Mike's Media Diary

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February 23rd, 2011

SPIEGEL-Titel: “(Dr.) zu Guttenberg und die Wahrheit. Das Märchen vom ehrlichen Karl” (“Doktor der Reserve”, in: Der Spiegel, Nr. 8, 21.2.2011, S. 20-29)

Posted in Der Spiegel by mike

Die zentrale Frage, welche die zehn SPIEGEL-AutorInnen am Ende ihrer Titelstory stellen, lautet: “Was sagt das über einen Charakter, diese Bereitschaft zum Plagiat?” (S. 29)

Rollenspiel

Aus der Sicht von Thomas Darnstädt, Ulrike Demmer, Christoph Hickmann, Dirk Kurbjuweit, Martin U. Müller, Ralf Neukirch, Sarah Pangur, Rene Pfister, Michael Sauga und Markus Verbeet steht fest:

Die Rolle, die Guttenberg “bislang gespielt hat, kann er nicht mehr spielen” (S. 29).

Der große Andere

Das “Phänomen Guttenberg”, das war “der große Andere” (S. 27) der deutschen Politik.

Der charmante und scheinbar so authentische, glaubwürdige und tatkräftige Adelige war “Hoffnungsträger” (S. 27) und “Superstar” (S. 27) – “ein Mann, der anders sein will als die klassischen Berufspolitiker” (S. 27).

Rolle zerstört

“Diese Rolle wäre zerstört, und es ist fraglich, ob die Bevölkerung noch einmal bereit wäre, einem Politiker diese Rolle anzuvertrauen” (S. 29).

Das gleiche gilt wohl für die Medien.

Rücktritt angemessen

“Der Schaden für die Politik wäre immens, ein Rücktritt ist angemessen dafür” (S. 29).

So lautet die Schlussfolgerung der SPIEGEL-AutorInnen.

Die Hoffnung nicht aufgeben

Viele Menschen in Deutschland sind nach wie vor anderer Ansicht. Sie wollen die Hoffnung nicht aufgeben und Guttenberg nicht ziehen lassen.

Darauf gehen die SPIEGEL-AutorInnen nicht ein.

Als Stimmenfänger zu wertvoll

Statt dessen betonen sie das Interesse der Regierungsparteien an ihrer “Lichtgestalt” (S. 4): “als Stimmenfänger bislang zu wertvoll” (S. 29).

Der Verteidigungsminister hat die Rückendeckung von Seehofer und Merkel.

Mehr als 20 Prozent

Die Internetplattform Guttenplag.wikia.com führt das Ausmaß des Betrugs vor Augen.

Mehr als 20 Prozent von Guttenbergs Doktorarbeit erfüllen den Tatbestand des Plagiats.

Ein Abgrund an Schummelei

Der Leiter der SPIEGEL-Dokumentation spricht in der “Hausmitteilung” von einem “Abgrund an Schummelei” (S. 3).

In der Titelstory erläutern seine KollegInnen:

Eine Art Baukastenverfahren

“Guttenberg hat in seiner Doktorarbeit nicht nur vereinzelt Fremdautoren zitiert, ohne dies nach üblichem Verfahren in einer Fußnote auszuweisen. Vielmehr hat er sein Buch über viele Seiten absatzweise aus den Arbeiten anderer zusammenmontiert, nach einer Art Baukastenverfahren” (S. 23).

Die Sicht des Entdeckers

Die SPIEGEL-AutorInnen machen deutlich, was das für die Wissenschaft bedeutet.

Sie zitieren den Bremer Rechtswissenschaftler Andreas Fischer-Lescano, der Guttenbergs Plagiat als erster aufgedeckt hat:

Verrat an der Wissenschaft

“Dass eine solche Arbeit an einer angesehenen deutschen Universität mit der Bestnote bewertet wird, darf das Wissenschaftssystem nicht hinnehmen. Wenn das das letzte Wort ist, ist es ein Verrat an der Wissenschaft und an all den DoktorandInnen, die unter schwierigen familiären, finanziellen, lebens- und arbeitsweltlichen Umständen ihre Dissertationen schreiben und dabei seriös vorgehen” (S. 23).

Charakterfrage

Mittlerweile hat Guttenberg seinen Doktortitel zurückgegeben und in seiner Kelkheimer Wettertannenrede eingestanden, dass er “gravierende Fehler” gemacht hat.

Doch damit ist die Leitfrage des SPIEGEL-Artikels noch nicht beantwortet: “Was sagt das über einen Charakter, diese Bereitschaft zum Plagiat?” (S. 29)

Erheblich entspannter

Der SPIEGEL bezieht in dieser Frage eine klare Position: Aus und vorbei!

Doch, wie gesagt, viele Menschen sehen das erheblich entspannter.

Wie kommt das?

Das Image der Wissenschaft

Mit dem Image der akademischen Wissenschaft steht es nicht zum Besten.

In der Bevölkerung gibt es in diesem Zusammenhang die relativ weit verbreitete Ansicht, dass der Charakter eines Menschen nicht dadurch beschädigt wird, dass er sich in einem suspekt gewordenen System auf suspekte Weise qualifiziert hat.

Modell Guttenplag

Tatsächlich hat das Internet die Wissenschaft verändert.

Vermutlich wäre es ratsam, in Zukunft jede akademische Qualifikationsarbeit einer ähnlichen Prüfung zu unterziehen, wie es die freiwilligen HelferInnen auf Guttenplag.wikia.com exemplarisch getan haben.

Das wäre durchaus ein positives Ergebnis dieser unerfreulichen Affäre.

Brennende Frage

Doch es bleibt die aktuell brennende Frage:

Was wird aus Guttenbergs Amtsstellung als Minister und was aus seinem medial getriggerten Status als “Aspirant auf die Kanzlerschaft” (S. 27)?

Charakterbildung

Der Charakter eines Menschen wird durch Lebenserfahrung geformt.

Er besteht nicht nur aus Prägungen, sondern auch aus der Art und Weise, wie es einem Menschen gelingt, über die eigenen Prägungen hinauszuwachsen.

Wird Guttenberg das gelingen?

Schwarz-Weiß-Zeichnen

Die Medien neigen dazu, einen Charakter als Faktum zu präsentieren und dann entweder schwarz oder weiß zu zeichnen.

Auch der SPIEGEL tut das.

Vergebung möglich

GuttenPlag macht die akademischen Verfehlungen des amtierenden Ministers transparent.

Auf dieser Grundlage ist sowohl Anklage und Verurteilung als auch Vergebung möglich.

MIKE SANDBOTHE

Der SPIEGEL-Artikel “Doktor der Reserve” ist derzeit auf Scribd.com zugänglich.