Mike's Media Diary

Archive for April, 2010

April 9th, 2010

SPIEGEL-Surfing (Der Spiegel, Nr. 14, 3. April 2010)

Posted in Der Spiegel by mike

Laut SPIEGEL gehört unser Umweltminister Norbert Röttgen “zu jener Gruppe, die Merkel-Spotting betreibt” (S. 25). Der Begriff ist wohl dem TrainSpotting und beides in der Sache dem BirdWatching nachempfunden.

Kanzler, Züge, Vögel

Der Autor des Artikels, Dirk Kurbjuweit,  weiss über’s Merkel-Spotting folgendes zu berichten: “Man muss dafür ein Bild von sich als Kanzler haben” (S. 25).

Das ist beim Züge- und Vögelbeobachten zum Glück anders: die ausführende Person braucht von sich kein Bild als Zug oder Vogel zu haben!

SPIEGEL-Watching

Ehrlich gesagt, weiss ich auch nicht so genau, wie das beim  MagazinSpotting oder SPIEGELwatching ist.

Aber ich setze auf die Analogie mit den Zügen und Vögeln.

Feature-Hopping

In dieser (nach)österlichen Woche kommt noch eine weitere Komplikation hinzu. Aus Mangel an Anziehungskraft ist es mir nicht gelungen, mein Spotting auf einen einzelnen SPIEGEL-Artikel zu fokussieren.

Deshalb: “SPIEGEL-Surfing”. Man könnte auch von Artikel-Zapping oder Feature-Hopping reden.

Minister für Weltrettung

Aber worum geht es? Ja, genau das war meine Frage als ich den SPIEGEL-Artikel “Die Rache des Maschinisten” über Norbert Röttgen gelesen habe. Oder anders gefragt: Wozu soll das gut sein?

Intellektuellen-Schelte?

Minister-Bashing?

Weltrettungs-Dämmerung?

Abgerutscht

Irgendwie ist es wohl all’ das zusammen und noch einiges mehr.

Kurbjuweit über Röttgen: “Er wurde Umweltminister, weil das im Herbst 2009 nach einer großen Aufgabe aussah. Die Klimakonferenz von Kopenhagen (…) ist jedoch gescheitert (…) und seither ist das ganze Thema abgerutscht. Röttgen darf sich nicht mehr als Minister für Weltrettung fühlen” (S. 25).

Die Wirklichkeit ist niemals naiv

Ich bin naiv. Deshalb finde ich, dass man als Medienmensch ein Thema wie dieses nicht einfach so ‘abrutschen’ lassen darf; zumal es da ja auch neben “den Themen” noch “die JournalistInnen” gibt.

Die sind doch nicht einfach nur ThemenSpotter und KampagnenWatcher. Die machen doch auch ein Stück weit selber die Musik. Wenn sie mutig sind und es wirklich wollen!

Obamas Säkularisierung

Wie gesagt, ich bin naiv. Aber im SPIEGEL-Kommentar von Klaus Brinkbäumer steht: “Die Wirklichkeit ist niemals naiv” (S. 87). Hm. Und wer definiert die? Vielleicht die triadische Geschichtsphilosophie von Herrn Brinkbäumer?

Über Aufstieg und Fall von “St. Barack” (S. 87), also des amtierenden US-Präsidenten, berichtet der SPIEGEL-Journalist wie folgt: “Nach Erscheinung und Kreuzigung erleben wir so etwas wie eine Säkularisierung” (S. 87).

Eine schlechte Angewohnheit

So konstruiert man Themenkarrieren. Statt ThemenWatching doch lieber CampaignCreating?

Aber ist das wirklich “die Wirklichkeit”? Oder nur eine schlechte Medienangewohnheit?

Mit dem Hammer

“Heilung ist nicht möglich.” Das erfahren wir auf S. 127. Es spricht der französische “Dandy-Philosoph” (S. 126) Bernard-Henri Lévy. Romain Leick hat ihn in Paris interviewt und das dann im SPIEGEL drucken lassen.

Lévy besichtigt Kriege und philosophiert “mit dem Hammer” (S. 127). Er wollte kein akademischer Philosoph werden.

Flickwerk-Philosophie

“Wirft man mir vor, zu nahe am Journalismus, an der Reportage, an der Literatur zu sein? Bitte – in der Flickwerkphilosophie hat auch der gute Reporter seinen Ehrenplatz” (S. 127).

Gar keine schlechte Idee! Während die Mehrzahl der JournalistInnen den Themenkarrieren hinterher rennt oder diese (je nach Medium) tatkräftig mitkonsturiert, machen die avantgardistischen PhilosophInnen den alten JournalistInnenjob und schreiben ordentliche Reportagen.

Prof. Dr. Papst

Und was wird aus dem Papst? Der “(UN)FEHLBARE” (SPIEGEL-Titel) ist ja immerhin der Aufmacher dieser SPIEGEL-Woche. Aber der Mann steht “mit leeren Händen” da (S. 74). Denn er ist ein “Intellektuellen-Papst” (S. 76). Ihm fehlt die Bodenhaftung, sprich: die Medienehrfurcht.

“Eine Zeitlang genoss er sogar das ungeteilte Wohlwollen des Feuilletons. Dennoch drang Benedikts Botschaft nicht durch. Der oberste Theologe, Prof. Dr. Papst, verlor den engen Kontakt zu seinen Schutzbefohlenen” (S. 78).

Metaphysische Zentralheizung

Das erfahren wir von Fiona Ehlers, Gregor Peter Schmitz, Ulrich Schwarz, Alexander Smoltcyk und Peter Wensierski. Und sie wissen auf zehn SPIEGEL-Seiten noch mehr über den Oberhirten und seine Schäfchen zu berichten:

“Die meisten seiner Landsleute haben sich in Wahrheit längst in einer privaten Glaubenswelt eingerichtet. Sie haben durchaus den Wunsch nach einer metaphysischen Zentralheizung, wenn’s kälter wird im Leben. Aber bitte ohne Institution und ohne Zumutungen” (S. 78).

In Anderer Glück sein eigenes finden

Gelten Schweizer auch als Landsleute? Irgendwie schon. Vor allem, wenn sie ihre Steuern in Frankfurt am Main bezahlen. Wie Josef Ackermann, “der Bösewicht” (S. 4). Er möchte, dass die Menschheit ihn so sieht, wie er sich selbst sieht. “Der Getriebene” (S. 58).

Der SPIEGEL ist gern behilflich und zitiert aus Ackermanns privater Glaubenswelt: “In Anderer Glück sein eigenes finden, ist dieses Leben Seligkeit – und anderen Menschen Wohlfahrt gründen, schafft göttliche Zufriedenheit” (S. 61).

Ein spirituelles Wesen

Auch Bundesverfassungsrichter Udo Di Fabio leistet einen Beitrag zum österlichen SPIEGEL-Thema.

Seiner Ansicht nach ist die Säkularisierung an ihr Ende gekommen. Und zwar, “weil der Mensch ein spirituelles Wesen ist, das sucht und sich nicht allein mit Konsum und Zweckrationalität begnügt” (S. 30).

Positive Grundeinstellung zur Religion

Nun bin ich selbst überrascht. Obamas Säkularisierung und die Wiederkehr der privaten Spiritualität gehen im Oster-SPIEGEL Hand in Hand.

Die politische Hoffnung auf die öffentliche Politik tritt zurück hinter die private Besinnung auf “die alten Werte der Gebirgswelt” (S. 61) und “eine positive Grundeinstellung unseres Verfassungsstaates zur Religion” (S. 30).

Minister für Entwarnung

Was aber wird aus den großen Weltkrisen? Sicherheitskrise. Ressourcenkrise. Klimakrise. Und, ach ja: Finanzkrise, Wirtschaftskrise, Fiskalkrise.

Ganz einfach. Wir haben jetzt einen “Minister für Entwarnung” (S. 18). Das ist Thomas de Maizière.

Der Zusammenhalt der Gesellschaft

Von Simone Kaiser, René Pfister, Marcel Rosenbach und Holger Stark erfahren wir über ihn:

“In seinem ersten großen Interview sagte er, mit dem Begriff ‘innere Sicherheit’ könne er wenig anfangen. Seine Aufgabe sei vielmehr, den Zusammenhalt der Gesellschaft zu stärken” (S. 18).

Ein Land steht am Abgrund

Am Beispiel des Alltags einer griechischen Familie zeigt der SPIEGEL was passiert, wenn man das nicht tut: “Ein Land steht am Abgrund – und niemand hat es kommen sehen” (S. 48).

Der Bielfelder Soziologe Wilhelm Heitmeyer aber sieht es kommen. Und zwar in Deutschland: “Wutgetränkte Apathie” (S. 70).

Nationale Demokratie-Entleerung

Mit der Fiskalkrise kämen Finanz- und Wirtschaftskrise nun auch bei den einzelnen BürgerInnen an. Die öffentlichen Finanzen bluteten aus. Langzeitarbeitslose würden zum Buhmann der Gesellschaft.

“Drei von vier Befragten sagen, dass sich Solidarität, Gerechtigkeit und Fairness in dieser Gesellschaft nicht mehr verwirklichen lassen” (S. 71). Woran liegt das?

Der autoritäre Kapitalismus

“Viele Menschen merken, dass die Demokratie die Kontrolle verliert gegenüber dem Kapital, das wiederum Kontrolle gewinnt und gnadenlos ausübt” (S. 71).

Und weiter schreibt Heitmeyer: “Der autoritäre Kapitalismus hat es geschafft, seine Verwertungskritierien ohne Widerstand der ganzen Gesellschaft überzustülpen” (S. 71).

Kulturpolitik heute

Ist das wirklich die rechte Zeit für ein Abdanken der öffentlichen Politik und eine Besinnung auf private Glaubenswelten?

Oder geht es heute kulturpolitisch nicht vielmehr darum, öffentliches Engagement und private Spiritualität auf neue Weise miteinander zu verbinden?

Nachhaltiger Journalismus

Wie sähen wirklich nachhaltig fungierende Öffentlichkeiten aus, in denen planetarische Themen wie der Klimawandel nicht einfach mal eben ‘abrutschen’?  Und wie könnte Demokratie in transnationalen Institutionen neue Gestalt gewinnen?

Das sind Fragen, mit denen der SPIEGEL seine geneigten LeserInnen zu Ostern leider nicht konfrontiert. Warum eigentlich?

Mike Sandbothe

Einge der zitierten Artikel sind auf SPIEGEL-Online als digitale Volltexte zugänglich.