Mike's Media Diary
September 13th, 2009

“Der Tod, mein Lebensbegleiter” (Der Spiegel, Nr. 36, 31. August 2009, S. 32-44)

Posted in Der Spiegel by mike

Auf der Titelseite des SPIEGEL Nr. 36 ist der langjährige Spiegeljournalist Jürgen Leinemann (72) abgebildet. Er hat Krebs und darüber ein Buch geschrieben. Der SPIEGEL druckt dreizehn Seiten aus dem am 17. September erscheinenden Werk als Titelgeschichte unter der Überschrift: “‘Gestern wollte ich wieder sterben.’ Spiegel-Reporter Jürgen Leinemann über sein Leben mit Krebs” (SPIEGEL, Nr. 36, 31. August 2009, Titelseite).

Unbarmherzig bis in den Tod?

Eine Woche später, am 7. September, erscheinen die Leserbriefe im SPIEGEL Nr. 37. Das Spektrum der Kommentare reicht von “gesundheitspolitisch bedeutsam” (Nr. 37, S. 8 ) und “nach dem Lesen habe ich geweint” über “Wut” und “Feudalismus” bis zu “Herr Leinemann hat Privilegien, von denen die meisten nur träumen” und “eitel bis in den Tod”.

Tatsächlich bleibt der Autor auch in seiner vermutlich größten Daseinskrise dem Medium seines Lebens treu: “Jürgen Leinemann, jahrzehntelang SPIEGEL-Reporter, blickte mit Schärfe auf die Politiker des Landes – nun blickt er mit derselben Unbarmherzigkeit auf seine Krankheit.” (Nr. 36, S. 32).

Wie privat darf DER SPIEGEL werden?

Man darf vermuten, dass der SPIEGEL seinem hochverdienten Autor auf diesem Weg etwas zurück zu geben versucht. Öffentliches Schreiben als persönliche Krebstherapie. Fraglos eine sehr pragmatische Form des Journalismus. Unmittelbar wirkungsorientiert. Jedenfalls im Privaten. Und da liegt das Problem, auf das die meisten Leserbriefe reagieren. Wie privat darf der SPIEGEL (in seiner Titelgeschichte) werden?

Nun. Das Anliegen – so legt der ausführliche Untertitel nahe – ist ja nicht nur ein privates. Es geht nicht nur um Leinemann: “Was passiert, wenn der Krebs einen Menschen aus dem gewohnten Leben reißt? Fast eine halbe Million Deutsche erleben es jedes Jahr ” (S. 32).

Warum in der ersten Person?

Aber natürlich hat auch Hartmut Neumann aus Aachen einen wichtigen Punkt. Er fragt sich nämlich in seinem Leserbrief: “Warum schreiben Literaten und Journalisten so etwas in der ersten Person? Das Elend in der dritten Person (…) wäre für den Leser viel persönlicher.” (Nr. 37, S. 8).

Vermutlich liegt in diesem Übergang von der journalistisch kalten zur literarisch warmen Form die therapeutische Qualität des Artikels. Für den Autor jedenfalls. Kulturtherapie wäre auch in der dritten Person möglich. Selbsttherapie bedarf der ersten.

Arbeitsbesessenheit

Jetzt zum Text. Leinemann schreibt: “Es war Zeit, einen prüfenden Blick auf mein ganzes Leben zu werfen. Tatsächlich war ich erschrocken über die Liste schwerer Krankheiten und über die Leichtfertigkeit, mit der ich alle Warnsignale missachtet hatte, die mich zu Veränderungen meines Lebensstils, insbesondere meiner Arbeitsbesessenheit, hätten veranlassen sollen” (Nr. 36, S. 34).

Schreiben als Symptom? Journalismus und Besessenheit? Öffentliche Unbarmherzigkeit als Kompensation privater Selbstzweifel? Wie hängen Kultur, Journalismus, Krankheit und Therapie zusammen?

Flucht aus dem Leben

Dazu Leinemann in der dritten Person: “Normalerweise ist der Tod kein Thema in unserer Spaßgesellschaft” (S. 36).

Und weiter in der ersten: “Von meiner Kindheit an, über die Pubertät und Studentenzeit bis zu meiner Alkoholkrise in der Lebensmitte, war mir in depressiven Phasen oder in Druck- und Krisensituationen der Gedanke an eine Flucht aus dem Leben durch Selbstmord immer geläufig, allzu geläufig, wie ich heute finde” (S. 37).

Buchstabenmenschen

“Du bist ein homme de lettres” (S. 40) hatte der SPIEGEL-Gründer Rudolf Augstein einmal zu Leinemann gesagt. Was als Segen gemeint war, kann rückwirkend wie ein Fluch wirken.

Buchstabenmenschen sind “Leute, die durch Wörter zu dem wurden, was sie sind” (S. 40). Leinemann ist einer von ihnen. Er ist ein Mensch, der vom Medium der Sprache abhängig ist, dessen Droge das Reden und Schreiben ist.

Sprachlos

“Als ich erwachte war ich sprachlos. Ich war entsetzt, überwältigt. Hätte ich noch reden können, wären mir die Worte versiegt. Ich fühlte mich, als hätte man versucht, mich umzubringen” (S. 40).

Es war ein “Eingriff ohne Vorankündigung” (S. 40). Durchgeführt im Sankt-Gertrauden-Krankenhaus in Berlin. Ein “Entlastungsschnitt”, weil die Luft- und Speiseröhre nach der Operation von Leinemanns Zungengrundkarzinom so angeschwollen war, dass es zu körperlicher Schwäche und geistiger Desorientierung kam.

Der Körper lügt nicht

Alice Miller hat vor ein paar Jahren ein Buch mit dem Titel “The Body Never Lies” (2005) geschrieben. Dieser Titel kam mir in den Sinn als ich den dramatischen Höhepunkt von Leinemanns Leidensgeschichte las.

Mit Tränen in den Augen. Denn schließlich bin ich selbst dreißig Jahre lang ein homme de lettres gewesen.

Eine hallende, weite Leere

“Wer wäre ich denn, wenn ich nicht mehr reden könnte?” (S. 41) “In diesen sprachlosen Nächten im Sankt-Gertrauden-Krankenhaus wurde mir bewusst, dass der Rest meines Lebens grundlegend anders ablaufen würde als die ersten 70 Jahre” (S. 41).

“Eine hallende, weite Leere breitete sich in mir aus” (S. 40).)

Jenseits der Sprache

Diese Leere habe auch ich in meinem Leben kennen gelernt. Mittlerweile empfinde ich sie als durchaus positiv. Ich spüre darin den freien Raum, der sich eröffnet, sobald ein wohl konditioniertes Sprachtier entdeckt, dass es sich auch in anderen Medien als der Sprache selbst erschaffen kann.

Leinemanns Quintessenz aus der von ihm erlebten “Angst vor einem Leben ohne Sprache” (S. 41) liest sich so: “Das hat nicht nur mein Schreiben verändert, sondern auch meinen Blick auf die Politik und meine Profession. Ich habe mir so etwas wie ein inneres Geländer gezimmert” (S. 41).

Die Haltung des Journalisten

Das sieht so aus: “In seiner Haltung hat die Freiheit des Journalisten ihren Rückhalt. Für mich sind zwei Sätze als Leitlinien bestimmend geworden. Der erste heißt: Wirklichkeit ist alles, wo man durchmuss. Der zweite ist eine Gedichtzeile von Peter Rühmkorf: ‘Bleib erschütterbar und widersteh’” (S. 41).

Gibt es für den Autor Leinemann ein Jenseits seiner Autorschaft? Hat Leinemann sich selbst und die Welt unabhängig von der Macht der Sprache fühlen und lieben gelernt?

Sylt lieben

Auch meine erste Liebe habe ich auf Sylt entdeckt. Für das Meer und für ein Mädchen namens Corinna. Das war 1973. Bei Leinemann hieß sie Helga, war Chilenin und es geschah 1956.

Auf Sylt spielt auch die Schluss-Szene von Leinemanns Artikel, die ich unkommentiert zum Abschluss zitieren möchte.

Ich freute mich, dass ich lebte

“Das Wunderbarste waren die täglichen kurzen Spaziergänge am Meer. Am letzten Tag hing ein dünner Wolkenschleier über dem trägen Wasser, am Horizont im Südwesten leuchtete ein schmaler heller Streifen. Ich spürte, wie ich sentimental wurde, die Abschiedsstimmung und der flirrende Glanz des Meeres bewegten mich. Doch die Mühsal des Gehens im feuchten Sand ließ kitschige Weihegefühle nicht wirklich aufkommen. Schwer atmend blieb ich stehen und sah in die Ferne. Und ganz unvermittelt durchflutete mich eine warme Welle der Dankbarkeit – ich freute mich, dass ich lebte” (S. 44).

MIKE SANDBOTHE

Die Titelstory von Jürgen Leinemann ist unter dem Titel “Der Tod, mein Lebensbegleiter” auf SPIEGEL-Online als Volltext zugänglich.

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