Mike's Media Diary

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May 9th, 2010

Alice Miller ist gestorben. Wie wird nachgerufen?

Posted in Mediary Special by mike

Wofür und wogegen Alice Miller gekämpft hat und wie erfolgreich sie dabei in the long run war, lässt sich an den Nachrufen zeigen, die in diesen Tagen aus Anlass ihres Todes erschienen sind.

Zwischen Freud und Oprah

In seinem Nachruf in der New York Times beschreibt William Grimes Alice Miller  als “missing link zwischen Freud und Oprah” (William Grimes, Alice Miller, Psychoanalyst, Dies At 87, New York Times, 26.4.2010).

Diese im ersten Moment etwas überraschende Einordnung geht zurück auf eine Buchbesprechung, die 2002 in der New York Times Book Review zu Millers Buch Evas Erwachen (englischer Titel: The Truth Will Set You Free) erschienen ist.

Nutzerfreundlich

Die Autorin dieser Besprechung, Daphne Merkin, begründet ihre provozierende Freud-Miller-Winfrey-Genealogie mit einem guten Argument.

Alice Miller, so die Rezensentin, sei es gelungen, “die subtilen Gefährdungen der emotionalen Entwicklung aus den abgekapselten Praxisbüros der Therapeuten in einen größeren, nutzer-freundlichen Kontext zu bringen” (Daphne Merkin, “If Only Hitler’s Father Had Been Nicer“, in: The New York Times Book Review, 27.1.2002).

Kulturtherapie

Da ist was dran.

Tatsächlich haben die 13 Bücher von Alice Miller und ihre Webseite www.alice-miller.com einen weit über den akademisch-therapeutischen Bereich hinausgehenden Einfluss erlangt.

Miller hat Kulturtherapie betrieben. Und zwar in 30 Sprachen. Sie war weltweit überaus erfolgreich.

Gefährliches Terrain

Zugleich hat sie sich damit viele Feinde gemacht.

Wer das öffentliche Medium des Buches in großen Auflagen nutzt, um Menschen bei der Heilung ihrer privaten Kindheitstraumen zu helfen und dabei zugleich an einer heilsamen Transformation der kulturellen Öffentlichkeit arbeitet, begibt sich auf ein gefährliches Terrain.

Was ich damit meine, zeigt sich in den Nachrufen von FAZ und SPIEGEL.

Deutungsmonismus und fehlende Selbstanwendung

Christian Geyer unterstellt Miller einen “Deutungsmonismus, der an Wahn grenzt” (Christian Geyer, Misshandlung überall, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.4..2010).

Philipp Oehmke und Elke Schmitter werfen ihr vor, “dass sie ihr eigenes Instrumentarium auf das größte Trauma ihres Lebens nicht anwenden konnte” (“Mein Vater, ja, diesbezüglich“, Interview mit Martin Miller, Sohn der verstorbenen Autorin Alice Miller, in: DER SPIEGEL, Nr. 18, 3.5.2010, S. 140).

Literatur und Philosophie als Symptome

Was meint Geyer mit “Deutungsmonismus”? Hier seine Erläuterung:

“Einwände, dass man doch nicht gegen die Lebensberichte Kinderleid unterstellen dürfe, parierte Miller mit dem Hinweis, das Leid sei immer dort am schlimmsten, wo es abgespalten, verdrängt und also heute nicht mehr erinnert werde. Der Gesunde ist demnach unter den Kranken derjenige, der am schlimmsten dran ist. Wer sein frühes Leid bestreite, fliehe vor ihm. Und diese Flucht finde ihren Ausdruck in Formen der Selbstentfremdung, die sich unter anderem als Philosophie oder Literatur tarnten.”

Ungeschminkt totalitär?

Das genau ist der heikle Punkt. Miller hat grosse Teile von Kunst, Literatur und Philosophie als Symptome gelesen und sich demgegenüber für heilende Formen von Kultur ausgesprochen.

Geyer nimmt ihr das übel und folgert: “Von diesem Punkt an nimmt der Pathologiezusammenhang, den Miller behauptet, einen ungeschminkt totalitären Zug an.”

Millers Trauma

Ähnlich in der Zielrichtung, aber in der Strategie ganz anders: die SPIEGEL-AutorInnen. Sie nehmen sich Millers Sohn vor.

Und der gibt zu: “Was meiner Mutter zugestoßen ist, hat sie nie richtig erzählt” (DER SPIEGEL, Nr. 18, 3.5.2010, S. 140)

Vom Vater geschlagen

Damit aber nicht genug.

SPIEGEL-ONLINE bringt die Quintessenz des Gesprächs, das Oehmke und Schmitter mit Martin Miller geführt haben, schon einen Tag vor Erscheinen des Blatts wie folgt auf den Begriff: “Sohn von Alice Miller wurde vom Vater geschlagen” (SPIEGEL-ONLINE, 2.5.2010).

Das ist Bildzeitungsniveau.

Was treibt die JournalistInnen?

Was treibt die JournalistInnen von SPIEGEL und FAZ so mit der verstorbenen Autorin umzugehen?

Oehmke und Schmitter sind scheinbar eigens nach Zürich gereist, um Millers Sohn nach dem Tod der Mutter die privaten Lebensgeheimnisse zu entlocken.

Kultivieren statt therapieren

Und Geyer wusste es schon vorher:

“Alice Miller gehörte zu den bewundernswert Besessenen. Ihre Antriebskraft verdankte sich einer lebenslangen Verstörung, die sie als Quelle ihrer Produktivität nicht etwa therapieren, sondern kultivieren wollte” (Misshandlung überall, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.4.2010).

Millers polnische Kindheit

Alice Miller wurde 1923 unter ihrem Mädchennamen Alicja Rostowska in Lemberg (damals Polen) als Tochter jüdischer Eltern geboren.

Über die von Geyer sogenannte “lebenslage Verstörung” weiss Millers erste amerikanische Lektorin, Jane Isay, in der Huffington Post folgendes zu berichten:

Aus dem Warschauer Ghetto geschmuggelt

“Ihre Familie lebte in Warschau und wurde ins Ghetto gebracht als die Deutschen kamen. Die Tochter wurde aus dem Ghetto herausgeschmuggelt und lebte unter falschem Namen bei einer christlichen Familie als öffentliche Christin und geheime Jüdin. In manchen Nächten ist sie in das Ghetto zurückgeschlichen und hat ihrer Familie Lebensmittel gebracht. Aber sie konnte ihre Familie nicht retten” (Jane Isay, How I Found Alice Miller, And Lost Her, Huffington Post, 28.4.2010

Als Kind missbraucht

William Grimes weist in der New York Times darauf hin, dass Miller in ihrem semi-autobiographischen Buch Das verbannte Wissen (1988) enthüllte, “dass sie als Kind missbraucht wurde und dies mit Hilfe des spontanen Malens entdeckt habe” (William Grimes, Alice Miller, Psychoanalyst, Dies At 87, New York Times, 26.4.2010).

Ihre erste Sammlung von therapeutischen Aquarellen hat Alice Miller 1985 unter dem Titel Bilder einer Kindheit veröffentlicht. Die zweite folgte 2006 unter dem Titel Bilder meines Lebens.

Das spontane Malen

Miller hat in ihrem Leben eine Vielzahl unterschiedlicher Therapien bei unterschiedlichen TherapeutInnen absolviert.

Erst das spontane Malen hat ihr geholfen, ihre eigenen Traumen zu artikulieren. Einen Einblick in diesen Prozess geben die beiden Bücher.

Standards des seriösen Journalismus

Warum haben Geyer, Oehmke und Schmitter diese Sachverhalte übersehen bzw. aussen vor gelassen?

Welche Gründe gibt es dafür, dass manche JournalistInnen sich offensichtlich bis heute derart an Alice Miller reiben, dass sie die Standards des von ihnen sonst gepflegten seriösen Journalismus auf irritierende Weise ausser Kraft setzen?

Nur wenige nicht traumatisiert

An Geyers Totalitarismusvorwurf ist ein Quäntchen Wahrheit.

Es stimmt, dass Miller der Ansicht war, dass es nur wenige Menschen auf diesem Planeten gibt, die in ihrer Kindheit nicht auf diese oder jene Art traumatisiert wurden.

Unbewusste Opfer und bewusste Überlebende

In ihrem Buch Abbruch der Schweigemauer (2003) schreibt sie:

“Die Grenze in der Bevölkerung verläuft eigentlich nicht mehr zwischen einst mißhandelten und nicht mißhandelten Menschen (weil die meisten von uns noch im System von Strafen aufgewachsen sind), sondern eher zwischen den unbewußten ehemaligen Opfern und den bewußten Überlebenden der sogenannten ‘erzieherischen’ Gewalt.” (S. 11).

Mangel an authentischer Liebe

Unter “Misshandlung” versteht Miller nicht nur sexuelle oder physische Gewalt, sondern auch alle Formen seelischer Grausamkeit bzw. Demütigung.

Als Basisphänomen sieht sie dabei den Sachverhalt, dass das Kind nicht die authentische Liebe von den Eltern bekommt, die es als der kleine Mensch, der es ist, in seinem schlichten Sein verdient hätte.

Narzisstische Aufmerksamkeitsökonomie

Das Drama des begabten Kindes besteht vor diesem Hintergrund darin, dass es versucht, sich die Liebe, die es nicht auf einfache und authentische Weise erfahren durfte, nachträglich und kompensatorisch durch besondere Leistungen zu verdienen.

Das ist der psychologische Ursprung dessen, was in der Mediengesellschaft als narzisstische Aufmerksamkeitsökonomie Gestalt gewinnt.

JournalistInnen entscheiden

JournalistInnen sind Menschen, die nicht selbst in den Fokus medialer Aufmerksamkeit treten. Aber sie entscheiden, wer wann welche kompensatorische Aufmerksamkeitsliebe durch die Medien erhält.

Insofern leben sie von dem, was Miller aufzulösen und zu heilen versuchte.

Die Schutzpatronin

Alice Miller hat immer viel Wert gelegt auf den Unterschied zwischen Erziehung und Therapie auf der einen Seite und Begleitung sowie Zeugenschaft auf der anderen.

Die Mehrzahl der Nachrufe begleiten das Publikum im Prozess des Abschiednehmens von einer grossen Autorin: “Alice Miller – Die Schutzpatronin“. Sie legen Zeugenschaft ab von einem erfüllten und für viele Menschen lebensrettenden Werk: “Der Mut, den Apfel zu essen“.

In Liebe

Andere versuchen, Miller im Tod noch zu erziehen.

Ihnen würde es sicherlich gut tun, Millers Werke mit Respekt zu lesen und sich auf sich selbst zu besinnen. In Liebe.

Mike Sandbothe

April 7th, 2009

GASTBEITRAG von Lars Rademacher (München): Vertrauen in die große Zahl. Eine Pressemeldung der Leipziger Unister GmbH als symptomatischer Aprilscherz

Posted in Mediary Special by mike

Der 1. April zählt in aller Regel nicht zu den überraschenden Ereignissen. Er ist an sich gut planbar. Umso erstaunlicher, dass immer wieder honorige Redaktionen auf Aprilscherze hereinfallen. In diesem Jahr verkündete die Leipziger Unister GmbH, die in ihrem Besitz befindliche Domain www.preisvergleich .de sei für 15 Mio Dollar an einen Investor aus Dubai verkauft worden. Die Nachricht wurde über die gängigen Ad hoc Dienstleister und elektronischen Presseportale gestreut. Damit erreichen Presseverantwortliche bereits eine Art „Grundrauschen“ im digitalen Blätterwald. Wenn dann noch Online-Ableger seriös recherchierender Zeitungen die Meldung aufgreifen, hat der Urheber gewonnen. Die Nachricht ist durch, sie hat den Status der Seriosität erklommen. Wie konnte es dazu kommen?

Alles passte zusammen

Da passte einfach alles: Die Nachricht hatte hohen Aufmerksamkeitswert. Eine deutsche Domain soll die teuerste der Welt sein! Und da uns in Europa bekanntlich das Geld und die Ideen ausgehen, kommen wir eigentlich nur noch als knausernde Konsumenten in Betracht, die mit jedem Euro rechnen müssen. Das Geld wird längst woanders gemacht und von dort aus investiert. Im alten Europa, wo es früher mal gute Ideen und hohe Dynamik gab, schauen wir beschämt und ein wenig verwundert dem Ausverkauf zu: erst die Automobilwirtschaft, dann die Onlinewelt. Wen wunderts?

Und der Initiator der Wirrwars – stellte sich geschickterweise tot. Man beherrscht bei Unister offenbar die neuen Regeln der Unternehmenskommunikation. Wenn die Redaktionen lange genug nichts hören, können sie sich irgendwann entscheiden: veröffentlichen, um schneller als die Konkurrenz zu sein oder abwarten und weiter nachrecherchieren? Einige gingen Mittelwege und veröffentlichten die Meldung unter Hinweis auf den 1. April mit leisen Zweifeln. Doch die Online-Redaktion der ZEIT plagte sich beispielsweise nicht mit solchen Gedanken. Die Meldung kam ganz nüchtern auf die Seite und behauptet so ihre Faktizität.

Der große Coup

Erst am Abend, nachdem schon Gerüchte die Runde machten, meldete sich Unister erneut über den Ticker der dpa-Tochter „news aktuell“ mit einer Pressemitteilung in den Redaktionen: Das Ganze sei ein Scherz gewesen, Unister-Chef Thomas Wagner habe mit der Falschmeldung erneut „einen großen Coup gelandet“, jubiliert dessen Presseabteilung und vergleicht den Aprilscherz sogar mit dem Kauf der Domain www.kredit.de für 900.000,- Euro. Aha, mag man sich denken. Wie unbedarft man tatsächlich sein kann.

Dass es eine knallig aufgemachte Meldung in die Medien schafft, ist für sich betrachtet noch keine Überraschung. Es ist nicht einmal bemerkenswert. Klar ist mittlerweile auch, dass die Onlinemedien aufgrund des ständigen Aktualitätsdrucks eine höhere Anfälligkeit für Falschmeldungen haben und dem Einfluss der hoch aufgerüsteten PR-Maschinerie zuweilen erliegen. Das Problem ist nicht einmal die Blindheit bei einem so prominenten Datum wie dem 1. April, bei dem wirklich in allen Redaktionen die Warnlichter leuchten sollten.

Newsrooms der Zukunft

Das Problem ist vielmehr die nie aufzuklärende Zahl kleiner und größerer Nachrichtenbetrügereien, die eben nicht so prominent sind, dass sich die Journalisten den Aufwand einer intensiven Recherche gönnen. Die vielen kleinen Meldungen, die Meinungen beeinflussen und Aktienkurse beflügeln. Die journalistischen Kapazitäten schwinden, während der Informationsdruck steigt. Nur bei wenigen, zentralen Themen gelingt es noch, authentisch Bericht zu erstatten.

Die großen Fälle und Fallen kann der Journalismus nach wie vor sauber aufklären. Auch stehen besonders die Qualitätsmedien zu ihren Fehlern. Die ZEIT z.B. lässt die Falschmeldung souverän auf ihrer Homepage stehen. Und praktisch keine Tageszeitung führt die Falschmeldung am folgenden Tag auf ihren Seiten. Entwarnung also? Wohl kaum. Denn was wäre gewesen, wenn Unister sich nicht zu einer zweiten Pressemitteilung am 1. April entschlossen hätte. Dann würden wir uns unter Umständen nicht damit trösten können, dass dies halt bei den ach so flüchtigen Onlinemedien schon mal passieren kann. Dann würden wir vielleicht darüber nachdenken müssen, dass die fortschreitende Verknappung journalistischer Ressourcen und die Einrichtung von Newsrooms bereits erste Effekte erkennbar macht. Dann würden wir uns vielleicht die Frage zu stellen beginnen, wo die wahren Newsrooms bereits heute eigentlich stehen.

LARS RADEMACHER

Lars Rademacher (37) ist Medienwissenschaftler und lehrt an der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation in München.