Mike's Media Diary

Archive for July, 2010

July 26th, 2010

“Leben im Stand-by-Modus” (Der Spiegel, Nr, 29, 19.7.2010, S. 56-67) und “Protokoll eines Krieges” sowie “Der Enthüller” (Der Spiegel, Nr. 30, 26.7.2010, S. 70-81 und 82-86)

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Normalerweise können Abonnenten die digitale Version des SPIEGEL schon am Samstagabend um 22.oo Uhr auf www.spiegel.de/meinspiegel abrufen. Dieses Wochenende aber war das anders. Aus redaktionellen Gründen hieß es: “Ich bin dann mal off”.

Es wäre schön gewesen, wenn es sich bei dieser unerwarteten Entschleunigung um den ferienzeitlichen Nachklang zur gleichnamigen Titelstory der vergangenen Woche gehandelt hätte.

Datenstress pur

Nach den elf Seiten literarisch-philosophischer Muße-Theorien, die von Susanne Beyer (41) im SPIEGEL Nr. 29 zusammengestellt worden waren, hätte ein wenig konsequente Muße-Praxis von Seiten der Magazinredaktion nicht schaden können.

Doch wen wundert’s, dass es am Sonntagabend um 23.00 Uhr, als der SPIEGEL Nr. 30 dann doch noch online ging, ganz anders kam: Datenstress pur!

Echtzeit-Krieg

91.731 Dokumente aus dem Datenpool des amerikanischen Militärs in Afghanistan. Die meisten davon als geheim deklariert.

“Meldungen der Truppe aus dem laufenden Gefecht” (Spiegel, Nr. 30,  S. 72). “Der Krieg gewissermaßen in Echtzeit” (ebd.).

Wikileaks.org

Das in der Titelstory des SPIEGEL Nr. 30 (Protokoll eines Krieges, S. 70-81) ausgewertete Material umfasst einen Zeitraum von 2004 bis 2009.

Es ist seit Sonntag (25.7.2010) als digitales Archiv online recherchierbar auf der Internetplattform wikileaks.org.

Zeitgleich

Die New York Times, The Guardian und DER SPIEGEL hatten schon einige Wochen zuvor Einblick in die Datenflut.

Zeitgleich flankieren sie die Online-Publikation von WikiLeaks nun in Amerika, Großbritannien und Deutschland mit ihren Titelgeschichten.

Überlastet

Natürlich ist der WikiLeaks-Server jetzt überlastet.

Denn er steht plötzlich im Zentrum der Weltöffentlichkeit.

Muße nicht Nichtstun

Das führt zurück zum Thema von Susanne Beyer.

Sie hatte uns unter der Überschrift Leben im Stand-by-Modus (Spiegel, Nr. 29, S. 56-67) gerade noch so schön erläutert, dass Muße nicht Nichtstun bedeutet.

Den Mächtigen in die Suppe spucken

Den “Definitionen der Denker” (Spiegel, Nr, 29, S. 66) zufolge bestehe Muße darin, “sich in aller Ruhe und zweckfrei dem hinzugeben, was Freude mache und interessiere” (ebd.).

Für den einen heiße das “Klavierspielen” (ebd.), für den anderen sei es “ein Spaziergang” (ebd.) – und für den dritten besteht das “otium” ganz offensichtlich darin, “den Mächtigen in die Suppe zu spucken” (Spiegel, Nr. 30, S. 84).

Der Gründer

Julian Assange (39) ist der Gründer von WikiLeaks.

Er hat die geheimen “Afghanistan-Protokolle” (Spiegel, Nr. 30, Titelseite) ins Internet gestellt.

Wir leben alle nur einmal

Im Gespräch mit dem SPIEGEL teilt er den Redakteuren John Goetz (47) und Marcel Rosenbach (38) mit:

“Wir leben alle nur einmal. Deshalb sollten wir in unserer Zeit etwas Sinnvolles und Befriedigendes anstellen. Und ich mag es, den Mächtigen in die Suppe zu spucken. Diese Arbeit macht mir wirklich Spaß” (Spiegel, Nr. 30, S. 84).

Gott der Allmächtige

Der Mann aus Australien hat Physik studiert und eine Karriere als Hacker hinter sich:

“Er bewegte sich in den Rechnern anderer wie Gott der Allmächtige” (Spiegel, Nr. 30, S. 85).

Sicherheitsrisiko

WikiLeaks wurde 2007 online gestellt.

Seit 2008 wird es vom US-Militär als Sicherheitsrisiko klassifiziert.

Keine Gerüchte

Die Webseite sammelt und veröffentlicht “Material, das Unternehmen und staatliche Stellen als geheim einstufen. Ein Forum für anonyme Informanten. Keine Gerüchte, nichts Selbstverfasstes, nur Originaldokumente” (Spiegel, Nr. 30, S. 82).

Kein Gehalt

Und weiter erfahren wir im SPIEGEL: “Assange arbeitet wie besessen an der Datenbank” (Spiegel, S. 83). Ein Gehalt erhält er dafür nicht.

“Leute, die es gut mit ihm meinen, sagen, er brauche dringend ein paar Wochen Urlaub” (Spiegel, Nr. 30, S. 83).

Kein Urlaub

Aber das wissen wir jetzt besser. Muße ist nämlich nicht Urlaub von der Arbeit, sondern nur ein anderer Modus:

“Insofern müsste die Leistungsgesellschaft genau diesen Zustand eigentlich anstreben” (Spiegel, Nr, 29, S. 66).

Task Force 373

Ist das die Meta-Message, die uns der SPIEGEL in die Ferien hinein nachruft?

Mit Susanne Beyers “Ich bin dann mal off” (Spiegel, Nr. 29, Titelseite) reisen wir ab, und am Urlaubsort begrüßt uns die “Task Force 373” (Spiegel, Nr. 30, Titelseite)!

A very, very big story

Sicherlich, aus der Perspektive der Sicherheitsministerin von Großbritannien, Baroness Neville-Jones, ist das Ganze “a very, very big story”.

Und der Nationale Sicherheitsberater von Präsident Obama reagiert sofort und verurteilt die Veröffentlichung der Geheimdokumente, weil “sie das Leben von Amerikanern und ihren Partnern bedroht” (Statement of National Security Advisor Gen. James Jones on Wikileaks).

Nr. 2

In der Tagesschau wird das Thema heute (26.7.2010) als Nr. 2 gleich nach der Duisburger Love-Parade behandelt.

Aber der Unterschied zwischen den beiden Nachrichten ist signifikant.

Berichterstattungspflicht

Bei der Massenpanik in Duisburg handelt es sich um eine aktuelle nationale Tragödie mit 21 Toten, für die jetzt die Verantwortlichen gesucht werden.

In diesem Fall besteht journalistisch gesehen unmittelbare Berichterstattungspflicht.

Skandalwert

Die Veröffentlichung der “Afghanistan-Protokolle” hat keinen aktuellen Anlass. Die Ereignisse, auf die sich die Protokolle beziehen, liegen relativ weit zurück.

Und der Skandalwert besteht scheinbar weniger in den dokumentierten Inhalten als vielmehr im Sachverhalt der Veröffentlichung selbst.

Sommerloch

Ein Weltthema wird aus der Sache dadurch, dass die drei großen Zeitungen sich im Timing mit WikiLeaks abgesprochen haben, um auf diese Weise einen globalen Medienevent zu kreiren.

Mitten im Sommerloch.

Ein angemessenes Instrument?

Gehört das Material tatsächlich an die Öffentlichkeit? Ist die gewählte Form der massenmedialen Kampagne ein angemessenes Instrument?

Oder ist diese etwas stressige Art von Muße vielleicht doch nicht wirklich investigativ?

Fehlende Worte

Nun ja, als Medienphilosoph bin ich ja einiges gewöhnt.

Aber heute fehlen auch mir die Worte.

Mike Sandbothe

Update: Zur internationalen Debatte über die Veröffentlichung der geheimen Militär-Dokumente aus dem Afghanistan-Krieg siehe auch den SPIEGEL-Online-Artikel von Gregor Peter Schmitz: Datendesaster untergräbt Obamas Kriegspläne (27.7.2010).



July 18th, 2010

Der große Schüttelfrust (Der Spiegel, Nr. 28, 12.7. 2010, S. 58-67)

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Der SPIEGEL-Redakteur Markus Grill (42) und seine Kollegin Veronika Hackenbroch (40) befassen sich in ihrer Titelstory “Homöopathie. Die große Illusion” auf zehn Seiten mit der populären Paradeform einer sanften Medizin.

Leider haben sie im Untertitel das Fragezeichen vergessen.

Das fehlende Fragezeichen

Der gesamte Textumfang beträgt 34955 Zeichen. Da sollte man meinen, dass das Fehlen dieses einen Zeichens doch keinen wirksamen Unterschied macht.

Aber es ist wie bei der Homöopathie. Kleine Ursachen können große Folgen haben.

Eine Krankheit der Profession

Mit Fragezeichen wäre aus dem journalistischen Virusträger ein medizintherapeutischer Heilungstext geworden.

So aber wird das spannende Titelthema von der Krankheit des professionalisierten Skeptizismus befallen.

Skeptiker und andere Menschen

Skeptiker sind Menschen, die meinen, dass der Zweifel ein Selbstzweck sei und nichts, das ihm nicht systematisch unterzogen wurde, Anspruch auf Gültigkeit habe.

Die englische Sprache stellt der skeptischen Grundhaltung eine Weltsicht gegenüber, die als “open minded” bezeichnet wird.

Chronisch-misstrauisch

Dementsprechend unterscheiden wir im Deutschen aufgeschlossene Menschen von skeptisch-verschlossenen bzw. chronisch-misstrauischen Zeitgenossen.

JournalistInnen gehören häufig (aber zum Glück nicht immer) zum letztgenannten Typus.

Der Fall Grill

Nehmen wir den Fall des SPIEGEL-Redakteurs Markus Grill. Er ist 42 Jahre alt und “Vater zweier Söhne” (Der Spiegel, Nr. 28, “Hausmitteilung”, S. 5).

Weiter erfahren wir über ihn, dass er “im Freundeskreis schon oft den Ratschlag bekommen hat: Leiden die Kinder unter irgendeinem Wehwechen, helfen kleine homöopathische Kugeln, die Globuli” (Der Spiegel, Nr. 28, S. 5).

Nicht nur Vater

Aber Grill ist nicht nur Vater. Er zählt auch zu “den besten investigativen Journalisten Deutschlands” (Sonia Mikich).

Seine  Spezialität ist die Enthüllung von Skandalen in der Pharmabranche. Dafür hat er dieses Jahr den Journalistenpreis des Deutschen Netzwerks Evidenzbasierte Medizin erhalten.

Wie die Pillen produziert werden

Deshalb hat er den Globuli-Ratschlag seiner Freunde auch nicht einfach ausprobiert, sondern erst mal eine professionelle Hintergrundrecherche gestartet:

“Grill ließ sich in Karlsruhe in den Gebäuden der Deutschen Homöopathischen Union (DHU) zeigen, wie die Wunderpillen produziert werden” (Der Spiegel, Nr. 28, S. 5).

Grills Schüttelfrust

Dieser Besuch wurde zum Auslöser von Grills “Schüttelfrust”. Womit wir wieder beim fehlenden Fragezeichen sind.

Denn die in Handarbeit durch Schütteln eines Glaskolbens erzeugten Verdünnungsgrade können in der Homöopathie Dimensionen (“D”) erreichen, im Vergleich zu denen das fehlende Fragezeichen im Cover-Untertitel “Homöopathie. Die große Illusion” als grob stofflich erscheinen mag.

Homöopathische Verdünnungsgrade

“So kommt bereits bei D9 etwa ein Tropfen Wirkstoff auf den Inhalt eines Tanklasters. D23 entspricht bereits einem Tropfen Wirkstoff im gesamten Mittelmeer. Und D78 bedeutet, dass wenige Wirkstoffmoleküle auf alle Moleküle des Universums kommen” (Der Spiegel, Nr. 28, S. 64).

“Daneben stellt die DHU auch Potenzen wie D200 und D1000 her.” (Der Spiegel, Nr. 28, S. 64)

Keine Belege

Doch damit nicht genug.

“Je länger sich Grill und seine Kollegin mit der vermeintlichen Wundermedizin beschäftigten, desto größer wurde ihre Skepsis. Sie fanden weltweit keine überzeugenden Belege für die Wirksamkeit homöopathischer Zuckerkügelchen.” (Der Spiegel, Nr. 28, S. 5).

Placebos

Das Fazit der Spiegelredakteure lautet daher, dass es sich bei homöopathischen Medikamenten um “Placebos” handelt.

Diese sollen einer “larvierten Form von Psychotherapie” (Der Spiegel, Nr. 28, S. 66) den Anschein einer medizinischen Behandlung verleihen.

Am Zweifel zweifeln

Skeptiker haben ein Grundproblem. Ihnen fällt es schwer, am Zweifel zu zweifeln.

Skepsis macht in bestimmten Kontexten durchaus Sinn. Aber nicht in allen.

Wer das einsieht, ist fähig, am Zweifel zu zweifeln, d.h. diesen nicht als Lebenshaltung zu verabsolutieren, sondern intelligent, situativ und wohldosiert einzusetzen.

Wer heilt, hat Recht!

Der geheilte Skeptiker wird zum Pragmatisten.

Samuel Hahnemann (1755-1843), der Begründer der Homöopathie, hat den Grundsatz einer pragmatisch orientierten Arztpraxis einmal wie folgt formuliert: “Wer heilt, hat Recht!”

Heilungsorientierter Pragmatismus

Auch bei den LeserInnen des SPIEGEL ist der in diesem Zitat zum Ausdruck kommende heilungsorientierte Pragmatismus weit verbreitet.

So schreibt Peter Kuhn aus Genf in seinem Leserbrief: “Wenn der Patient sagt, es gehe ihm besser, dann kommt auch ein negativer Objektivierungsbeweis dagegen nicht auf” (Der Spiegel, Nr. 29, 19.7.2010, S.9).

Nicht ‘nur’, sondern ‘aha’

Und Dirk Houben aus Wuppertal geht noch einen Schritt weiter, wenn er formuliert:

“Ob nun in der Homöopathie, in der Psychotherapie oder der Schulmedizin, der Placeboeffekt läuft immer wacker mit, er wäre bei kluger Betrachtung aber nicht ein ‘Nur’, sondern vielmehr ein ‘Aha’” (Der Spiegel, Nr. 29, S. 9).

Medizinische Maschinerie

Was Houben meint, hat der in Seattle praktizierende Freiburger Komplementärmediziner Dietrich Klinghardt mit Blick auf die Schulmedizin einmal wie folgt auf den Begriff gebracht:

“Der Hauptgrund, warum die Schulmedizin überhaupt so oft wirkt, liegt im Placeboeffekt, der ausgelöst wird durch die ungeheuer eindrucksvolle medizinische Maschinerie” (Dietrich Klinghardt, Lehrbuch der Psychokinesiologie, S. 33).

Farbige Pillen und weiße Kittel

Insofern kann man sagen, dass die meisten Skeptikerargumente, die sich in dem Spiegel-Artikel von Grill und Hackenbroch finden, Argumente sind, die sich auch auf die Schulmedizin anwenden lassen.

Denn: “‘Rituale’ wie Blutdruckmessen, ‘Symbole’ wie farbige Pillen, weiße Kittel und die ehrliche und liebevolle Bemühung des Arztes tun ihre Wirkung” (Klinghardt, ebd., S. 33).

Verantwortung in Medizin und Naturwissenschaft

Und das ist auch gut so. Denn in der Medizin geht es um Heilung und nicht um die Verabsolutierung des Zweifels.

Das gilt übrigens auch für eine verantwortungsvolle Form von Naturwissenschaft.

Revolution statt Blockade

Sie nimmt die Erfahrungen ernst, die ÄrztInnen und PatientInnen machen und blockiert mit ihren alten Wissensbeständen nicht den Fortschritt der Forschung.

Denn das, was wir heute zwar erfahren, aber noch nicht erklären können, markiert den Raum, in dem sich sich zukünftige wissenschaftliche Revolutionen ereignen.

Mike Sandbothe