Mike's Media Diary

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March 23rd, 2009

GASTKOMMENTAR VON ROLF STAUDT (München) zum SZ-Interview von Jens-Christian Rabe: Zwischen diesen Deckeln liegt weder Fisch noch Fleisch. Der Erfurter Medienforscher Michael Giesecke über das E-Book und wirklich bedeutsame Veränderungen unserer Wissenskultur (Süddeutsche Zeitung, Nr. 61, 14.03.2009, S. 19)

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Die folgende medienpädagogische Feststellung von Michael Giesecke kann ich aus meiner jüngsten Erfahrung in Seminaren mit Auszubildenden aus der Medienbranche und anderen Berufsfeldern nur bestätigen:

„Wenn die elektronischen Medien nun etwa der Hintergrund für Präsentationen in Seminaren sind, passiert Folgendes: Die Studenten lesen nicht mehr vor, was sie geschrieben haben, sondern müssen das, was sie vortragen, anders verknüpfen. An diesem Punkt entscheidet nur ihre Persönlichkeit und Performance. Referate werden Live-Shows. Es gibt einen Trend zur Synästhesie und Mehrmedialität, in den die elektronischen Medien eingebaut sind.“

Ein merkwürdiges Gefühl

Ja, die Performance macht Spaß! Es ist eine Live-Show in der alle Fähigkeiten der menschlichen Persönlichkeit präsentiert und dargeboten werden. Nicht nur der Umgang mit neuen Medien, sondern mit viel Leiblichkeit und viel Persönlichkeit, eine Vielfalt an sprühenden Ideen, Kreativität und Freude.

Neben meiner großen und ehrlichen Freude am Geschehen als Lehrer empfinde ich jedoch zugleich ein merkwürdiges Gefühl. Es hat etwas zu tun mit einer zweiten medienpädagogischen Beobachtung, die Giesecke im SZ-Interview zum Ausdruck bringt.

Diese Beobachtung besteht darin, dass „es möglich, wenn auch noch nicht üblich (ist), dass man am Ende dieses Studiums kein einziges Buch vollständig gelesen hat, auch kein E-Book. Das bedeutet einen tiefen Einschnitt, weil alle neuzeitlichen Bildungsinstitutionen aus dem typografischen Wissen ihre Ideale abgeleitet haben: Linearität, Widerspruchsfreiheit, Kohärenz, intersubjektive Überprüfbarkeit. Jetzt gehen diese Ideale verloren.“

Die Frage Wozu

Mein Gefühl von Unwohlsein entspringt irgendwo zwischen den „neuzeitlichen Bildungsinstitutionen“ und der Entwicklung der „Persönlichkeit“, für die unsere Bildungsinstitutionen zuständig sein sollen. Insbesondere nachdem andere Erziehungs- und Entwicklungsinstanzen wie Eltern, Beruf, soziales Umfeld (auch als soziale Kontrollinstanz) und die alte Form der Peer Groups im Verhältnis zu den neuen Medien durch alle Schichten an Bedeutung verlieren.

Wo und wie lernen Menschen, die neuen Medien in ihr Leben einzubauen, als Werkzeug zu integrieren und professionell einzusetzen?

Fragen wir noch einmal grundsätzlicher: einzusetzen wozu? Die Antwort ist klar und einfach wie seit Jahrhunderten: um eine erweiterte individuelle und gesellschaftliche Reproduktion zu gewährleisten!

Wenn Gieseckes Feststellung richtig ist, dass Menschen ein Studium (oder eine Ausbildung) abschließen können, ohne auch nur ein einziges Buch (print oder digital) vollständig gelesen zu haben, wäre zu fragen, ob sie mit dem, was sie gelernt haben, eine erweiterte individuelle Reproduktion vollziehen und einen Beitrag zur erweiterten gesellschaftlichen Reproduktion leisten können?

Die Kunst (neue) Zusammenhänge herzustellen

Das vollständige Lesen von Büchern ist sicherlich nicht der ausschlaggebende Punkt, aber Zusammenhänge zu verstehen, Sachverhalte zu begreifen und aus diesen heraus sinnvoll zu handeln. Wenn dies nicht zu vermitteln gelingt, dann – so scheint mir – haben unsere Bildungsinstitutionen versagt.

Die Kunst Zusammenhänge herzustellen ist von zentraler Bedeutung für jede Art von anspruchsvoller Mediennutzung, ob es sich dabei um die orale, die literale oder die digitale Medienkultur handelt.

Neue Medien sind komplexer und mit einer anderen Geschwindigkeit versehen. Aufgabe der Bildungsstätten heute ist es, der hochgradig vernetzten und interaktiven Form von Weltkommunikation Rechnung zu tragen und auf diesem Weg dem Ziel einer umfassenden und gleichberechtigten Teilhabe an gesellschaftlicher Reproduktion näher zu kommen.

Genügte es im vorigen Jahrhundert noch, mit Hilfe des Kulturguts der Printmedien – also dem im nationalen Herausbildungsprozess wesentlichen Leitmedium – zusammenhängendes Denken herzustellen, so kann dies in der globalisierten Weltgesellschaft nicht mehr hinreichen. Zu den klassischen Medien kommt jetzt zum Begreifen der Welt das multimediale Internet hinzu.

Von den Nationalstaaten zur globalen Demokratie

War für die Geschichte der gedruckten Medien die nationale Identität und die kommunikative Gestaltung im nationalsprachlichen Kulturrahmen der entscheidende Zusammenhang, so ist es heute die Weltgesellschaft. Viele maßgebliche Probleme unserer Zeit sind globale Probleme und lassen sich mit nationalen Eingriffen allein nicht mehr regulieren.

Deswegen muss das handelnde Individuum Zusammenhänge im Weltmaßstab denken und regeln. Dieses Regeln geht genauso wie im nationalen Rahmen auch im Weltmaßstab am besten demokratisch auf der Grundlage solidarischen Kommunizierens und Handelns. Das wiederum setzt das Begreifen von komplexen Zusammenhängen und die Fähigkeit differenzierten Handelns voraus.

Unsere Reproduktion – nicht zuletzt auch unserer geistigen und kulturellen Fähigkeiten – ist heute vorrangig im weltgesellschaftlichen, im gemeinsamen Rahmen denkbar, verstehbar und perspektivisch entwickelbar. Eine Gesellschaft kann nur als soziales Gefüge „gut“ funktionieren. Das ist es, was wir unter einem mündigen Bürger und einer mündigen Bürgerin verstehen: Selbst- und Mitbestimmungsfähigkeit sowie Bereitschaft zur Solidarität mit Mensch und Natur.

Wer gestaltet? Wer bestimmt?

Ist es nicht wie beim Zauberlehrling, dass wir als staatliches Gesamtgebilde die Geister, die wir riefen, an der entscheidenden Schnittstelle von Mensch und Medium nicht beherrschen, sondern diese uns? Nein, nicht die Maschinen, die können uns nicht beherrschen, sondern die Geister der Maschinen, genauer gesagt: die Meister der Maschinen.

Sind es nicht ganze Industriezweige, die inzwischen z.B. mit Computergaming mehr Profit machen als jemals mit der ganzen Filmindustrie gemacht wurde, geschweige denn mit Printmedien? Ist es nicht eine gigantische Medien- und Werbeindustrie die pausenlos auf unser Idealselbst einwirkt und eine Fassade aufrichtet, die sich immer weiter von unserem tatsächlichen Selbstkonzept entfernt?

Haben nicht sämtliche jüngst geplatzten „Blasen“ bis zur tiefsten Weltwirtschaftskrise genau damit zu tun, dass sich die fiktiven Wirtschaftsformen viel zu sehr von der Realwirtschaft abgekoppelt haben, dass es nicht nur in der USA, sondern auch bei den eifrigsten Nacheiferern gängig ist, Dinge zu besitzen, ohne jemals in der Lage zu sein die Rechnung zu zahlen?

Irgendwer hat es immer in der Tasche

Persönlichkeitstheoretiker und Psychotherapeuten wissen, wenn sich Idealselbst und Realselbst zu weit voneinander entfernen, treten „Störungen“ auf.

Genauso wie Betriebswirtschaftswissenschafter wissen, dass Störungen auftreten, wenn die Eigenkapitaldecke im Verhältnis zum Fremdkapital zu gering ist. Genauso wie die Volkswirtschaftler, die wissen, dass Wirtschaftsströme in einem weltweiten Zusammenhang stehen und nichts verloren geht!

Irgendwer hat es immer in der Tasche. Warum handeln wir dann nicht nach unserem kollektiv tatsächlich vorhandenen Wissen?

Um die Welt zu verstehen, brauchen wir mehr ökonomisch–philosophisches Verständnis für globale Zusammenhänge, dazu gibt es neben neuen Medien auch alte Manuskripte.

Persönlichkeitsbildung und neue Lernformen

Giesecke tut so, als hätten wir an unseren staatlichen Bildungsinstitutionen – und da gehören die Universitäten noch dazu – nichts mit der Herausbildung menschlicher Persönlichkeiten zu tun. Als gäbe es keine Verpflichtung des Staates zu Bildung und Erziehung.

Zur Herausbildung menschlich reifer und verantwortungsbewusster Persönlichkeiten gehört die Beherrschung der Werkzeuge, die eine erweiterte Reproduktion auf jeweils aktuellem Stand der Wissenschaft nicht nur zulassen, sondern fördern. Dazu gehört an erster Stelle eine neue Form von Schule und zwar von der Frühförderung bis zur Hochschule!

Das schließt nicht nur multimediale Formen von Didaktik ein, sondern setzt Lernformen voraus, die – den neuen Anforderungen einer komplexen Weltgesellschaft entsprechend – differenziertes Denken, Fühlen und Arbeiten mit allen Medien (inklusive Körper, Geist und Gefühl) integrieren.

Störungen haben Vorrang

Gute ManagerInnen gehen heutzutage, wenn „Störungen“ auftreten, also wenn neue Aufgaben mit alten Mitteln nicht mehr bewältigbar sind, oft in Therapie bzw. lassen sich coachen. Das ist gut so! Dort lernen sie, ihr Denken und Handeln in den Weltprozess adäquat und verantwortungsbewusst zu integrieren.

Das gehört zum unabdingbaren Bestandteil der Herausbildung einer zeitgemäßen Persönlichkeit. Also gehört es auch zum unabdingbaren Bestandteil einer jeden modernen Schule, in der SchülerInnen gemeinsam mit ihren LehrerInnen für das Leben lernen.

Dazu gehört Verantwortung der Institutionen und der handelnden Akteure.

Sogar in der Bayerischen Verfassung

In der gültigen Bayerischen Verfassung lese ich zum Thema „Die Wirtschaftsordnung“ im Artikel 151:

Bindung wirtschaftlicher Tätigkeit an das Gemeinwohl; Grundsatz der Vertragsfreiheit
(1) Die gesamte wirtschaftliche Tätigkeit dient dem Gemeinwohl, insbesondere der Gewährleistung eines menschenwürdigen Daseins für alle und der allmählichen Erhöhung der Lebenshaltung aller Volksschichten.
(2) Innerhalb dieser Zwecke gilt Vertragsfreiheit nach Maßgabe der Gesetze. Die Freiheit der Entwicklung persönlicher Entschlusskraft und die Freiheit der selbständigen Betätigung des einzelnen in der Wirtschaft wird grundsätzlich anerkannt. Die wirtschaftliche Freiheit des einzelnen findet ihre Grenze in der Rücksicht auf den Nächsten und auf die sittlichen Forderungen des Gemeinwohls. Gemeinschädliche und unsittliche Rechtsgeschäfte, insbesondere alle wirtschaftlichen Ausbeutungsverträge sind rechtswidrig und nichtig.

In den Lehrplanrichtlinien für berufsbildende Schulen ist zu lesen: „Lernen hat die Entwicklung der individuellen Persönlichkeit zum Inhalt und zum Ziel.“

Backstage

Professor Giesecke hat recht, wenn er darlegt: „Der Mensch hat begrenzte Aufmerksamkeits-Ressourcen, begrenzte Möglichkeiten, Informationen parallel zu verarbeiten. Alles, was wir tun können, ist, die Gewichte zu verschieben. Die Frage ist dann, wie die Balance zu gestalten ist.“

Wir Lehrer und unsere Bildungsinstitutionen sind dafür verantwortlich, dafür zu sorgen, dass Menschen in der Lage sind, diese „Balance“, diesen Akt bewusst und gezielt im Sinne eines global zu denkenden Gemeinwohles (der Menschengattung auf dem Planten Erde) durchzuführen.

Das wird nur funktionieren, wenn wir gemeinsam mit unseren SchülerInnen wohlwollend nicht nur hinter den Vorhang, sondern hinter die Bühne schauen und mit ihnen den Prozess verstehen lernen, dann kommt zur Show auch Leben hinzu.

ROLF STAUDT (München)

Rolf Staudt (54) ist Studienleiter an der Studienstätte für Politik und Zeitgeschehen München. Er schreibt regelmäßig Gastkommentare für mediary.org.

March 16th, 2009

Die Statistik des Leids (Süddeutsche Zeitung, Nr. 62, 16. März 2009, S. 2)

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Frank Robertz (38) arbeitet freiberuflich als Leiter seines eigenen, wirtschaftlich ausgerichteten “Instituts für Gewaltprävention und angewandte Kriminologie” in Berlin. In dem SZ-Artikel, den er zum Thema Statistik des Leids geschrieben hat, stellt der promovierte Kriminologe einen Konsens in Frage, der die aktuelle Debatte über das “School Schooting” in Winnenden bisher über weite Strecken beherrscht hat.

Geräuschlose Zeitbomben

Viele PolitikerInnen, PsychotherapeutInnen, PolizistInnen, JournalistInnen und Menschen von der Straße scheinen gemeinsam davon überzeugt zu sein, dass niemand die Zeitbombe, die in einem zukünftigen Amokläufer tickt, zu hören vermag bevor es zu spät ist.

Zu diesem resignativen Konsens ist es gekommen, da es sich bei “School Shootern” meist um sehr introvertierte Täter handelt, die ihre Frustration und Verzweifelung so lange in ihrem eigenen Herzen wachsen lassen bis es einfach nicht mehr geht und erst dann – im letzten Moment, ohne jedes Vorwarnzeichen – explodieren.

So das bisher vorherrschende Bild, das Robertz ein Stück weit in Frage stellt. Schon der Untertitel seines Artikels macht klar, in welche Richtung der Autor unsere Aufmerksamkeit lenken möchte: “Amokläufer wählen ihre Schule als Tatort aus, weil sie dort tiefe Verletzungen erfahren haben.”

Schulen als “Orte größter Kränkung”

School Schooting ist in den USA, Kanada und Deutschland seit 1974 in 99 Fällen an verschiedenen Schulen mit einer statistischen Durchschnittszahl von 1,3 Toten und 3,2 Verletzten aufgetreten. In Deutschland ist das Phänomen seit 1999 bekannt. Es ist hier seither sechsmal zu einem School Schooting gekommen.

Winnenden gehört mit seinen 16 Todesopfern (inklusive dem Täter selbst) zu den fünf weltweit schwersten Fällen seit 1974, bei denen mehr als 10 Menschen erschossen wurden. Das Durchschnittsalter der in der Regel männlichen Täter der letzten dreieinhalb Jahrzehnte liegt statistisch bei knapp 16 Jahren.

Vor dem Hintergrund der 99 untersuchten Fälle kommt Robertz aufgrund der vorliegenden kriminologischen Studien zu dem erschütternden (aber durchaus naheliegenden) Ergebnis: “Schulen werden gezielt als Tatort gewählt. Sie sind der ‘Ort der größten Kränkung’, an dem jugendliche Täter demonstrativ ihre subjektive Handlungsunfähigkeit und das Gefühl von Kontrollmangel vor den Augen der Weltöffentlichkeit wettmachen wollen.”

Im Vorfeld erkennbar

Was daraus folgt, ist klar. Wenn die Schulen einen durchaus bedeutsamen Anteil an der Verursachung und/oder der Auslösung des Phänomens explodierender Amokgewalt haben, dann sollte es auch Möglichkeiten der Vorbeugung, Verhinderung und Vermeidung geben. Und zwar nicht zuletzt auch an den Schulen selbst.

Einfach gesagt würde es wohl schlicht darum gehen, die seelischen Kränkungspotentiale schulischer Arbeit deutlich zu reduzieren und darüber hinaus eine besondere Aufmerksamkeit für SchülerInnen zu entwickeln, die sich nach Negativerfahrungen (Niederlagen, Demütigungen, Verletzungen, Bestrafungen, Beschämungen, Kontrollverlust etc.) zunehmend in sich selbst zurückziehen.

Denn dem Berliner Kriminologen zufolge geschehen Amokläufe “nicht plötzlich, sondern sind im Vorfeld erkennbar.” Dazu weiter Robertz: “Kurz vor der Tat gibt es oft ein Ereignis, das als schwere persönliche Niederlage erlebt wurde, und den Taten ging jeweils eine Grübelphase voraus, in der auf verschiedenste Art Hinweise auf die Tat gegeben wurden.”

Irritierender Beigeschmack

Der Artikel von Robertz erscheint mir als ein überaus wichtiger Beitrag zur aktuellen Debatte. Es ist interessant, dass dieser Anstoss und die Fortbildungsprogramme, die Robertz in seinem Institut – also seiner Firma – für LehrerInnen und SchulleiterInnen zur Verfügung stellt, nicht von einer öffentlichen bzw. staatlichen Institution, sondern von einem kleinen Wirtschaftsunternehmen stammen.

Während in den USA das Militär unter Bush partiell privatisiert worden ist, erleben wir in Deutschland an diesem und anderen Beispielen die Privatisierung der Bekämpfung und Vermeidung von Gewalt. Das ist fraglos humaner, aber hinterläßt gleichwohl einen irritierenden Beigeschmack.

Robertz’ beendet seinen Artikel mit den folgenden Sätzen: “Wann übernehmen unsere Schulen also endlich die Verantwortung und betreiben eine konsequente Prävention? Ausgefeilte Fortbildungsangebote gibt es genug; sie müssen allerdings genutzt werden.” Das klingt aus dem Munde eines tüchtigen Geschäftsmannes, dessen Unternehmen sich auf genau diese Angebote spezialisiert hat, unvermeidlich wie Werbung.

Verstaatlichtung der Gewaltprävention

Vermutlich ist es nicht so gemeint. Aller Wahrscheinlichkeit nach geht es dem Autor tatsächlich vor allem um die Sache und nicht primär um’s Geld. Aber das war eben doch das Schöne an den alten Zeiten als hervorragende WissenschaftlerInnen ihr Wissen und ihre Weiterbildungsangebote kostenlos zur Verfügung stellen konnten. Da kam ein solcher Nebengeschmack einfach nicht auf.

Derzeit befinden sich Fachhochschulen und Universitäten weltweit im Umbruch. Es bleibt zu hoffen, dass es gelingt, Programme wie das von Robertz schrittweise wieder zu verstaatlichen, d.h. an öffentliche Institutionen zurückzubinden und damit kostenlos für die Schulen zur Verfügung zu stellen. Auch das wäre ein Stück erfolgreich wiederbelebte “soziale” Marktwirtschaft!

Mike Sandbothe

Der Artikel von Frank Robertz ist in der Rubrik “Außenansicht” in der Süddeutschen Zeitung erschienen und auf deren Homepage – umrahmt von bunten Werbeanzeigen mit wechselnden Inhalten – unter dem Titel Die Statistik des Leids online einzusehen.

March 14th, 2009

Die verletzliche Schule (Süddeutsche Zeitung, Nr. 60, 13. März 2009, S. 4)

Posted in Süddeutsche Zeitung by mike

In seinem Artikel “Die verletzliche Schule” kommentiert Tanjev Schultz (34) den Amoklauf von Winnenden aus medienpädagogischer Perspektive. Eine seiner Grundthesen finde ich sehr einleuchtend. Sie lautet: “Schulen sind keine therapeutischen Einrichtungen; doch die Frage, wie es ihren Schülern geht, können Pädagogen nicht einfach ignorieren.”

Einen zweiten Grundgedanken von Schultz halte ich als Erklärung von Winnenden für zu spekulativ und als verallgemeinerte Aussage über Amokläufe für unzutreffend: “Die Welt außerhalb des Computers lässt sich nicht ausschalten, auch wenn ein Amokläufer genau dies versucht.”

Destruktive Trance

Amokläufer gab es schon als es noch keine Computer gab. Darüber hinaus gilt, dass wir der individuellen Genese und komplexen Persönlichkeit eines bestimmten einzelnen Amokläufers nicht gerecht werden, wenn wir seine Tat auf den abstrakten Versuch reduzieren, “die Welt auszuschalten”.

Beim Amoklauf handelt es sich um einen evolutionär bis in die Tierwelt zurückreichenden Versuch, eine lebensbedrohlich und ausweglos erscheinende Situation in einem Akt destruktiver Trance zu einem (meist fatalen) Ende zu bringen.

Eben deshalb sind Amokläufe, die im Kontext von Schule geschehen, so erschütternd für die gesamte Gesellschaft. Tatsächlich gilt, was Schultz in seiner dritten Grundidee hervorhebt: “Die Schulen liegen im Zentrum der Gesellschaft; fast alles Übel, unter dem diese leidet, befällt auch die Schulen.”

Weltpolitische Starre

Nimmt man diesen dritten Gedanken ernst, dann schließt sich der bildungspolitische Kreis. Unsere Weltgesellschaft leidet an dem Auseinanderklaffen zwischen globalen Problemdimensionen und lokal, regional oder national ansetzenden Problemlösungsversuchen.

Die großen Banken und Wirtschaftsunternehmen operieren weltweit, das Internet hat mit dem Englischen eine Weltsprache und – damit verbunden – ein Weltbewußtsein für national lange verdrängte Sachverhalte etabliert: Weltklimakrise, Weltenergiekrise, Weltwirtschaftskrise.

Aber die politischen ProblemlöserInnen verharren im Zustand nationaler Institutionalisierung. Ihnen gelingt es bisher nicht, sich selbst und ihre nationalen Interessen auf intelligente Weise zurückzunehmen und mit demokratischen Mitteln einen handlungsfähigen Rahmen weltpolitischer Verantwortung zu schaffen. Daran leiden unsere Gesellschaften. Das wird auch in den Schulen spürbar.

Kulturpolitischer Ausnahmezustand

Damit will ich keinesfalls den Amoklauf von Winnenden erklären. Ganz und gar nicht. Wie sollte ich das auch tun? Nein, mir geht es nur darum, die erste Grundthese von Schultz aufzunehmen und einen Schritt weiterzuführen. Der Autor hat sicherlich Recht, wenn er schreibt: “Schulen sind keine therapeutischen Einrichtungen.” Aber – so möchte ich vorsichtig hinzufügen – sie könnten es ja noch werden!

LehrerInnen unterrichten heute in einer kulturellen Gesamtsituation, in der sie selbst, ihre SchülerInnen und deren Eltern zunehmend spüren, dass die (partei-)politischen Strukturen, die sich in Deutschland (und anderen Nationalstaaten) in den letzten Jahrzehnten (bzw. Jahrhunderten) bewährt haben, angesichts der globalen Krisenherde selbst zu einem Teil des Problems werden.

Insofern erscheint es mir nicht übertrieben zu sagen, dass sich Schulen und Universitäten derzeit in einem kulturpolitischen Ausnahmezustand befinden. Ein besonderer, zusätzlicher Teil ihrer weitreichenden Bildungsverantwortung könnte in dieser Situation darin bestehen, den SchülerInnen und StudentInnen dabei zu helfen, die Einzigartigkeit der welthistorischen Situation zu verstehen und zu verarbeiten, in der wir alle uns gegenwärtig befinden.

Kollektiver Amoklauf?

Das griechische Wort “therapeia” bedeutet “Dienst, Heilung und Pflege”. In diesem ursprünglichen Sinn, so meine ich, brauchten sich Schulen und Universitäten heute nicht zu schämen, wenn sie sich (zumindest für eine Übergangszeit, vielleicht aber auch auf lange Sicht) dem krisenhaften Orientierungsbedarf ihrer SchülerInnen und StudentInnen therapeutisch verpflichtet fühlten.

In Zeiten einer ökonomisch sich selbst überlassenen und politisch deregulierten Globalisierung tut bildungspolitisch organisierte Kulturtherapie dringend Not. Wenn es unserer demokratischen Kultur nicht gelingt, sich (via Bildung) selbst zu therapieren, droht womöglich eines Tages eine Art kollektiver Amoklauf.

Mike Sandbothe

Der Artikel von Tanjev Schultz ist auf der Homepage der Süddeutschen Zeitung unter dem Titel “Die verletzliche Schule” online zugänglich; mehr oder weniger gut vernetzt mit einer ziemlichen Dosis (von Besuch zu Besuch immer wieder wechselnder) Reklamebildchen. Oh, wie schön!