Mike's Media Diary

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December 19th, 2010

Das Geheimnis der Homöopathie (Die Zeit, Nr. 50, 9. Dezember 2010, Titelstory S. 39-41)

Posted in Die Zeit by mike

DIE ZEIT geht das Thema “Glauben und Globuli” (Die Zeit, Nr. 50, 9.12.2010, S. 39) differenzierter an als DER SPIEGEL (vgl. “Der große Schüttelfrust“, in: Der Spiegel, Nr. 28, 12.7.2010, S. 58-67).

Eine smarte Erwiderung

Zwar empfindet auch ZEIT-Autor Stefan Schmitt die Homöopathie als “eine Beleidigung der Vernunft“(Die Zeit, S. 41). Aber mit Jens Jessens (55) “Ein Beweis namens ‘Ich’” (Die Zeit, S. 40) hat die ZEIT-Redaktion der Contrastimme von Schmitt eine smarte Erwiderung hinzugefügt.

Ganz privat und ganz abstrakt

Jesse argumentiert auf zwei Ebenen: ganz privat und ganz abstrakt.

Ganz abstrakt glaubt Jessen, dass die Skeptiker “die Logik und alle medizinischen Argumente auf ihrer Seite haben” (S. 40). Und ganz privat setzt er diesen seine “persönliche Empirie” (S. 40) entgegen.

Oft entscheiden die Zwischenbereiche

Das ist rhetorisch geschickt. Aber um der Sache willen zugleich auch ein wenig schade.

Denn oft entscheiden sich die Dinge gerade in den Zwischenbereichen.

Informationsmedizin

Ein wichtiger Zwischenbereich besteht in der Avantgarde der modernen Komplementärmedizin, der sogenannten “Informationsmedizin”.

Sie schaut nicht allein auf materielle Substanzen und einfache Kausalwirkungen, sondern immer auch auf die Übertragung von Informationen und die damit verbundenen selbstorganisatorischen Aufschaukelungsprozesse.

Kollektive Empirie

Ein zweiter Zwischenbereich wird von Jesse zwar erwähnt, aber sogleich disqualifiziert.

Ich meine die kollektive Empirie derjenigen, die mit der Homöopathie schon seit einem Jahrhundert gute Erfahrungen sammeln.

Kein Esoteriker

Jesses erster Satz lautet: “Ich bin kein Esoteriker” (S. 40).

Mehr noch: es verdrießt ihn sogar, dass “das anthroposophische Gerede vom Ganzheitlichen, Feinstofflichen – und was es dergleichen Humbug mehr gibt – mich in einen gewissen Widerspruch zu meinem aufgeklärten Selbstverständnis” (S. 40) bringt.

Leider hat Jesse das nicht zum Anlass genommen, das eigene aufgeklärte Selbstverständnis zu überprüfen und vielleicht sogar einen Schritt weiterzuentwickeln.

Die über sich selbst aufgeklärte Aufklärung

Aus der Sicht einer über sich selbst aufgeklärten Aufklärung erscheinen Naturwissenschaft und Schulmedizin als Sprachspiele und hilfreiche Beschreibungsformen.

Sie erheben keinen Letztbegründungsanspruch, sondern punkten durch ihre Erfolge und ihren Nutzen für die Menschheit.

Esoterik als nützliche Alternative

Nützlich können und dürfen aus dieser weiterentwickelten Perspektive natürlich auch alternative Beschreibungsformen sein: literarische, künstlerische, religiöse, therapeutische und sogar “esoterische”.

Apropos Esoterik! Das von Platon sehr geschätzte Wort bedeutet laut Wikipedia nicht mehr und nicht weniger als “eine Lehre, die nur für einen begrenzten, ‘inneren’ Personenkreis zugänglich ist” (Stichwort “Esoterik“, in: Wikipedia).

Vom Esoterischen zum Exoterischen

Der Gegenbegriff ist “Exoterik”. Das bedeutet öffentliches Wissen, d.h. Wissen, das einem mehr oder weniger unbegrenzten, ‘äußeren’ Personenkreis zugänglich ist.

In diesem Sinne war Homöopathie lange etwas Esoterisches. Im 21. Jahrhundert ist sie auf dem besten Weg, zu etwas Exoterischem zu werden.

Jesses Rhetorik

Jesses rhetorische Strategie besteht darin, durch zugespitzte Privatisierung (also durch eine weitere Verengung des Personenkreises auf sich selbst!) einen Beitrag zum Öffentlichwerden des homöopathischen Heilwissens zu leisten.

Ich würde es dem Journalisten gönnen, wenn diese Strategie zum Erfolg der Sache beitrüge.

Sprache als Therapeutikum

In einer nicht all zu fernen Zukunft dürfte er sich dann vielleicht sogar eine homöopathische Ärztin gönnen, die nicht “wortkarg und praktisch” (S. 40) ist “wie nur je ein Schulmediziner” (S. 40).

Aus Sicht einer über sich selbst aufgeklärten Aufklärung kann auch und gerade die Sprache dem Menschen als Therapeutikum nützliche Heildienste leisten.

Eine spirituelle Dimension

Sie funktioniert dann als eine Art von “neuronaler Selffulfilling Prophecy” (“Glauben und Globuli“, in: Die Zeit, Nr. 50, S. 39-40, hier: S. 40). Jesses Kollegin Franziska Rademacher hat das auf der gleichen Seite sehr überzeugend beschrieben.

Sie hat sogar das folgende Zitat durch die sonst so aufmerksame Zeitgeist-Zensur geschmuggelt: “Es ist intelligent, eine spirituelle Dimension im Leben zu sehen.” (“Glauben und Globuli”, S. 40).

Aber holla!

Der Satz stammt von Rolf Verres (62). Der Mann ist Ärztlicher Direktor des Instituts für Medizinische Psychologie am Uniklinikum in Heidelberg.

Er sieht in der von Jesse so vehement abgelehnten ganzheitlichen Seite der Homöopathie sogar eine ihrer zu bewahrenden Stärken. Aber holla!

Mike Sandbothe