Mike's Media Diary

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October 31st, 2010

“Good night, America” (Der Spiegel, Nr. 44, 30.10.2010, S. 72-82)

Posted in Der Spiegel by mike

Manisch-depressiver Pendelschlag

Massenmedien lieben den Pendelschlag zwischen Manie und Depression. Auf den ersten Blick vollzieht die aktuelle SPIEGEL-Titelstory eine einfache Übung: von der Obamanie zu “Amerikas Götterdämmerung” (S. 74).

Die verzweifelten Staaten

Auf der Titelseite steht: “Die verzweifelten Staaten von Amerika. Eine Nation verliert ihren Optimismus” (Titelseite, DER SPIEGEL, Nr. 44).

Aber das Finale des 11-seitigen Artikels von Klaus Brinkbäumer, Marc Hujer, Peter Müller, Gregor Peter Schmitz und Thomas Schulz sieht zum Glück anders aus.

Richtung Mitte

Zuguterletzt schwingt das journalistische Pendel etwas mehr in Richtung seelisch-geistiger Gesundheit.

Zwar nicht im Namen der SPIEGEL-Autoren, aber im Namen von Dov Seidman.

Einer, der anders denkt

Seidman ist “einer, der anders denkt als die Leute von Wall Street und Zentralbank” (S. 82).

Der Philosoph und Unternehmensberater aus Kalifornien ist gerade nach New York gezogen.

Ethik und Nachhaltigkeit

“Seine Firma, nun 300 Mitarbeiter stark, ist eine der wenigen, die expandieren in dieser Zeit.”

‘”Es geht ihm um Ethik. Um Nachhaltigkeit” (S. 82).

Die bekannte Klaviatur

Auf den ersten zehn Seiten bedienen die SPIEGEL-Autoren die bekannte Klaviatur:

Alan Greenspan und die Ownership Society (S. 74); Robert Reichs “Nachbeben” und die 120 Millionen ganz unten (S. 77); die Familie Peterson in Florida hat 20 Jahre lang gearbeitet und ist jetzt wieder am Anfang (S. 78); Washington kurz vor den Kongresswahlen: “keiner redet mehr mit keinem” (S. 80).

Fiskalisch unregierbar

Das übliche Finale hätte dann wohl so ausgesehen:

Ronald Reagans ehemaliger Haushaltsdirektor hält die USA heute für “fiskalisch unregierbar” (S. 81). Es scheint nur noch die Geldpolitik, also die Inflation zu bleiben.

Die jedoch, so der Wirtschaftsnobelpreisträger Josef Stigliz, “hilft der amerikanischen Wirtschaft nicht und verursacht Chaos im Rest der Welt” (S. 81).

Ein kreatives Land

Kurz vor Artikelschluß aber ziehen die SPIEGEL-Autoren die Notbremse:

“Ein kreatives Land hört nicht wegen einer Krise auf, kreativ zu sein” (S. 80).

Way-of-life-crisis

Dazu Seidman: “Wenn wir die Variante des ‘fix and get back’, also der schnellen Reparatur und Wiederholung alter Verhaltensmuster, wählen, müssen wir uns ernsthaft Sorgen machen” (S. 82).

Aber die aktuelle Krise, so der Wirtschaftsphilosoph weiter, könnte auch dazu dienen, “Lebensweisen in Frage zu stellen und zu verändern” (S. 82).

Erneuerbare Energien

Ein weises Wort, gelassen ausgesprochen.

Seidman träumt “von einem Amerika, das beginnt, Waren zu produzieren, die gebraucht werden, die konkurrenzfähig sind und Arbeitsplätze schaffen, weil sie einen neuen Markt bedienen, zum Beispiel den Markt erneuerbarer Energien” (S. 82)

Nicht falsch!

Das kennen wir schon von Al Gore.

Aber das macht die Sache nicht falsch!

Hoffnungs-Spiegel

Deutschland spiegelt sich gern in Amerika.

Es ist schön, dass sich DER SPIEGEL bemüht, in sein pessimistisches Zerrbild von den verzweifelten Staaten eine Prise Hoffnung einzustreuen.

Für meinen Geschmack hätte es sogar noch etwas mehr sein dürfen.

Selten bipolar

Das lässt den Leitartikel realistischer wirken.

Schließlich sind bipolare Störungen glücklicherweise nicht nur bei Individuen, sondern auch bei Nationen relativ selten.

Mike Sandbothe