Mike's Media Diary
May 2nd, 2010

Der Philosoph des 21. Jahrhunderts (Der Spiegel, Nr. 17, 26.4.2010, S. 67-78)

Posted in Der Spiegel by mike

Klaus Brinkbäumer (43) und Thomas Schulz (37) sind ehrlich. Sie erklären, was sie tun. Sie machen Reklame. Für das iPad von Apple.

Wie lässt sich das iPad personalisieren?

“Es soll die Leser locken, endlich für die digitalen Ausgaben zu bezahlen, vielleicht mehr als für die Print-Ausgabe” (S. 77).

Wie lässt sich das iPad personalisieren? Wie lässt sich über Apple schreiben? Die Antwort bündelt sich in Steve Jobs (55), dem Besitzer von Apple und Erfinder des iPad.

Apples Produkte loben

Aber: “Es ist nicht ganz einfach, sich Jobs zu nähern, weil Apple so gut wie nie mit Reportern spricht, falls diese nicht zuerst Apples Produkte gelobt haben” (S. 69)

Das hat für den SPIEGEL zuletzt Ferdinand von Schirach (46) getan (DER SPIEGEL, Nr. 15,  “Die Kunst des Weglassens”).

Keine Einblicke

Und doch: “Der deutsche Firmensprecher Georg Albrecht schrieb: Apple ‘gibt leider keine Einblicke in sein Innenleben…So gern ich so eine Story unterstützen würde, weiß ich, dass wir hier Ihnen keine Gesprächspartner anbieten können’” (S. 69).

Was also tun?

Jobs ist kein netter Mensch

“Es gibt Leute, die Apple verlassen haben.” Die kann man interviewen.

“Und auch Leute, die heute für Apple arbeiten, reden über Apple, wenngleich unter falschem Namen, denn Jobs ist kein netter Mensch” (S. 69). So entsteht ein SPIEGEL-Feature.

Das Inhaltsverzeichnis

Steve Wozniak: “Der Gründer” (S. 69). Andy Hertzfeld: “Der Zauberer” (S. 71). Hartmut Esslinger: “Der Künstler” (S. 71). John Sculley: “Der Feind” (S. 73). Pamela Kerwin: “Die Männerversteherin” (S. 73). Michael More, David Sobotta: “Die Soldaten” (S. 76).

Aber das allein reicht noch nicht, um ins Herz der Sache, sprich: ins Zentrum der iPad-Personalisierung, also in die Intimsphäre von Steve Jobs vorzudringen.

Das Geständnis

Zum Glück gibt es jenen “Juni-Tag von Stanford” (S. 67):

“Es war heiß, kein Schatten im Stadion von Stanford, die Studenten hatten gesoffen, sie grinsten und kicherten, und darum dauerte es, bis sie verstanden, dass dort ein Herrscher der westlichen Welt zum Geständnis schritt” (S. 67).

No big deal

Steve Jobs hat an diesem Tag “drei Geschichten” (S. 67) erzählt.

Klaus Brinkbäumer und Thomas Schulz lassen die LeserInnen über die Details der Überlieferungsgeschichte im Unklaren. Sie erzählen einfach nur Jobs’ stories nach. “No big deal” (S. 67).

Die Mutter

Die erste Geschichte handelt davon, “wie seine Mutter ihn aufgab, wie er adoptiert wurde, wie er sein Studium abbrach” (S. 67).

Die Liebe

In der zweiten Geschichte erzählt Jobs, “dass er als 20-Jähriger gefunden habe, was er liebe, Apple, sein Lebenswerk, und dass er als 30-Jähriger entlassen wurde, doch weitermachte in der Computerwelt, weil er sie liebte” (S. 67).

Die Krankheit

Die dritte Geschichte dreht sich um seinen “Bauchspeicheldrüsenkrebs, unheilbar” (S. 78). So lautete die anfängliche Diagnose.

“Die Ärzte führten die Schläuche ein, entnahmen Tumorzellen, untersuchten sie, dann weinten die Ärzte. Eine Operation könne ihn wohl doch heilen, er sei eine seltene Ausnahme” (S. 78).

Be insanely great

Das war 2004. “Fünf Jahre später fehlte er wieder. Er brauchte eine neue Leber” (S. 78)

“Be insanely great” (S. 72), lautet das Lebensmotto dieses Mannes. Kommentar überflüssig. Oder vielleicht doch nicht?

Recht haben

Als junger Mann habe er ein Zitat gelesen, wissen Brinkbäumer und Schulz zu berichten. Es lautet:

“Wenn du jeden Tag lebst, als sei es dein letzter, wirst du irgendwann recht haben” (S. 78).

Alice-Miller.com

Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn Steve Jobs seine Geschichten auf www.alice-miller.com publiziert hätte statt die Studierenden in Stanford damit zu belasten.

“Er hasst die eigenen jungen, gesunden Angestellten” (S. 76).

Seine leibliche Schwester Mona beschreibt ihn in ihrem Roman A Regular Guy als “Narziss, der verlangte, dass seine Geliebten Jungfrauen zu sein hatten” (S. 76).

Jobs’ Liebe zum Job

Für Alice Miller (1923-2010) wäre wohl klar, wie die drei Geschichten von Jobs zusammen hängen.

Er empfängt keine Liebe im Elternhaus, lernt sich selbst nicht zu lieben, liebt statt dessen Apple und bringt die Welt dazu, es ihm gleich zu tun.

The body never lies

Aber das alles behebt den Mangel im Inneren nicht. Jobs’ Liebe zum Job ist keine Liebe zu Jobs.

Ohne authentische Selbstliebe versagt der Körper irgendwann den Dienst. The body never lies.

Philosoph oder Soziopath

Solche Interpretationen sind den SPIEGEL-Autoren vermutlich zu banal.

Sie schwanken zwischen “der Philosoph des 21. Jahrhunderts” (S. 67) und: “Steve Jobs gilt als diabolisch, als Soziopath, und er hat diesen Ruf zu Recht” (S. 67).

Poesie? Ethik? Küchenpsychologie?

Als Genrezuschreibung für Jobs’ stories schlagen Brinkbäumer und Schulz vor: “War das Poesie? Ethik gar? Küchenpsychologie?” (S. 67)

Vermutlich war es der Hilferuf eines einsamen und emotional schwer verletzten Menschen.

Keine gute Therapeutin

Er ist “Zen-Buddhist und Vegetarier” (S. 78). Aber er hat offensichtlich keine gute Therapeutin, keinen helfenden und wissenden Zeugen.

Alice Miller ist am 14. April 2010 im Alter von 87 Jahren gestorben. Das iPad kommt Ende Mai auf den deutschen Markt.

Mike Sandbothe

Der Artikel von Klaus Brinkbäumer und Thomas Schulz  ist  unter dem Titel “Der Philosoph des 21. Jahrhunderts” auf SPIEGEL-Online als digitaler Volltext zugänglich. Die im Artikel ohne Quellenangabe referierte Stanford-Rede von Steve Jobs findet sich sowohl auf dem News-Sever der Stanford Universität als auch auf Youtube.

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