Mike's Media Diary

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December 24th, 2009

“Zeit der Exzesse” (Der Spiegel, Nr. 50, 7. Dezember 2009, S. 152-161)

Posted in Der Spiegel by mike

Dirk Kurbjuweit (47), Gabor Steingart (47) und Merlind Theile (33) befassen sich im SPIEGEL-Titelfeature Nr. 50 mit dem “verlorenen Jahrzehnt” und der weitreichenden Frage “was die Welt aus einer Dekade der Unvernunft lernen muss” (Spiegelcover).

In ihrem Artikel führen sie vor Augen, wie ein kulturpolitisch tiefgreifender Journalismus in Zeiten des Übergangs Orientierung geben kann.

Schlimmer hätte es kaum kommen können

Die Autorin und die beiden Autoren sehen die “nuller Jahre”  als strukturelle “Krisenjahre” (S. 153).

Ihre Grundthese über das erste Jahrzehnt des dritten Jahrtausends lautet: “9/11-Krise, Klimakrise, Finanzkrise, Demokratiekrise. Das alles summierte sich zu einer Gesamtkrise des Westens. Schlimmer hätte es kaum kommen können” (S. 153).

Journalistische Vorbildfunktion

Nun, natürlich hätte es noch schlimmer kommen können. Und außerdem hat es nicht nur den Westen getroffen. Aber ein wenig Dramatisierung muss im SPIEGEL selbst dann noch sein, wenn wirklich einmal authentisch gedacht wird. Und das geschieht in diesem Artikel.

Es wäre ein grosses Geschenk an den Immer-Noch-Kulturstandort Deutschland, wenn es dem SPIEGEL im neuen Jahrzehnt insgesamt gelingen wollte, die grossen Entwicklungen unserer Zeit ähnlich intelligent und vernetzt zu analysieren, wie es die drei JournalistInnen in diesem Artikel tun.

Vernetztes Krisendenken und globale Regierungsstruktur

Al Gore ist wohl einer der ersten gewesen, die darauf hingewiesen haben, wie wichtig es ist, die verschiedenen Krisen unserer Zeit in ihrem Zusammenhang zu sehen.

Tut man dies nicht, dann kann die vermeintliche Lösung der einen Krise (Beispiel: Wirtschaftskrise) zu einer Verschärfung der anderen (Beispiel: Klimakrise) führen.

Die journalistische Kultur

Der Blick auf das in Transformation befindliche Ganze motiviert nicht nur zum  gezielten “Suchen nach einer globalen Regierungsstruktur” (S. 161).

Er zeigt auch, wie wichtig es ist, dass die journalistische Kultur eine globalisierte Form des vernetzten Denkens in ihr Selbstverständnis integriert.

Über nationale Verengungen hinaus

Mehr noch: In demokratischen Staaten (und nicht nur in diesen) darf es heute als eine zentrale Aufgabe der nationalsprachlich verfassten Medienwelten gelten, über die nationale Verengung der Politik im eigenen Land hinaus zu denken.

Der Artikel von Kurbjuweit, Steingart und Theile  tut das auf überzeugende Weise.

Die politischen Strukturen fehlen

So stellen sie heraus: “Das erste Jahrzehnt hat gezeigt, dass die Welt zusammenwächst, dass die Abhängigkeiten zunehmen, aber dass die politischen Strukturen dafür fehlen” (S. 161).

Das bedeutet konkret: “Es gibt keinen wirksamen Mechanismus, der den Frieden erhält. Es gibt keine gemeinsame Finanzaufsicht. Es gibt kein weltumspannendes Regierungsgremium, das sich permanent um Klimaschutz kümmert” (S. 161).

Hoffnung auf das Netz

Für die drei SPIEGEL-AutorInnen erwächst Hoffnung auf Behebung dieser weltpolitischen Defizite aus einer “technologischen Entwicklung” (S. 154). Gemeint ist das Internet.

Dieses könne - so die AutorInnen weiter - ”eine Weltöffentlichkeit herstellen” und damit ein Fundament liefern “für die politischen Entscheidungen in einer Welt, die globales Regieren braucht” (S. 161).

Rollenverteilung strittig

Tatsächlich ist es kulturpolitisch von zentraler Wichtigkeit, den Zusammenhang zu sehen, der zwischen den großen Transformstionsbewegungen (Sicherheitskrise, Wirtschaftskrise, Klimakrise, Demokratiekrise) und der medientechnologischen Digitalisierung besteht.

Allerdings lässt sich über die Verteilung der Rollen diskutieren.

Das Internet als Mitverursacher der Krisen

Es gibt durchaus ernstzunehmende Argumente dafür, dass die grossen Krisen unserer Zeit in einem gewissen Maße zugleich auch Reaktionen auf die digitale Vernetzung sind.

Dann wäre das Internet nicht nur ein Teil der Lösung, sondern auch ein Teil des Problems. Vielleicht sogar ein Mitverursacher der Krisen.

Unser Gebrauch des Netzes

Genauer formuliert: eine bestimmte Art und Weise das Netz zu nutzen bzw. das Netz nicht zu nutzen hat mit zu einem Teil der Probleme geführt, vor denen wir heute stehen.

Mithilfe der digitalen Computerverbünde wurden zwar die globalen Märkte und Finanzströme eng verzahnt, aber nicht die globale Politik und der weltweite Journalismus.

Aus dieser Perspektive haben PolitikerInnen und JournalistInnen bis heute einen eklatanten Nachholbedarf in Sachen Globalisierung.

Kulturpolitischer Dornröschen-Schlaf

Vielleicht ist “das verlorene Jahrzehnt” vor allem deshalb verloren, weil weder die Politik noch der Journalismus aus der nationalsprachlich verfassten Buchdruckkultur schnell genug aufgewacht sind.

Anders als die BankerInnen und die globalen WirtschaftsführerInnen haben die PolitikerInnen und JournalistenInnen in vielen Ländern allzu lange versucht, die transnationale Mediendynamik durch die Verengung auf’s Nationale zu unterwandern.

Ein Hauch von Passivität

Ein Hauch dieser passiven Strategie findet sich selbst noch in dem sonst vorbildichen Artikel von Kurbjuweit, Steingart und Theile.

So werden die ”vier schweren Krisen” (S. 154) von ihnen nicht als Prozesse beschrieben, die in sich selbst utopische Veränderungspotentiale bzw. kulturpolitische Gestaltungsoptionen bergen.

Aus Sicht der Autoren ist es statt dessen in erster Linie die externe “technologische Entwicklung, die Hoffnung macht” (S. 154).

Das globale Gemeinwesen

Wieso das? Oder mit den Worten von Kurbjuweit, Steingart und Theile selbst gefragt: “Kann ein interaktives Medium ein Gemeinwesen beleben?” (S. 160)

Sicherlich nicht von allein. Es sind die Menschen, die mit Hilfe des technischen Mediums das Gemeinwesen einer globalisierten Demokratie gestalten.

Determinismus

So stellen sich die Dinge jedenfalls aus der Sicht eines aktiven Denkens und Handelns dar, das von den neuen Instrumenten einen verantwortungsvollen und selbstbewussten Gebrauch macht.

Demgegenüber gibt es bei den SPIEGEL-AutorInnen einen gewissen Rest deterministischen Denkens.

Die Rückkehr der Geschichte

Streckenweise projizieren sie ihre Hoffnungen allzu sehr auf die technische Eigendynamik des Internet oder eine fast schon religiös anmutende  ”Rückkehr der Geschichte” (S. 161)

Doch diese ist genauso offen wie die Art und Weise, wie wir von den neuen technologischen Entwicklungen Gebrauch machen.

Menschen machen Geschichte

Menschen machen Geschichte und nutzen Medien zu diesen oder jenen Zwecken.

Es ist nicht “die Geschichte”, die handelt. Und es ist nicht “das Ínternet”, das die dringend benötigte globale Demokratie aus sich heraus hervorbringt.

Demokratische Staatengemeinschaften

Die Rettung der Demokratie durch Globalisierung der Politik wäre vor allem und in erster Linie eine Aufgabe der demokratischen Staatengemeinschaften. Zum Glück ist das auch den AutorInnen klar:

“Die ersten Länder, die den Klimaschutz ernst genommen haben, waren die Mitgliedstaaten der Europäischen Union, auch sie zu spät, aber immerhin: Sie sind Vorreiter geworden. Das heißt, dass ein wesentlicher Teil der westlichen Welt die Kraft zur Einsicht und zur Korrektur hat” (S. 161).

Vorreiter demokratischer Weltpolitik

Welche nationalen Parlamente werden Vorreiter dabei sein, sich selbst schrittweise ein wenig zurückzunehmen?

Welche Staaten werden dereinst als erste bereit sein, ihren Einfluß zugunsten eines demokratisch zu wählenden Weltparlaments ein Stück weit einzuschränken?

Was wir haben und was wir brauchen

Wir haben eine globalisierte Wirtschaft. Wir haben globalisierte Finanzströme. Wir haben eine globale Schuldenkrise der Nationalstaaten. Wir haben eine planetarische Klimakrise. Wir haben weltweiten Terrorismus und weltweite Migration.

Was wir brauchen ist ein verantwortungsbewusstes Weltbürgertum und eine globalisierte demokratische Politik.

Sich neu erfinden

Es tut gut, wenn JournalistInnen vor Augen führen, wie man global, langfristig und verantwortungsvoll denkt.

Es wäre noch schöner, wenn BürgerInnen und PolitikerInnen das zum Anlass nähmen, sich selbst in einem planetarischen Rahmen neu zu erfinden.

So könnte die Menschheit im kommenden Jahrzehnt vielleicht lernen, den globalen Problemen gemäß auf veränderte Weise demokratisch intelligent zu handeln.

Mike Sandbothe

Der Artikel von Dirk Kurbjuweit, Gabor Steingart und Merlind Theile ist unter dem Titel “Zeit der Exzesse” auf SPIEGEL-Online als digitaler Volltext zugänglich.