Mike's Media Diary

Archive for March, 2011

March 19th, 2011

ZEIT-Titelthema: “Keine Lügen mehr!” (“Japans Lehre für die Welt”; “Die Macht der Bilder”, “Leere Mitte” und “Bücher helfen uns auch nicht weiter”, in: Die Zeit, Nr. 12, 17.3.2011, S. 1, 49, 52 und 53)

Posted in Die Zeit by mike

Der SPIEGEL hat am Montag dieser Woche zwar das “Ende des Atomzeitalters” auf seinem Titelbild verkündet (Der Spiegel, Nr. 11, 14.3.2011). Aber es gab nur wenige Worte zur Einordnung dieses vermeintlich welthistorischen Ereignisses.

Die ZEIT öffnet ein paar Tage später ein breites Spektrum von weit reichenden Perspektiven und bemüht sich um Orientierung (Die Zeit, Nr. 12, 17.3.2011). Ich habe aus der Vielzahl der Beiträge nur eine kleine Auswahl berücksichtigt.

Dramatische Zusammenballung

Es beginnt auf Seite 1.

Der Chefredakteur des Politik-Ressorts, Bernd Ulrich (50), diagnostiziert “die größte Zusammenballung dramatischer Ereignisse seit Jahrzehnten” (Die Zeit, S. 1).

Reale Probleme statt Medienhypes

Sarrazin und Guttenberg – das waren für den ZEIT-Redakteur noch mögliche “Folgen eines Medienhypes” (ebd.).

Aber “die Finanzkrise, die Euro-Rettung, die arabischen Revolutionen, die libysche Konterrevolution oder die akuelle Krise der Atomkraft” sind aus seiner Sicht “reale Probleme in einer drängend realen Welt” (ebd.).

Die neue Wucht der Welt

Der Mann stellt die berechtigte Frage:

“Woher kommt die neue Wucht der Welt, woher rührt diese Ereignisdichte, die unsere Politiker überfordert und unsere Empathie überstrapaziert?” (ebd.)

Immer mehr

Seine Antwort lautet:

“Daraus, dass es immer mehr Menschen gibt; daraus, dass immer mehr Menschen immer mehr Menschen wahrnehmen; daraus, dass immer mehr Menschen ihre Stimmen erheben; daraus, dass immer mehr Menschen immer mehr reisen, verbrauchen und in Städten leben, in Städten, von denen immer mehr am Rand von Kontinentalplatten, an Küsten, Ufern und Flussdeltas erbaut sind.” (ebd.)

Das neue Globalmedium

Ulrich erwähnt nicht, dass  auch diese Entwicklungen mit den Medien zu tun haben.

Vor allem mit dem neuen Globalmedium, dem Internet.

Nachrichtenwert

Der Zusammenhang liegt hier nur tiefer als bei Sarrazin und Guttenberg.

Der Nachrichtenwert, der diesen beiden Herren zugemessen wurde, lässst sich tatsächlich auf der Ebene der Inhalte als “Medienhype” beschreiben.

Tiefeneffekt

Dass “immer mehr Menschen immer mehr Menschen wahrnehmen” (ebd.) ist demgegenüber ein formaler Tiefeneffekt der neuen digitalen Vernetzungstechnologien.

Das hat Folgen für die Einschätzung von Ulrichs Vorschlag, “diese Welt probehalber mit kaltem Blick anzuschauen” (ebd.).

Nicht einmal Mitgefühl

Seine Forderung lautet:

“Die Menschheit muss jetzt umlernen. Dazu braucht es nicht einmal Mitgefühl, es reicht schon der Verstand” (ebd.).

Überforderung

Aus einer gefährlicher gewordenen Welt – so weiter Ulrich – “den Anspruch umfassender, sozusagen milliardenfacher Nächsten- und Fernstenliebe” (ebd.) abzuleiten, würde die Überforderung nur noch weiter zuspitzen.

Mitfühlende Weltöffentlichkeit

Das sehe ich anders.

Das Internet ist mit den sozialen Instrumenten des Web 2.0 auf dem Weg zu einem Medium weltbürgerlicher Gemeinschaft, d.h. zu einem Medium, in dem die globale Nächsten- und Fernstenliebe zum Alltag werden kann.

Gattung Mensch

Dahinter steckt ja auch eigentlich nichts Bedrohliches oder gar etwas uns per se Überforderndes.

Es geht schlicht und einfach darum, dass wir Menschentiere lernen, uns selbst als Teil der Gattung Mensch auf diesem Planeten Erde zu sehen und auf moralisch anspruchsvolle Weise ernst zu nehmen.

Medien als Tools

Dazu freilich reichen die Medien allein nicht aus. Sie können dabei nur eine Hilfestellung, ein Tool, ein Movens sein.

In the long bedarf es darüber hinaus globaler demokratischer Institutionen, die im Auftrag einer globalen Öffentlichkeit die Verantwortung für globale Probleme übernehmen.

Die Macht der Bilder

Das nimmt Florian Illies (39) in seinem ZEIT-Beitrag über “die Macht der Bilder” (S. 49) nicht ernst genug.

Er meint: Schon allein “weil die Welt gesehen hat, wie ein Atomkraftwerk explodiert, ist der Glaube an die Beherrschbarkeit der Technik zerstört” (ebd.).

Iconic Turn

Der Leiter des ZEIT-Literatur-Ressorts deutet die Wirkung der Bilder von der Explosion in Fukushima als “Bestätigung der kulturwissenschaftlichen These vom Iconic Turn” (ebd.).

Diese besagt: “Wir sind heute Zeitgenossen durch die Aufnahme und die geistige Verarbeitung der Bilderflut” (ebd.).

Nicht mehr zu löschen

Daraus folgert Illies: “Jene Bilder, die uns bis jetzt aus Fukushima erreicht haben, werden genau deshalb nicht wirkungslos bleiben, weil sie nicht mehr von der menschlichen Festplatte gelöscht werden können” (ebd.).

Das ikonische “‘Sinnbild’ der Katastrophe” habe “sich auf ewig in unseren Köpfen festgesetzt” (ebd.).

Berechtigte Zweifel

Nun ja. Wir werden sehen.

Gernot Böhme (74) und Christa Wolf (82) haben da jedenfalls ihre berechtigten Zweifel.

Kein Umdenken

Böhme, der Philosoph, meint:

“Auch nach Fukushima werden wir nicht umdenken” (S. 52).

Gesellschaftliche Tsunamis verebben

Denn die Politiker – allen voran Angela Merkel – wissen laut Böhme nur allzu gut, “dass sich die Wellen wieder legen und gesellschaftliche Tsunamis irgendwann verebben” (ebd.).

Das Dilemma unserer Gesellschaft

Auch für Christa Wolf, die Schriftstellerin, steht fest, “dass das Schreckliche wieder vergessen wird” (S. 53), wenn wir nicht lernen, “das Dilemma unserer Gesellschaft zu diskutieren” (ebd.).

Die Leitfrage müsse dabei lauten: “Wann lernen wir eigentlich, uns selbst zu beherrschen?” (ebd.)

Altersweisheit

Alter schützt vor Weisheit nicht. Das gleiche gilt für Philosophie und Literatur.

Wir können aus der Lebenserfahrung und Menschenkenntnis von Böhme und Wolf profitieren.

Laufen lernen

Gleichwohl: der ikonische Optimismus von Illies birgt ebenfalls ein Fünkchen Wahrheit.

Verbindet man ihn mit Wolfs Hoffnung auf “eine solidarische Gemeinschaft” (ebd.) und vergisst dabei die Forderung nach neuen Formen demokratischer global governance nicht, dann kann ein Schuh draus werden, in dem die Menschheit über kurz oder lang vielleicht sogar laufen lernen mag.

MIKE SANDBOTHE