jahren das Hamburger Zentrum für Kindesentwicklung leitet, hat der Autorin erzählt, dass hyperaktive Kinder – bei 10 bis 11 Prozent eines Jahrgangs wird ein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADHS) festgestellt – so zappeln, weil sie die innere Balance verloren haben und sich so fühlen “als wären sie aus der Schwerelosigkeit des Weltraums ins Schwerefeld der Erde zurückgekehrt” (S. 14).

Den Hirnforscher Gerald Hüther überspringe ich jetzt einfach mal. Denn er kommt später noch dran.

Aber den “großen alten Mann der Pädagogik” (S. 14) wollen wir im Stelzer-Referat doch noch zu Wort kommen lassen. Janusz Korczak heißt er und forderte schon vor siebzig Jahren “erstens das Recht des Kindes auf seinen eigenen Tod (…), zweitens das Recht des Kindes auf den heutigen Tag (…) und drittens das Recht des Kindes, so zu sein, wie es ist (…)” (S. 14).

Schule als Verbrechen

Fast hätte ich Ulrike Kegler vergessen. Sie ist Leiterin einer Montessorischule in Potsdam. Das ist eine Schule, “wo es keine Noten gibt und kein Melden und Drannehmen oder Nichtdrannehmen, wo die Kinder am Boden liegen dürfen, wenn sie schreiben oder malen oder rechnen” (S. 14).

Das – so hat Stelzer gehört – ist viel besser als die sonst übliche “Einheitsschule”. Letztere ist nämlich – und jetzt kommt der oben übersprungene Hirnfoscher Hüther doch noch zum Zuge – “ein Verbrechen, das an den Kindern begangen wird” (S. 14).

Denn, so referiert Stelzer den Kinderhirnexperten weiter: “Gut in Mathe sind (…) nicht die Kinder, die besonders viel Mathe üben, sondern die auch gut auf Balken balancieren können” (S. 14).

Der werdende Vater in mir

Hm. Der werdende Vater in mir fühlt sich ein wenig hilflos und ziemlich verwirrt.

Was können wir Elternanwärter aus dem Artikel von Frau Stelzer konkret lernen? Und was bedeutet das alles für wirkliche Eltern und wirkliche Kinder heute?

Zum Glück läßt die Autorin uns mit den von ihr eloquent verbundenen Expertenansichten nicht gänzlich allein stehen. Sie hat durchaus eine eigene Meinung und äußert diese auch – an zwei Stellen ihres Textes.

Aus eigener Muttererfahrung

Die erste Stelle findet sich im Abspann und lautet: “Irgendwie scheinen wir Erwachsene eine ziemlich simple Sache vergessen zu haben: Kinder wollen doch nur spielen. Vielleicht sollten wir sie zur Abwechselung einfach mal lassen. Und, wenn es sein muss, selber zum Therapeuten gehen” (S. 14).

Die zweite Stelle ist auf der gleichen Seite in der Mitte oben. Auch hier verbirgt sich Tanja Stelzer nicht hinter Autoritäten, sondern schöpft direkt aus ihrer eigenen Muttererfahrung.

Das Räderwerk, in dem wir selbst stecken

Sie schreibt: “Der Satz. ‘Warte mal, ich muss noch schnell…’ – die Autorin spricht ihn selbst viel zu häufig. Wie oft sehen wir unsere Kinder an und halten das, was wir sehen, für ein Spiegelbild unserer selbst? Wie oft denken wir den Satz: ‘Warum macht er das jetzt nicht? Ich hab das doch in dem Alter schon lange gekonnt!’”

Und Stelzer fährt fort: “Wir müssen lernen, dass Kinder nicht Abziehbilder von uns selbst sind, nicht die Leinwand für unsere Projektionen. Sie gehören uns nicht – wir müssen sie verteidigen gegen das Räderwerk, in dem wir selbst stecken” (S. 14).

Und jetzt auch noch der Medienphilosoph

Das stimmt. Aber wäre es zusätzlich nicht auch noch gut, dieses Räderwerk, in dem wir selbst stecken, Schritt für Schritt zum Besseren zu verändern?

Dabei kann ein guter Therapeut und Coach helfen. Oder ein sensibler Heiler und Schamane. Oder einfach helfende und wissende Zeugen, Kollegen, Freunde, Verwandte, Bekannte.

Das gilt natürlich auch für das Räderwerk des journalistischen Betriebes, für die erstarrte Professionalität von Expertengesprächen, für das Chauffeurdasein der länderübergreifend recherchierenden Journalistin.

Less is more

Auch hier gilt: Less is more! Einfach mal locker lassen! Einfach mal auf’s eigene Leben schauen! Nicht immer nur zitieren und referieren! Einfach mal das geschriebene Wort aus der eigenen Erfahrung heraus mit Gefühl aufladen!

Na klar. Tanja Stelzer tut das. Hier und da. Es ist eine Frage der Grade.

Den Lebensstil ändern, den Schreibstil ändern

Sowohl der werdende Vater als auch der therapeutische Medienphilosoph – und nicht nur diese – wären vermutlich um ein paar hilfreiche Veränderungsvorschläge und konkrete Verbesserungsideen reicher, wenn die erfahrene Mutter Tanja Stelzer nicht nur zweimal, sondern vielleicht dreimal, viermal, fünfmal – oder sogar sechsmal – über die von der professionellen Journalistin interviewten Experten gesiegt hätte.

Wenn das, was wir mit unseren Kindern tun, “die zwangsläufige Folge eines Lebensstils ist, der menschliche Bedürfnisse ständig verletzt” (S. 14), dann wird es Zeit, dass wir nicht nur darüber klagen, sondern beginnen, diesen Lebensstil Schritt für Schritt zu verändern. Und unser Schreibstil ist ein Ausdruck unseres Lebensstils.

Mike Sandbothe

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Der Artikel von Tanja Stelzer (38) ist unter dem Titel “Ich will doch nur spielen” auf Zeit-Online zugänglich.

June 22nd, 2009

Begegnung: Glück ist anstrengend – aber auch nur dann richtig schön, meinen Günther Jauch, Glücksbringer, und Gerhard Schulze, Glücksforscher (Chrismon. Das evangelische Magazin, 06.2009, S. 30-34, in: Die Zeit, Nr. 25, 10. Juni 2009)

Posted in Die Zeit by mike

Kleinster gemeinsamer Glücksnenner

Eine gute Idee finde ich das: der publikumswirksame Moderator von „Wer wird Millionär?“ (1999 ff) und der nicht nur akademisch bekannte Soziologieprofessor und Autor des Buchs „Die Erlebnisgesellschaft“ (1992) im öffentlichen Dialog über die uns alle privat bewegende Frage: ‚Was ist Glück?’

Und doch war ich am Ende meiner Lektüre enttäuscht über das Ergebnis. Denn der kleinste gemeinsame Glücksnenner, auf den sich Jauch (52) und Schulze (64) nach vier Seiten Konversation einigen können, lautet schlicht: „durch Mühsal zu den Sternen!“

Schwarze Pädagogik

Schulze ist ein Kind der vierziger, Jauch eins der fünfziger Jahre. In dieser Zeit galten „die Erziehungsziele Gehorsam, Pflichtbewusstsein, Unterordnung“ (Schulze, S. 34) als kanonische Wertmaßstäbe sowohl in der Familie als auch in den Bildungsinstitutionen und in den Medien.

Die Zürcher Kindheitsforscherin Alice Miller (86) hat den an solchen Werten orientierten Erziehungsstil als „schwarze Pädagogik“ bezeichnet. In ihren weltweit einflussreichen Büchern (1979ff) zeigt sie auf, wie die Unterdrückung der kindlichen Individualität u.a. zur Herausbildung narzisstischer Persönlichkeiten führen kann.

Krieg, Trauma und Narzissmus

Narzissten sind Miller zufolge Menschen, denen es in ihrer Kindheit an authentischer Elternliebe gefehlt hat. Im Nachkriegsdeutschland konnten die durch den Krieg traumatisierten Eltern ihren Kindern häufig die unbedingte Liebe nicht geben, die kleine Menschenwesen benötigen, um eine einfache, klare und in sich ruhende Selbstachtung aufzubauen.

Als Reaktion haben viele Kinder der Kriegsgeneration angefangen, kompensatorische Formen der Selbstliebe auszubilden. Sie haben das, was die Eltern an ihnen möglicherweise wertschätzen, nicht unmittelbar in ihrem inneren Sein, in ihrer einfachen Präsenz finden können, sondern (vermittelt über ein äußeres Bild) auf ein erst noch zu erreichendes Ich-Ideal projiziert.

Bezogen auf die Glücksthematik bedeutet dies, dass die grundlegende Glückserfahrung, die darin besteht, sich selbst lieben zu können, in einer durch narzisstische Persönlichkeitstypen geprägten Gesellschaft zum Resultat einer außerordentlichen Anstrengung wird.

Ein trauriger Konsens

Dieser Sachverhalt spiegelt sich in dem traurigen Konsens, auf den sich der Glücksbote Jauch und der Glücksforscher Schulze am Ende ihres Gesprächs verständigen.

Das „anstrengungslose Glück“ (Schulze, S. 34) ist für die beiden nur eine Chimäre wie „der ewige Feierabend“ (Jauch, S. 34). Nur wer leidet und sich wirklich anstrengt, konzentriert und immer wieder überfordert, hat die Chance im Erfolgsfall „glückhafte Momente“ (Jauch, S. 32) der „Selbstvergessenheit“ (Schulze, S. 34) zu erleben.

Karriere und Kinder

Als Gesellschaftsdiagnose, also als Symptom ist das sicherlich gut gesehen. Das Problem ist nur, dass die beiden Gesprächspartner die narzisstische Deformation, die sie selbst vermutlich mehr oder weniger erfolgreich leben, zum allgemeinen Ideal erklären.

Alice Miller zufolge gibt es zwei weit verbreitete Standardreaktionen auf den traumatisch induzierten Liebesmangel, durch den die Sozialisation der deutschen Nachkriegsgeneration gekennzeichnet ist: Karriere und Kinder.

Die Liebe, die mir meine Eltern nicht geben konnten

Karriere: die Liebe, die mir meine Eltern nicht geben konnten, erarbeite ich mir durch glänzenden beruflichen Erfolg, der mich nachträglich im Erwachsenenalter dann doch noch irgendwie (für mich selbst und andere) liebenswert machen soll.

Kinder: die Liebe, die mir meine Eltern nicht geben konnten, gebe ich ersatzweise meinen eigenen Kindern. Ich liebe dann in meinen Kindern kompensatorisch genau das, was von meinen Eltern in mir, als ich selbst ein Kind war, übersehen wurde. Auch das ist dann freilich keine authentische Liebe und führt bei meinen eigenen Kindern vermutlich erneut zu narzisstischen Reaktionsbildungen.

Das „Augenstern-Projekt“

Interessanterweise kommt Günther Jauch auf diese zweite Form der narzisstischen Reaktionsbildung selbst zu sprechen:

„Aber wenn Eltern ihr Kind als persönliches Glücksprojekt ansehen, wird das schwierig. Viele wollen ihren Kindern das zu Füßen legen, was ihnen selbst verwehrt geblieben ist. Wenn ich mit meiner Frau Eltern beobachte, die ihrem Kind jeden Wunsch erfüllen, gucken wir uns an und sagen: Schon wieder so ein Augenstern-Projekt. Da werden tendenziell kleine Tyrannen herangezogen“ (Jauch, S. 34).

Ich bin mir nicht sicher, ob der Begriff des Tyrannen hier gut gewählt ist. Aber was Jauch meint, lässt sich mit Alice Millers Überlegungen zur kompensatorischen Wunscherfüllung via Idealisierung der eigenen Kinder gut nachvollziehen.

Miller würde hier jedoch noch einen Schritt weiter gehen. Aus ihrer Sicht wäre der therapeutische Blick, den Jauch und seine Frau auf die Augenstern-Projekte befreundeter Ehepaare richten, auch auf Jauch selbst anzuwenden.

„Auf das Gleis geschubst“

Seiner eigenen Einschätzung zufolge war es Jauchs „größter beruflicher Glücksfall“ (S. 33), dass Thomas Gottschalk ihn einst „auf das Gleis geschubst (hat), auf dem ich heute fahre“ (Jauch, S. 33). Damit meint Jauch seine Medienkarriere, die ihm „eine neue Welt eröffnet hat“ (ebd.).

In dieser Welt der televisionären Wunschträume und Wunscherfüllungen stellt Günther Jauch in „Wer wird Millionär?“ jede Woche erneut das für ihn selbst vermutlich prägende „Drama des begabten Kindes“ (Miller) nach.

Dabei übernimmt er die Position der (eben nicht bedingungslos, sondern nur unter bestimmten Erfolgsbedingungen) liebenden Mutter, die mit ihren liebes-, geld- und anerkennungshungrigen Kindern ein manchmal durchaus grausames Spiel spielt.

Das Glück der Durchbrüche

Sowohl in Jauchs Privatsphäre als auch in seiner Show ist an die Stelle des anstrengungslosen und stillen Glücks, das Menschen kennen, die von ihren Eltern wirklich geliebt worden sind, „das Glück der Durchbrüche“ (Schulze, S. 33) getreten.

Sicherlich: es gibt diese schweißtreibende und disziplinorientierte Glücksform, und sie ist wichtig und bedeutsam. Aber es ist ein Symptom unserer narzisstisch sozialisierten Gesellschaft, dass Prominente wie Jauch diese Art von Glück verabsolutieren.

Der Trost der Mütter

Doch ein Trost bleibt am Ende der Lektüre. Sowohl der mediale Glücksbote als auch der wissenschaftliche Glücksforscher kommen zu guter letzt auf ihre Mütter zu sprechen. Und zwar beim Thema Religion.

So bekennt Jauch, dass es für ihn eine „große Hilfe“ ist, in Momenten der Krise mit einer „höheren Instanz“ zu kommunizieren, von der er weiß: „Die liebt mich, die sieht mich als einzigartig an, die hält ihre schützende Hand über mich und sieht einen Sinn in allem, was ich tue und was mir widerfährt“ (Jauch, S. 34).

Und Schulze erinnert sich am Ende des Gesprächs an einen Traum seiner Mutter, der beschreibt, wie es sich anfühlt zu glauben: „Sie träumte, sie liegt in einer großen Hand.“ (Schulze, S. 34)

Das Leben selbst schon Glück

Aus der Sicht von Alice Miller muss die Erfahrung unbedingter Liebe nicht ein Traum der Religion bleiben. Kinder haben ein Recht auf authentische Liebe. Denn ohne diese können sie auch später nicht spüren, dass das Leben selbst schon als Glück erfahren werden kann. Ganz ohne Anstrengung. In einfacher Präsenz. Ohne Trauma. Ohne Krieg.

Mike Sandbothe

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Das Gespräch, das Arnd Brummer (52, Redaktionsleiter und Geschäftsführer von Chrismon) und Nils Husmann (32, Fachredakteur bei Chrismon) mit Günther Jauch und Gerhard Schulze geführt haben, ist unter dem Titel “Glück ist anstrengend” auf der Homepage von Chrismon zugänglich.

June 5th, 2009

Na, Freundchen? Mark Zuckerberg hat das Internet-Netzwerk Facebook gegründet … (ZEITmagazin, in: Die Zeit, Nr. 23, 28.5.2009, S. 20-24)

Posted in Die Zeit by mike

Der Redaktionsleiter des ZEITmagazins, Christoph Amend (35), und der ZEIT-Wirtschaftsredakteur Götz Hamann (40) haben in Berlin ein Gespräch mit Mark Zuckerberg (25) geführt, dem Gründer und Vorstandsvorsitzenden von Facebook. Für die Publikation haben die beiden Journalisten nicht die Form des Interviews gewählt, sondern aus ihrem Treffen mit Zuckerberg einen dreiseitigen Kurzessay gebastelt. Darin denken sie darüber nach, ob sich mit dem Freundschaftsnetzwerk in Zukunft viel Geld machen läßt und was Zuckerberg ganz privat eigentlich für ein Mensch ist.

Wenn George Orwell das wüßte!

Irgendwie hat mir Mark Zuckerberg leid getan beim Lesen. Die beiden journalistischen Profis Amend und Hamann gehen ganz schön frech mit ihm um. Das beginnt schon beim Titel (“Na, Freundchen?”) und bei der Vorstellung: “Mark Zuckerberg ist Jahrgang 1984. Wenn George Orwell das wüßte!” (S. 22) Dann machen sie sich darüber lustig, dass er beim Foto-Shooting für die ZEIT-Geschichte nicht recht wußte, welche Klamotten er aus dem mitgebrachten Fundus des ZEIT-Fotografen am liebsten anziehen möchte. Was ist daran so schlimm? Und wen interessiert’s?

Offensichtlich hatte auch Zuckerberg selbst so seine Probleme mit den ZEIT-Redakteuren, z.B. wenn die beiden sich fragen: “Wer ist dieser Junge im Anzug? Wie würde er sich selbst jemandem beschreiben, der ihn nicht kennt?” Dazu Zuckerberg: “Warum stellen Sie mir so eine psychologisierende Frage zu meiner Person?” Aber die Professionellen haken nach: “Kann es sein, dass er nicht gerade dazu neigt, allzu viel über sich selbst nachzudenken?” Darauf einer der Berater, die Mark beim Gespräch begleiten: “Doch, doch, das tut er! Aber das bleibt privat.” (S. 22)

Der Wegweiser geht nicht den Weg, den er weist

Womit wir beim Thema wären. Martin Heidegger hat einmal auf die Frage, ob er seine Philosophie auch selbst persönlich lebe, geantwortet: “Der Wegweiser geht nicht den Weg, den er weist.” Genau damit haben die beiden Journalisten in Sachen Zuckerberg offensichtlich ein Problem.

Sie sind, wie es scheint, der Ansicht, dass ein Mensch, der die interaktive Veröffentlichung des Privaten mit Facebook (im wahrsten Sinn des Wortes) zum “Programm” gemacht hat, keine Geheimnisse mehr haben dürfe. Schon gar nicht im Gespräch mit zwei ZEIT-Journalisten. Hier ihr Argument: “Wenn es aber wirklich stimmt, was Mark Zuckerberg sagt, dass Privates heute längst öffentlich ist und dies kaum noch ein Problem darstellt, dann müsste das auch für Mark Zuckerbergs Leben zutreffen.” (S. 23)

Nächste Frage bitte!

Bekanntlich läßt sich Frechheit immer noch ein bisschen steigern. Und so richtig unschön wird es dann auch eigentlich erst in der folgenden Passage:

“Mister Zuckerberg, Sie haben, so ist zu lesen, seit über zwei Jahren eine Freundin. Ein Reporter der Internet-Klatschseite TMZ hat Sie beide gefilmt, als Sie kürzlich ein Restaurant besuchten und… Ein Berater unterbricht uns: ‘Meine Herren, Sie wollen doch mit Ihren Fragen nicht wirklich so weitermachen, wie Sie das gerade tun.’ Es geht uns um die Frage von Privatleben und Öffentlichkeit. Wie schützen Sie Ihre Privatsphäre? Er lacht, sieht verlegen zu seinen Beratern, einer antwortet für ihn: ‘Indem wir sie privat halten. Nächste Frage bitte.’” (S. 23)

Mit dieser gut nachvollziehbaren Reaktion ist für Amend/Hamann freilich nur der finale Beweis erbracht: “Ausgerechnet der Junge, der Millionen Menschen miteinander verbindet, schottet sich selbst von der Welt ab.” (S. 23)

Versuch’s mal mit Freundschaftlichkeit!

Ist das Aufklärung oder einfach nur journalistische Unverschämtheit? Ich weiß es nicht. Jedenfalls ist es keine gesunde Kommunikation. Und schon gar keine freundschaftliche. Denn das wäre ja auch eine Möglichkeit gewesen mit Zuckerberg – dem Gründer eines 200 Millionen Menschen starken Freundschaftsnetzwerks, zu dessen Mitgliedern auch Hamann gehört – in Kontakt zu treten: in aller Freundschaft. Warum sollte man nur im Internet mit freundschaftlicher Kommunikation Erfolg haben und nicht auch im ZEITmagazin?

Doch das Thema Freundschaft hat in diesem Essay einen anderen Ort. Dazu die beiden Autoren: “Auf die entscheidende Frage gibt es bis heute keine definitive Antwort: Wie kann man mit der genialen Kommunikationsidee so viel Gewinn machen, dass es sich lohnen würde, Facebook an die Börse zu bringen? Oder lässt sich mit Freundschaft am Ende doch nicht genug Geld verdienen.” (S. 24) Vermutlich nicht. Aber wieso ist das überhaupt so wichtig?

Mike Sandbothe

Der Artikel von Christoph Amend und Götz Hamann ist auf der ZEIT-Homepage online zugänglich und zwar unter dem Titel “Na, Freundchen? Mark Zuckerberg hat das Internet-Netzwerk Facebook gegründet und 200 Millionen Menschen dazu gebracht, ihr Privatleben öffentlich zu führen. Wie offen ist er selbst?

April 7th, 2009

GASTBEITRAG von Lars Rademacher (München): Vertrauen in die große Zahl. Eine Pressemeldung der Leipziger Unister GmbH als symptomatischer Aprilscherz

Posted in Mediary Special by mike

Der 1. April zählt in aller Regel nicht zu den überraschenden Ereignissen. Er ist an sich gut planbar. Umso erstaunlicher, dass immer wieder honorige Redaktionen auf Aprilscherze hereinfallen. In diesem Jahr verkündete die Leipziger Unister GmbH, die in ihrem Besitz befindliche Domain www.preisvergleich .de sei für 15 Mio Dollar an einen Investor aus Dubai verkauft worden. Die Nachricht wurde über die gängigen Ad hoc Dienstleister und elektronischen Presseportale gestreut. Damit erreichen Presseverantwortliche bereits eine Art „Grundrauschen“ im digitalen Blätterwald. Wenn dann noch Online-Ableger seriös recherchierender Zeitungen die Meldung aufgreifen, hat der Urheber gewonnen. Die Nachricht ist durch, sie hat den Status der Seriosität erklommen. Wie konnte es dazu kommen?

Alles passte zusammen

Da passte einfach alles: Die Nachricht hatte hohen Aufmerksamkeitswert. Eine deutsche Domain soll die teuerste der Welt sein! Und da uns in Europa bekanntlich das Geld und die Ideen ausgehen, kommen wir eigentlich nur noch als knausernde Konsumenten in Betracht, die mit jedem Euro rechnen müssen. Das Geld wird längst woanders gemacht und von dort aus investiert. Im alten Europa, wo es früher mal gute Ideen und hohe Dynamik gab, schauen wir beschämt und ein wenig verwundert dem Ausverkauf zu: erst die Automobilwirtschaft, dann die Onlinewelt. Wen wunderts?

Und der Initiator der Wirrwars – stellte sich geschickterweise tot. Man beherrscht bei Unister offenbar die neuen Regeln der Unternehmenskommunikation. Wenn die Redaktionen lange genug nichts hören, können sie sich irgendwann entscheiden: veröffentlichen, um schneller als die Konkurrenz zu sein oder abwarten und weiter nachrecherchieren? Einige gingen Mittelwege und veröffentlichten die Meldung unter Hinweis auf den 1. April mit leisen Zweifeln. Doch die Online-Redaktion der ZEIT plagte sich beispielsweise nicht mit solchen Gedanken. Die Meldung kam ganz nüchtern auf die Seite und behauptet so ihre Faktizität.

Der große Coup

Erst am Abend, nachdem schon Gerüchte die Runde machten, meldete sich Unister erneut über den Ticker der dpa-Tochter „news aktuell“ mit einer Pressemitteilung in den Redaktionen: Das Ganze sei ein Scherz gewesen, Unister-Chef Thomas Wagner habe mit der Falschmeldung erneut „einen großen Coup gelandet“, jubiliert dessen Presseabteilung und vergleicht den Aprilscherz sogar mit dem Kauf der Domain www.kredit.de für 900.000,- Euro. Aha, mag man sich denken. Wie unbedarft man tatsächlich sein kann.

Dass es eine knallig aufgemachte Meldung in die Medien schafft, ist für sich betrachtet noch keine Überraschung. Es ist nicht einmal bemerkenswert. Klar ist mittlerweile auch, dass die Onlinemedien aufgrund des ständigen Aktualitätsdrucks eine höhere Anfälligkeit für Falschmeldungen haben und dem Einfluss der hoch aufgerüsteten PR-Maschinerie zuweilen erliegen. Das Problem ist nicht einmal die Blindheit bei einem so prominenten Datum wie dem 1. April, bei dem wirklich in allen Redaktionen die Warnlichter leuchten sollten.

Newsrooms der Zukunft

Das Problem ist vielmehr die nie aufzuklärende Zahl kleiner und größerer Nachrichtenbetrügereien, die eben nicht so prominent sind, dass sich die Journalisten den Aufwand einer intensiven Recherche gönnen. Die vielen kleinen Meldungen, die Meinungen beeinflussen und Aktienkurse beflügeln. Die journalistischen Kapazitäten schwinden, während der Informationsdruck steigt. Nur bei wenigen, zentralen Themen gelingt es noch, authentisch Bericht zu erstatten.

Die großen Fälle und Fallen kann der Journalismus nach wie vor sauber aufklären. Auch stehen besonders die Qualitätsmedien zu ihren Fehlern. Die ZEIT z.B. lässt die Falschmeldung souverän auf ihrer Homepage stehen. Und praktisch keine Tageszeitung führt die Falschmeldung am folgenden Tag auf ihren Seiten. Entwarnung also? Wohl kaum. Denn was wäre gewesen, wenn Unister sich nicht zu einer zweiten Pressemitteilung am 1. April entschlossen hätte. Dann würden wir uns unter Umständen nicht damit trösten können, dass dies halt bei den ach so flüchtigen Onlinemedien schon mal passieren kann. Dann würden wir vielleicht darüber nachdenken müssen, dass die fortschreitende Verknappung journalistischer Ressourcen und die Einrichtung von Newsrooms bereits erste Effekte erkennbar macht. Dann würden wir uns vielleicht die Frage zu stellen beginnen, wo die wahren Newsrooms bereits heute eigentlich stehen.

LARS RADEMACHER

Lars Rademacher (37) ist Medienwissenschaftler und lehrt an der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation in München.