Mike's Media Diary

Archive for August, 2010

August 20th, 2010

“Tiere sind auch nur Menschen” und “Donnerstags kein Fleisch” (Die Zeit, Nr. 33, 12.8.2010, S. 41-43)

Posted in Die Zeit by mike

Der Bestseller des amerikanischen Schrifstellers Jonathan Safran Foer “Tiere essen‘” ist seit Mitte August in deutscher Sprache erhältlich.

Die ZEIT-Autorin Hilal Sezgin hat den Autor interviewt, und die ZEIT-Redakteurin Iris Radisch hat das von Foer überaus pragmatisch behandelte Thema moralphilosophisch zugespitzt:

“Wer darf wen töten und warum?” (DIE ZEIT, “Tiere sind auch nur Menschen”, S. 41).

Vegetarier in Theorie und Praxis

In der Theorie bin ich schon seit Jahrzehnten Vegetarier. Aber in der Praxis erst seit anderthalb Jahren.

Das verbindet mich mit Foer.

Gefahrlos vegetarisch?

Bei ihm war es die Geburt seines ersten Sohnes, die ihn vor vier Jahren dazu veranlasst hat, über Fleischessen nachzudenken:

“Ich wollte wissen, ob man ein Kind gefahrlos vegetarisch aufziehen kann” (DIE ZEIT, “Donnerstags kein Fleisch“, S. 43).

Unfähigkeit, Tiere zu essen

Anders Radisch.

In ihrer Familie gibt es eine “seit Generationen verbreitete Unfähigkeit, Tiere zu essen” (DIE ZEIT, S. 41).

Für sie hat das Thema eine andere Tiefe.

Die alte Philosophenfrage

Das ist vermutlich einer der Gründe dafür, dass ihre ZEIT-Titelstory fokussiert bleibt auf die alte Philosophenfrage nach “unserem Recht, Tiere zu töten, um sie zu essen” (DIE ZEIT, S. 41).

Vegetarier-Pragmatismus

Aus der Sicht von Foer “lenken solche Diskussionen ab” (DIE ZEIT, S. 43). Ihm geht es nicht ums Grundsätzliche, sondern um die Details.

Wie können wir tiergerechter töten? Wie können wir es schaffen, mit weniger Fleisch auszukommen?

Ethisch unbedenkliches Fleisch

Über den von Foer repräsentierten Typus des entspannten “Wohlfühlvegetariers” (DIE ZEIT, S. 42) schreibt Radisch:

“Für ihn gibt es, was für mich undenkbar ist: ‘ethisch unbedenkliches Fleisch’ (DIE ZEIT, S. 42)

Ohne moralische Empörung

Das griechische Wort “ethos” bedeutet “Gewohnheit, Sitte, Brauch, Haltung, Charakter”.

Insofern lässt es sich auch ohne das Moment der moralischen Empörung verwenden, auf das Radisch zielt.

Die Welt besser machen

Und genau das tut der in Princeton ausgebildete Schriftsteller und Philosoph Jonathan Safran Foer.

Ihm geht es nicht darum, “ethisch rein zu sein” (DIE ZEIT, S. 43). Er will einfach nur “die Welt besser machen” (DIE ZEIT, S. 43).

Eine Gewohnheit unter anderen

In der Sache teilt Radisch Foers pragmatische Grundeinsicht.

Auch für sie ist “die Fleischeslust kein dunkler, unbeherrschbarer Naturtrieb, sondern eine Gewohnheit unter anderen” (DIE ZEIT, S. 41).

Rechtfertigungsdebatten

Zugleich aber verfängt sich die ZEIT-Redakteurin in akademischen Rechtfertigungsdebatten.

Die “Frage, ob wir dürfen, was wir tun” (DIE ZEIT, S. 41), ist das bestimmende Leitmotiv ihres Artikels.

Unerheblich?

Dies führt unter anderem dazu, dass die von Foer angestoßenen Diskussionen darüber, wie schädlich der Fleischkonsum für unsere Gesundheit ist und wie hoch die globalen Treibhausgasemissonen der Fleischindustrie sind, von Radisch als philosophisch “unerheblich” (DIE ZEIT, S. 41) zur Seite geschoben werden.

Rätsel des tierischen Innenlebens

Statt dessen widmet sie sich ausführlich dem “Rätsel des tierischen Innenlebens” (DIE ZEIT, S. 42) sowie dem Nachweis, dass “die Gründe, die wir für das eklatante Ungleichgewicht der Rechte zwischen Mensch und Tier geltend machen, allesamt windig sind” (DIE ZEIT, S. 41).

Was ist mit Ameisen?

Für den Pragmatisten Foer stellt sich die letztgenannte Frage auf andere Weise:

“Haben Tiere dieselben Rechte? Was ist mit Ameisen, auf die wir beim Gehen treten, oder Mäusen im Haus?” (DIE ZEIT, S. 43).

Niemals eindeutig

Am Ende ihres Beitrags hebt auch Radisch hervor, dass “die Grenzen des Tötungsverbots niemals eindeutig zu bestimmen sind” (DIE ZEIT, S. 42).

Doch, so die ZEIT-Redakteurin weiter, “das gibt uns noch lange nicht das Recht, alles falsch zu machen” (DIE ZEIT, S. 42).

Grade des Guten und Bösen

Foer zufolge tun wir das auch nicht.

Es geht um Grade des Guten und Bösen, nicht um die zugespitzte Entgegensetzung von “alles richtig” oder “alles falsch”.

Schlachthausroutine

Aus seiner Sicht ist nicht “Tiere essen” der eigentliche Skandal, sondern die Art und Weise, wie die Massentierhaltung mit unseren animalen Verwandten umgeht.

Dazu Radisch: “Sehr häufig werden Tiere in der industriellen Schlachthausroutine nicht gründlich genug betäubt und schreiend bei lebendigem Leib gehäutet und zerstückelt” (DIE ZEIT, S. 42).

98 Prozent

98 Prozent der Hühner und Schweine, die wir hier in Deutschland auf die Teller bekommen, stammen aus industriellen Tierfabriken.

Nur zwei Prozent der Bauernhöfe zählen zu den von Foer ebenfalls besuchten “Ausnahmefarmen” (DIE ZEIT, S. 43).

Ausnahmefarmen

“Die Kälber bleiben dort bei ihren Müttern, sie können all das tun, was Kühe gerne tun. Sie werden so geschlachtet, dass sie der Tod in fast allen Fällen schmerzlos ereilt” (DIE ZEIT, S. 43)

Und weiter Foer: “Es sind Menschen, die ihren Tieren Namen geben und sie besser behandeln als ich meinen Hund. Wirklich! Und dann töten sie sie.”

Fleisch, Fisch, Eier und Milch

Foer plädiert dafür, kein Fleisch oder jedenfalls möglichst wenig Fleisch zu essen.

Und zwar weil fast alles Fleisch, das wir in den Geschäften kaufen, aus den Todesfabriken und nicht aus einer Ausnahmefarm stammt.

Das gilt auch für Eier und Milch und für die Fischindustrie.

Kulturpolitik

Worum geht es in der Debatte zwischen Foer und Radisch?

Es geht um Kulturpolitik.

Leute, die unsere Zukunft prägen

“94 Prozent der Deutschen essen gern tote Tiere” (DIE ZEIT, S. 42).

“Es gibt an amerikanischen Universitäten schon 18 Prozent Vegetarier. Das sind die Leute, die unsere Zukunft prägen, es sind künftige Politiker, Schauspieler, Schriftsteller, Juristen und Ärzte.” (DIE ZEIT, S. 43).

Gesinnungswandel

In der Kulturpolitik unserer Ernährungsgewohnheiten geht es heute auch und gerade um die Frage, wie trendsetzende Medien dazu beitragen können, dass der in Bewegung gekommene “Gesinnungswandel” (DIE ZEIT, S. 43) sich weiter beschleunigt und auf globaler Ebene flächendeckend vollzieht.

Weiter warten?

Die Beantwortung der von Radisch aufgegriffenen Philosophenfrage: “Wer darf wen töten und warum?” ist in mehr als 2500 Jahren Philosophiegeschichte nicht gelungen.

Wollten wir weiter warten, würde davon die schlechte Praxis der Massentierhaltung profitieren.

Kampagnentauglich

Aus diesem Grund scheint mir Foers Vorschlag eine bessere Basis zu bieten für eine weltweite journalistische Kampagne.

Darin würde es um den bewussten Verzicht auf den Konsum derjenigen Art von Fleisch und Fisch gehen, die den überwiegenden Teil dessen ausmacht, was wir heute in den Geschäften kaufen können.

DIE ZEIT hat Weitsicht und Mut bewiesen, dieses Thema als Titel zu setzen.

Mike Sandbothe

Der Vegetarismus-Essay von Iris Radisch ist als Online-Text unter dem Titel “Tiere sind auch nur Menschen” auf Zeit-Online zugänglich. Das Gespräch, das Hilal Sezgin mit Jonathan Safran Foer geführt hat, findet sich dort unter dem Titel “Donnerstags kein Fleisch“.