Mike's Media Diary
January 25th, 2011

“Volk der Erschöpften” (Der Spiegel, Nr. 4, 24.1.2011, S. 114-122)

Posted in Der Spiegel by mike

In ihrer Titelstory klären die SPIEGEL-Redakteure Markus Dettmer, Samiha Shafy und Janko Tietz über “Burn Out” und “Depression” als neue “Massenleiden” (S. 116) auf.

Obskur

Sie orientieren sich dabei an den Erklärungsmustern und Behandlungsmethoden der modernen Psychiatrie, Psychologie und Psychobiologie.

“Naturheilkundler, die vor Psychotherapeuten warnen” (S. 121) und “Chakra-Therapeuten, die gleich die Energie des ganzen Kosmos bemühen” (S. 121) halten die  Journalisten demgegenüber für “obskur” (S. 121).

Das erschöpfte Selbst

Als Rahmenerzählung ihres Essays nutzen die SPIEGEL-Autoren unter anderem die kulturwissenschaftlichen Thesen von Alain Ehrenberg und Byung-Chul Han.

Ehrenberg ist Soziologe in Paris und der Ansicht, dass “das erschöpfte Selbst” zum Normalfall geworden sei, “weil viele Menschen es nicht schafften, ihre neuen Freiheiten und Wahlmöglichkeiten für ein glückliches Leben zu nutzen” (S. 117).

Effiziente Selbstausbeutung

Auch Han meint, dass sich “der Exzess der Arbeit und Leistung” im Zeitalter der Globalisierung “zu einer Selbstausbeutung verschärft” (S. 117).

Diese sei “effizienter”, weil sie “mit dem Gefühl der Freiheit einher geht” (S. 117).

Höchste Krankheitslast

Vor diesem Hintergrund versuchen Dettmer, Shafy und Tietz Antworten auf die Frage zu finden, wieso die Depression “in den reichen Ländern schon heute die höchste Krankheitslast durch verlorene Lebensqualität und verlorene Lebensjahre” (S. 116) verursacht.

Entgrenzung der Arbeit

Zu diesem Zweck erweitern die SPIEGEL-Autoren die kulturelle Rahmenerzählung um soziologische Beschreibungsmodelle wie das der “Gratifikationskrise” (S. 118), der “Entgrenzung der Arbeit” (S. 118) und der “Individualisierung der Gesellschaft”.

Unternehmens-Freiheit

Diesen Modellen zufolge liegt die Ursache für das neue Massenleiden nicht allein im Umgang  mit der eigenen Autonomie.

Darüber hinaus spielt die Freiheit eine zentrale Rolle, die sich Unternehmen in einer globalisierten Wirtschaftskultur nehmen, die von nationalen politischen Institutionen nicht mehr ausreichend kontrolliert wird.

Sache des Einzelnen

Im Ergebnis aber, so weiter die SPIEGEL-Autoren, bleibe es Sache des Individuums, wie es auf den verschärften Konkurrenzdruck in Alltag und Beruf, die Digitalisierung der Kommunikation und die fehlende Anerkennungskultur in Zeiten gesellschaftlicher Unsicherheit reagiert.

Gen-Aktivierung

Zur Erläuterung beziehen sich die Journalisten auf die Forschungsergebnisse des Psychobiologen Dirk Hellhammer.

Dieser “hält die umweltbedingte Aktivierung und Ausschaltung von Genen in den frühen Lebensjahren für den ‘mit Abstand wichtigsten Risikofaktor’ für spätere Stresserkrankungen” (S. 119).

Auf Dauerstress geeicht

Menschen, die besonders “sensibel auf Stress reagieren” (S. 119) tun dies Hellhammer zufolge deshalb, weil “die hormonellen Alarmsysteme zu früh auf Dauerstress geeicht werden” (S. 119).

Das wiederum sei “auf Stress der Mutter oder ein negatives Umfeld in der frühen Kindheit” (S. 119) zurück zu führen.

Und schon geht es besser

Das alles sind fraglos treffende Analysen. Und auch die Fallbeispiele, welche die SPIEGEL-Autoren bringen, dienen der Aufklärung über die moderne Erschöpfungsepidemie.

Da ist zum Beispiel die ehemalige Psychotherapeutin Barbara Kraus. Sie hat eine schwere Depression erlebt und konstatiert: “Dem Menschen geht es ja schon viel besser, wenn er ein Erklärungsmodell hat” (S. 120).

Was hat geholfen?

Hellhammer hat ihr geholfen. Er “diagnostizierte ein hormonelles Ungleichgewicht und empfahl ihr, Tyrosin zu schlucken” (S. 120).

Kraus “weiß nicht, ob es die Aminosäure war oder eher die Erklärung, die ihr half – oder vielleicht auch einfach die Zeit, der Abstand von ihrem früheren Hochgeschwindigkeitsleben” (S. 120).

Ernüchterung

Spätestens an dieser Stelle des Artikels wird deutlich, dass die Erklärungsmodelle und Beschreibungsformen, die es für die Depression gibt, heute erheblich weiter entwickelt sind als die Therapien.

Mal abgesehen davon, dass die auf die Burnout-Behandlung spezialisierten Kliniken “Wartezeiten von bis zu fünf Monaten” (S. 121) haben, ist das Ergebnis des üblichen “siebenwöchigen Aufenthalts” (S. 121) meist ernüchternd.

Zurück an den Anfang

So wirbt zwar der Chefarzt der Bad Bramstedter Schön Klinik damit, “die volle Leistungsfähigkeit der Patienten wiederherzustellen” (S. 122).

Aber dem von den SPIEGEL-Leuten interviewten Ex-Patienten Dieter Müller ging es nach seinem vollen Wiedereinstieg in den alten Job in Sachen Depression so:

“Nach zwei Wochen war ich wieder da, wo ich angefangen hatte” (S. 122).

Kein Einzelfall

Das ist kein Einzelfall.

Aus diesem Grund antwortet der erwähnte Chefarzt auf die SPIEGEL-Frage, ob denn ein Klinikaufenthalt “das Leben in eine neue Richtung lenken kann” (S. 121):

“Das wissen wir nicht” (S. 122).

Therapie-Stress statt Stress-Therapie

Schon die Art und Weise, wie viele Burnout-Kliniken an die Therapiearbeit herangehen weckt Zweifel.

In möglichst kurzer Zeit möglichst viel Behandlung: “Das Programm ist straff organisiert” (S. 121).

Innere Antreiber

Aber auch die Details stimmen bedenklich.

Im Zentrum der therapeutischen Arbeit der Schön Klinik steht die Suche nach den “inneren Antreibern” (S. 121).

“Ich muss”

Dabei handelt es sich um bereits in der Kindheit entwickelte Leitsätze wie:

“Ich muss für alle die Verantwortung übernehmen. Ich muss funktionieren. Ich darf keine Fehler machen. Ich muss Haltung bewahren. Ich muss Leistung erbringen, um nicht abgelehnt zu werden” (S. 121).

Die Welt ist hart

Die Therapie, so weiter die SPIEGEL-Autoren, bestehe darin zu erkunden, “bei welchen Leitsätzen eine Kurskorrektur möglich sei” (S. 121). Dabei müsse man behutsam vorgehen: “Denn die Leitsätze haben einen ja auch lange erfolgreich gemacht” (S. 121).

Wenige Zeilen später zitiert der SPIEGEL dann erneut den Chefarzt der Klinik, der sagt: “Die Welt ist hart und ungerecht und wir müssen darin bestehen” (122).

Vor Psychotherapeuten warnen

Dass es sich auch bei diesem Satz möglicherweise um einen aus der Kindheit des Chefarztes stammenden “inneren Antreiber” handelt, wird von den SPIEGEL-Autoren nur indirekt nahegelegt.

Am Ende meiner Lektüre habe ich mich dann doch gefragt, was genau eigentlich die drei Autoren des Artikels an “Naturheilkundlern” auszusetzen haben, “die vor Psychotherapeuten warnen” (S. 121).

Mike Sandbothe

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