Mike's Media Diary

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March 19th, 2011

ZEIT-Titelthema: “Keine Lügen mehr!” (“Japans Lehre für die Welt”; “Die Macht der Bilder”, “Leere Mitte” und “Bücher helfen uns auch nicht weiter”, in: Die Zeit, Nr. 12, 17.3.2011, S. 1, 49, 52 und 53)

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Der SPIEGEL hat am Montag dieser Woche zwar das “Ende des Atomzeitalters” auf seinem Titelbild verkündet (Der Spiegel, Nr. 11, 14.3.2011). Aber es gab nur wenige Worte zur Einordnung dieses vermeintlich welthistorischen Ereignisses.

Die ZEIT öffnet ein paar Tage später ein breites Spektrum von weit reichenden Perspektiven und bemüht sich um Orientierung (Die Zeit, Nr. 12, 17.3.2011). Ich habe aus der Vielzahl der Beiträge nur eine kleine Auswahl berücksichtigt.

Dramatische Zusammenballung

Es beginnt auf Seite 1.

Der Chefredakteur des Politik-Ressorts, Bernd Ulrich (50), diagnostiziert “die größte Zusammenballung dramatischer Ereignisse seit Jahrzehnten” (Die Zeit, S. 1).

Reale Probleme statt Medienhypes

Sarrazin und Guttenberg – das waren für den ZEIT-Redakteur noch mögliche “Folgen eines Medienhypes” (ebd.).

Aber “die Finanzkrise, die Euro-Rettung, die arabischen Revolutionen, die libysche Konterrevolution oder die akuelle Krise der Atomkraft” sind aus seiner Sicht “reale Probleme in einer drängend realen Welt” (ebd.).

Die neue Wucht der Welt

Der Mann stellt die berechtigte Frage:

“Woher kommt die neue Wucht der Welt, woher rührt diese Ereignisdichte, die unsere Politiker überfordert und unsere Empathie überstrapaziert?” (ebd.)

Immer mehr

Seine Antwort lautet:

“Daraus, dass es immer mehr Menschen gibt; daraus, dass immer mehr Menschen immer mehr Menschen wahrnehmen; daraus, dass immer mehr Menschen ihre Stimmen erheben; daraus, dass immer mehr Menschen immer mehr reisen, verbrauchen und in Städten leben, in Städten, von denen immer mehr am Rand von Kontinentalplatten, an Küsten, Ufern und Flussdeltas erbaut sind.” (ebd.)

Das neue Globalmedium

Ulrich erwähnt nicht, dass  auch diese Entwicklungen mit den Medien zu tun haben.

Vor allem mit dem neuen Globalmedium, dem Internet.

Nachrichtenwert

Der Zusammenhang liegt hier nur tiefer als bei Sarrazin und Guttenberg.

Der Nachrichtenwert, der diesen beiden Herren zugemessen wurde, lässst sich tatsächlich auf der Ebene der Inhalte als “Medienhype” beschreiben.

Tiefeneffekt

Dass “immer mehr Menschen immer mehr Menschen wahrnehmen” (ebd.) ist demgegenüber ein formaler Tiefeneffekt der neuen digitalen Vernetzungstechnologien.

Das hat Folgen für die Einschätzung von Ulrichs Vorschlag, “diese Welt probehalber mit kaltem Blick anzuschauen” (ebd.).

Nicht einmal Mitgefühl

Seine Forderung lautet:

“Die Menschheit muss jetzt umlernen. Dazu braucht es nicht einmal Mitgefühl, es reicht schon der Verstand” (ebd.).

Überforderung

Aus einer gefährlicher gewordenen Welt – so weiter Ulrich – “den Anspruch umfassender, sozusagen milliardenfacher Nächsten- und Fernstenliebe” (ebd.) abzuleiten, würde die Überforderung nur noch weiter zuspitzen.

Mitfühlende Weltöffentlichkeit

Das sehe ich anders.

Das Internet ist mit den sozialen Instrumenten des Web 2.0 auf dem Weg zu einem Medium weltbürgerlicher Gemeinschaft, d.h. zu einem Medium, in dem die globale Nächsten- und Fernstenliebe zum Alltag werden kann.

Gattung Mensch

Dahinter steckt ja auch eigentlich nichts Bedrohliches oder gar etwas uns per se Überforderndes.

Es geht schlicht und einfach darum, dass wir Menschentiere lernen, uns selbst als Teil der Gattung Mensch auf diesem Planeten Erde zu sehen und auf moralisch anspruchsvolle Weise ernst zu nehmen.

Medien als Tools

Dazu freilich reichen die Medien allein nicht aus. Sie können dabei nur eine Hilfestellung, ein Tool, ein Movens sein.

In the long bedarf es darüber hinaus globaler demokratischer Institutionen, die im Auftrag einer globalen Öffentlichkeit die Verantwortung für globale Probleme übernehmen.

Die Macht der Bilder

Das nimmt Florian Illies (39) in seinem ZEIT-Beitrag über “die Macht der Bilder” (S. 49) nicht ernst genug.

Er meint: Schon allein “weil die Welt gesehen hat, wie ein Atomkraftwerk explodiert, ist der Glaube an die Beherrschbarkeit der Technik zerstört” (ebd.).

Iconic Turn

Der Leiter des ZEIT-Literatur-Ressorts deutet die Wirkung der Bilder von der Explosion in Fukushima als “Bestätigung der kulturwissenschaftlichen These vom Iconic Turn” (ebd.).

Diese besagt: “Wir sind heute Zeitgenossen durch die Aufnahme und die geistige Verarbeitung der Bilderflut” (ebd.).

Nicht mehr zu löschen

Daraus folgert Illies: “Jene Bilder, die uns bis jetzt aus Fukushima erreicht haben, werden genau deshalb nicht wirkungslos bleiben, weil sie nicht mehr von der menschlichen Festplatte gelöscht werden können” (ebd.).

Das ikonische “‘Sinnbild’ der Katastrophe” habe “sich auf ewig in unseren Köpfen festgesetzt” (ebd.).

Berechtigte Zweifel

Nun ja. Wir werden sehen.

Gernot Böhme (74) und Christa Wolf (82) haben da jedenfalls ihre berechtigten Zweifel.

Kein Umdenken

Böhme, der Philosoph, meint:

“Auch nach Fukushima werden wir nicht umdenken” (S. 52).

Gesellschaftliche Tsunamis verebben

Denn die Politiker – allen voran Angela Merkel – wissen laut Böhme nur allzu gut, “dass sich die Wellen wieder legen und gesellschaftliche Tsunamis irgendwann verebben” (ebd.).

Das Dilemma unserer Gesellschaft

Auch für Christa Wolf, die Schriftstellerin, steht fest, “dass das Schreckliche wieder vergessen wird” (S. 53), wenn wir nicht lernen, “das Dilemma unserer Gesellschaft zu diskutieren” (ebd.).

Die Leitfrage müsse dabei lauten: “Wann lernen wir eigentlich, uns selbst zu beherrschen?” (ebd.)

Altersweisheit

Alter schützt vor Weisheit nicht. Das gleiche gilt für Philosophie und Literatur.

Wir können aus der Lebenserfahrung und Menschenkenntnis von Böhme und Wolf profitieren.

Laufen lernen

Gleichwohl: der ikonische Optimismus von Illies birgt ebenfalls ein Fünkchen Wahrheit.

Verbindet man ihn mit Wolfs Hoffnung auf “eine solidarische Gemeinschaft” (ebd.) und vergisst dabei die Forderung nach neuen Formen demokratischer global governance nicht, dann kann ein Schuh draus werden, in dem die Menschheit über kurz oder lang vielleicht sogar laufen lernen mag.

MIKE SANDBOTHE

 

December 19th, 2010

Das Geheimnis der Homöopathie (Die Zeit, Nr. 50, 9. Dezember 2010, Titelstory S. 39-41)

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DIE ZEIT geht das Thema “Glauben und Globuli” (Die Zeit, Nr. 50, 9.12.2010, S. 39) differenzierter an als DER SPIEGEL (vgl. “Der große Schüttelfrust“, in: Der Spiegel, Nr. 28, 12.7.2010, S. 58-67).

Eine smarte Erwiderung

Zwar empfindet auch ZEIT-Autor Stefan Schmitt die Homöopathie als “eine Beleidigung der Vernunft“(Die Zeit, S. 41). Aber mit Jens Jessens (55) “Ein Beweis namens ‘Ich’” (Die Zeit, S. 40) hat die ZEIT-Redaktion der Contrastimme von Schmitt eine smarte Erwiderung hinzugefügt.

Ganz privat und ganz abstrakt

Jesse argumentiert auf zwei Ebenen: ganz privat und ganz abstrakt.

Ganz abstrakt glaubt Jessen, dass die Skeptiker “die Logik und alle medizinischen Argumente auf ihrer Seite haben” (S. 40). Und ganz privat setzt er diesen seine “persönliche Empirie” (S. 40) entgegen.

Oft entscheiden die Zwischenbereiche

Das ist rhetorisch geschickt. Aber um der Sache willen zugleich auch ein wenig schade.

Denn oft entscheiden sich die Dinge gerade in den Zwischenbereichen.

Informationsmedizin

Ein wichtiger Zwischenbereich besteht in der Avantgarde der modernen Komplementärmedizin, der sogenannten “Informationsmedizin”.

Sie schaut nicht allein auf materielle Substanzen und einfache Kausalwirkungen, sondern immer auch auf die Übertragung von Informationen und die damit verbundenen selbstorganisatorischen Aufschaukelungsprozesse.

Kollektive Empirie

Ein zweiter Zwischenbereich wird von Jesse zwar erwähnt, aber sogleich disqualifiziert.

Ich meine die kollektive Empirie derjenigen, die mit der Homöopathie schon seit einem Jahrhundert gute Erfahrungen sammeln.

Kein Esoteriker

Jesses erster Satz lautet: “Ich bin kein Esoteriker” (S. 40).

Mehr noch: es verdrießt ihn sogar, dass “das anthroposophische Gerede vom Ganzheitlichen, Feinstofflichen – und was es dergleichen Humbug mehr gibt – mich in einen gewissen Widerspruch zu meinem aufgeklärten Selbstverständnis” (S. 40) bringt.

Leider hat Jesse das nicht zum Anlass genommen, das eigene aufgeklärte Selbstverständnis zu überprüfen und vielleicht sogar einen Schritt weiterzuentwickeln.

Die über sich selbst aufgeklärte Aufklärung

Aus der Sicht einer über sich selbst aufgeklärten Aufklärung erscheinen Naturwissenschaft und Schulmedizin als Sprachspiele und hilfreiche Beschreibungsformen.

Sie erheben keinen Letztbegründungsanspruch, sondern punkten durch ihre Erfolge und ihren Nutzen für die Menschheit.

Esoterik als nützliche Alternative

Nützlich können und dürfen aus dieser weiterentwickelten Perspektive natürlich auch alternative Beschreibungsformen sein: literarische, künstlerische, religiöse, therapeutische und sogar “esoterische”.

Apropos Esoterik! Das von Platon sehr geschätzte Wort bedeutet laut Wikipedia nicht mehr und nicht weniger als “eine Lehre, die nur für einen begrenzten, ‘inneren’ Personenkreis zugänglich ist” (Stichwort “Esoterik“, in: Wikipedia).

Vom Esoterischen zum Exoterischen

Der Gegenbegriff ist “Exoterik”. Das bedeutet öffentliches Wissen, d.h. Wissen, das einem mehr oder weniger unbegrenzten, ‘äußeren’ Personenkreis zugänglich ist.

In diesem Sinne war Homöopathie lange etwas Esoterisches. Im 21. Jahrhundert ist sie auf dem besten Weg, zu etwas Exoterischem zu werden.

Jesses Rhetorik

Jesses rhetorische Strategie besteht darin, durch zugespitzte Privatisierung (also durch eine weitere Verengung des Personenkreises auf sich selbst!) einen Beitrag zum Öffentlichwerden des homöopathischen Heilwissens zu leisten.

Ich würde es dem Journalisten gönnen, wenn diese Strategie zum Erfolg der Sache beitrüge.

Sprache als Therapeutikum

In einer nicht all zu fernen Zukunft dürfte er sich dann vielleicht sogar eine homöopathische Ärztin gönnen, die nicht “wortkarg und praktisch” (S. 40) ist “wie nur je ein Schulmediziner” (S. 40).

Aus Sicht einer über sich selbst aufgeklärten Aufklärung kann auch und gerade die Sprache dem Menschen als Therapeutikum nützliche Heildienste leisten.

Eine spirituelle Dimension

Sie funktioniert dann als eine Art von “neuronaler Selffulfilling Prophecy” (“Glauben und Globuli“, in: Die Zeit, Nr. 50, S. 39-40, hier: S. 40). Jesses Kollegin Franziska Rademacher hat das auf der gleichen Seite sehr überzeugend beschrieben.

Sie hat sogar das folgende Zitat durch die sonst so aufmerksame Zeitgeist-Zensur geschmuggelt: “Es ist intelligent, eine spirituelle Dimension im Leben zu sehen.” (“Glauben und Globuli”, S. 40).

Aber holla!

Der Satz stammt von Rolf Verres (62). Der Mann ist Ärztlicher Direktor des Instituts für Medizinische Psychologie am Uniklinikum in Heidelberg.

Er sieht in der von Jesse so vehement abgelehnten ganzheitlichen Seite der Homöopathie sogar eine ihrer zu bewahrenden Stärken. Aber holla!

Mike Sandbothe

August 20th, 2010

“Tiere sind auch nur Menschen” und “Donnerstags kein Fleisch” (Die Zeit, Nr. 33, 12.8.2010, S. 41-43)

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Der Bestseller des amerikanischen Schrifstellers Jonathan Safran Foer “Tiere essen‘” ist seit Mitte August in deutscher Sprache erhältlich.

Die ZEIT-Autorin Hilal Sezgin hat den Autor interviewt, und die ZEIT-Redakteurin Iris Radisch hat das von Foer überaus pragmatisch behandelte Thema moralphilosophisch zugespitzt:

“Wer darf wen töten und warum?” (DIE ZEIT, “Tiere sind auch nur Menschen”, S. 41).

Vegetarier in Theorie und Praxis

In der Theorie bin ich schon seit Jahrzehnten Vegetarier. Aber in der Praxis erst seit anderthalb Jahren.

Das verbindet mich mit Foer.

Gefahrlos vegetarisch?

Bei ihm war es die Geburt seines ersten Sohnes, die ihn vor vier Jahren dazu veranlasst hat, über Fleischessen nachzudenken:

“Ich wollte wissen, ob man ein Kind gefahrlos vegetarisch aufziehen kann” (DIE ZEIT, “Donnerstags kein Fleisch“, S. 43).

Unfähigkeit, Tiere zu essen

Anders Radisch.

In ihrer Familie gibt es eine “seit Generationen verbreitete Unfähigkeit, Tiere zu essen” (DIE ZEIT, S. 41).

Für sie hat das Thema eine andere Tiefe.

Die alte Philosophenfrage

Das ist vermutlich einer der Gründe dafür, dass ihre ZEIT-Titelstory fokussiert bleibt auf die alte Philosophenfrage nach “unserem Recht, Tiere zu töten, um sie zu essen” (DIE ZEIT, S. 41).

Vegetarier-Pragmatismus

Aus der Sicht von Foer “lenken solche Diskussionen ab” (DIE ZEIT, S. 43). Ihm geht es nicht ums Grundsätzliche, sondern um die Details.

Wie können wir tiergerechter töten? Wie können wir es schaffen, mit weniger Fleisch auszukommen?

Ethisch unbedenkliches Fleisch

Über den von Foer repräsentierten Typus des entspannten “Wohlfühlvegetariers” (DIE ZEIT, S. 42) schreibt Radisch:

“Für ihn gibt es, was für mich undenkbar ist: ‘ethisch unbedenkliches Fleisch’ (DIE ZEIT, S. 42)

Ohne moralische Empörung

Das griechische Wort “ethos” bedeutet “Gewohnheit, Sitte, Brauch, Haltung, Charakter”.

Insofern lässt es sich auch ohne das Moment der moralischen Empörung verwenden, auf das Radisch zielt.

Die Welt besser machen

Und genau das tut der in Princeton ausgebildete Schriftsteller und Philosoph Jonathan Safran Foer.

Ihm geht es nicht darum, “ethisch rein zu sein” (DIE ZEIT, S. 43). Er will einfach nur “die Welt besser machen” (DIE ZEIT, S. 43).

Eine Gewohnheit unter anderen

In der Sache teilt Radisch Foers pragmatische Grundeinsicht.

Auch für sie ist “die Fleischeslust kein dunkler, unbeherrschbarer Naturtrieb, sondern eine Gewohnheit unter anderen” (DIE ZEIT, S. 41).

Rechtfertigungsdebatten

Zugleich aber verfängt sich die ZEIT-Redakteurin in akademischen Rechtfertigungsdebatten.

Die “Frage, ob wir dürfen, was wir tun” (DIE ZEIT, S. 41), ist das bestimmende Leitmotiv ihres Artikels.

Unerheblich?

Dies führt unter anderem dazu, dass die von Foer angestoßenen Diskussionen darüber, wie schädlich der Fleischkonsum für unsere Gesundheit ist und wie hoch die globalen Treibhausgasemissonen der Fleischindustrie sind, von Radisch als philosophisch “unerheblich” (DIE ZEIT, S. 41) zur Seite geschoben werden.

Rätsel des tierischen Innenlebens

Statt dessen widmet sie sich ausführlich dem “Rätsel des tierischen Innenlebens” (DIE ZEIT, S. 42) sowie dem Nachweis, dass “die Gründe, die wir für das eklatante Ungleichgewicht der Rechte zwischen Mensch und Tier geltend machen, allesamt windig sind” (DIE ZEIT, S. 41).

Was ist mit Ameisen?

Für den Pragmatisten Foer stellt sich die letztgenannte Frage auf andere Weise:

“Haben Tiere dieselben Rechte? Was ist mit Ameisen, auf die wir beim Gehen treten, oder Mäusen im Haus?” (DIE ZEIT, S. 43).

Niemals eindeutig

Am Ende ihres Beitrags hebt auch Radisch hervor, dass “die Grenzen des Tötungsverbots niemals eindeutig zu bestimmen sind” (DIE ZEIT, S. 42).

Doch, so die ZEIT-Redakteurin weiter, “das gibt uns noch lange nicht das Recht, alles falsch zu machen” (DIE ZEIT, S. 42).

Grade des Guten und Bösen

Foer zufolge tun wir das auch nicht.

Es geht um Grade des Guten und Bösen, nicht um die zugespitzte Entgegensetzung von “alles richtig” oder “alles falsch”.

Schlachthausroutine

Aus seiner Sicht ist nicht “Tiere essen” der eigentliche Skandal, sondern die Art und Weise, wie die Massentierhaltung mit unseren animalen Verwandten umgeht.

Dazu Radisch: “Sehr häufig werden Tiere in der industriellen Schlachthausroutine nicht gründlich genug betäubt und schreiend bei lebendigem Leib gehäutet und zerstückelt” (DIE ZEIT, S. 42).

98 Prozent

98 Prozent der Hühner und Schweine, die wir hier in Deutschland auf die Teller bekommen, stammen aus industriellen Tierfabriken.

Nur zwei Prozent der Bauernhöfe zählen zu den von Foer ebenfalls besuchten “Ausnahmefarmen” (DIE ZEIT, S. 43).

Ausnahmefarmen

“Die Kälber bleiben dort bei ihren Müttern, sie können all das tun, was Kühe gerne tun. Sie werden so geschlachtet, dass sie der Tod in fast allen Fällen schmerzlos ereilt” (DIE ZEIT, S. 43)

Und weiter Foer: “Es sind Menschen, die ihren Tieren Namen geben und sie besser behandeln als ich meinen Hund. Wirklich! Und dann töten sie sie.”

Fleisch, Fisch, Eier und Milch

Foer plädiert dafür, kein Fleisch oder jedenfalls möglichst wenig Fleisch zu essen.

Und zwar weil fast alles Fleisch, das wir in den Geschäften kaufen, aus den Todesfabriken und nicht aus einer Ausnahmefarm stammt.

Das gilt auch für Eier und Milch und für die Fischindustrie.

Kulturpolitik

Worum geht es in der Debatte zwischen Foer und Radisch?

Es geht um Kulturpolitik.

Leute, die unsere Zukunft prägen

“94 Prozent der Deutschen essen gern tote Tiere” (DIE ZEIT, S. 42).

“Es gibt an amerikanischen Universitäten schon 18 Prozent Vegetarier. Das sind die Leute, die unsere Zukunft prägen, es sind künftige Politiker, Schauspieler, Schriftsteller, Juristen und Ärzte.” (DIE ZEIT, S. 43).

Gesinnungswandel

In der Kulturpolitik unserer Ernährungsgewohnheiten geht es heute auch und gerade um die Frage, wie trendsetzende Medien dazu beitragen können, dass der in Bewegung gekommene “Gesinnungswandel” (DIE ZEIT, S. 43) sich weiter beschleunigt und auf globaler Ebene flächendeckend vollzieht.

Weiter warten?

Die Beantwortung der von Radisch aufgegriffenen Philosophenfrage: “Wer darf wen töten und warum?” ist in mehr als 2500 Jahren Philosophiegeschichte nicht gelungen.

Wollten wir weiter warten, würde davon die schlechte Praxis der Massentierhaltung profitieren.

Kampagnentauglich

Aus diesem Grund scheint mir Foers Vorschlag eine bessere Basis zu bieten für eine weltweite journalistische Kampagne.

Darin würde es um den bewussten Verzicht auf den Konsum derjenigen Art von Fleisch und Fisch gehen, die den überwiegenden Teil dessen ausmacht, was wir heute in den Geschäften kaufen können.

DIE ZEIT hat Weitsicht und Mut bewiesen, dieses Thema als Titel zu setzen.

Mike Sandbothe

Der Vegetarismus-Essay von Iris Radisch ist als Online-Text unter dem Titel “Tiere sind auch nur Menschen” auf Zeit-Online zugänglich. Das Gespräch, das Hilal Sezgin mit Jonathan Safran Foer geführt hat, findet sich dort unter dem Titel “Donnerstags kein Fleisch“.

October 28th, 2009

“Das Böse lebt in der Tat.” Ein Gespräch mit Hans-Ludwig Kröber, Deutschland bekanntestem Gerichtspsychiater, Die Zeit, Nr. 44, 22. Oktober 2009, S. 39

Posted in Die Zeit by mike

Das Zitat von Hans-Ludwig Kröber (58), mit dem der ZEIT-Wissenschaftsredakteur Ulrich Schnabel (47) sein Interview überschreibt, lässt sich als eine mögliche Antwort auf die Leitfrage des gesamten Heftes lesen. Auf dem ZEIT-Cover Nr. 44 ist diese in fetten roten Lettern wie folgt formuliert: “Woher kommt das Böse?”

Immer noch “böse”

“Das Böse lebt in der Tat” klingt wie eine gut geerdete, recht pragmatische Antwort auf eine spekulative Frage. Kröber philosophiert nicht über das Wesen des Menschen, sondern sagt statt dessen etwas über sein Handeln.

“Man muss kein böser Mensch sein, um böse Taten zu begehen.” Das klingt unprätentiös. Und doch ist in diesem Satz noch immer vom Bösen die Rede.

Alternative Wortwahl

In der christlichen Welt ist der Begriff des Bösen von Religion und Metaphysik geprägt. Aufgrund der damit verbundenen Assoziationen ist es nicht einfach, ihn aus dem alten Denken gemäß Wesensbestimmungen in ein neues Denken gemäß Handlungskategorien zu übertragen.

Aber Kröber macht einen guten Übersetzungsvorschlag, wenn er schreibt: “Für den, der Böses erlebt – also Demütigung, Qual und Zerstörung -, für den ist dieses Erleben unauslöschbar.”

Nicht konsequent

Zwar mag die These von der Unauslöschbarkeit den meisten LeserInnen nicht unmittelbar einleuchten. Aber der pragmatische Vorschlag, die Rede vom Bösen durch die konkreten Bestimmungen “Demütigung, Qual und Zerstörung” zu ersetzen, wird vermutlich als hilfreich und klärend empfunden.

Körber setzt diesen Vorschlag jedoch nicht wirklich um. Wäre er konsequent, würde er in seinen Kernaussagen die alternative Wortwahl realisieren.

Unauslöschbar

Statt: “Das Böse lebt in der Tat” hieße es dann: “Demütigung, Qual und Zerstörung leben in der Tat”. Und der Satz “Man muss kein böser Mensch sein, um böse Taten zu begehen” würde ersetzt durch die alternative Formulierung “Man muss kein gewalttätiger Mensch sein, um zu demütigen, zu quälen und zu zerstören.”

Kröbers Grund dafür, dass er weiterhin vom Bösen spricht, hat vermutlich damit zu tun, dass er es für unverzichtbar hält, die Erfahrung von Demütigung und Grausamkeit als “unauschlöschbar” und “nicht relativierbar” zu klassifizieren.

Unmittelbares Erleben

Der Gerichtspsychiater definiert “das Böse als eine Wahrnehmungskategorie, eine Form des unmittelbaren Erlebens”. Und er fährt fort: “So wie wir etwas als schön oder eklig empfinden, so erleben wir auch ein bestimmtes Handeln – ob wir es wollen oder nicht – als böse.”

Demütigung, Qual und Zerstörung sind demgegenüber Worte, deren Anwendung stärker auf intersubjektive Deutungsverhältnisse verweist.

In Graden

Was als demütigend und als grausam empfunden wird, unterliegt kultureller und historischer Variabilität. Grausames und demütigendes Verhalten kommt in Graden.

Aus diesem Grund können die damit verbundenen Erfahrungen sowohl auf der Seite des Täters als auch auf Seiten des Opfers zumindest partiell therapierbar, löschbar, heilbar sein.

Eine Art innerer Arztkittel

Das aber ist eine Vorstellung, die dem Direktor des Instituts für Forensische Psychiatrie an der Berliner Charité nicht gefällt; was vermutlich wiederum ganz praktische Gründe hat.

Sein Beruf zwingt ihn dazu, sich immer wieder mit den Details und den Folgen von hochgradig demütigenden und extrem grausamen Handlungen auseinander zu setzen. Den Begriff des Bösen verwendet er dabei wie “eine Art inneren Arztkittel”.

Unterschiedliche Beispielsphären

Psychische und physische Gewaltausübung gegenüber Frauen, Schwarzen und Kindern war lange Zeit ein Teil der christlichen Kultur. Erst unter demokratischen Lebensbedingungen hat sich dies im Zeitalter der Aufklärung in den letzten beiden Jahrhunderten zu ändern begonnen.

Doch diese historischen Einstellungsveränderungen in der kulturellen Wahrnehmung von Gewalt laufen quer zu den Einzelfällen, mit denen der Gerichtspsychiater zu tun hat. Seine Beispielsphäre hat eine andere, eine radikalere Natur.

Nicht leicht, sitzen zu bleiben

Die folgenden Sätze geben Einblick in die berufliche Praxis der forensischen Begutachtung:

“Es gibt doch Einzelne, die so viel Hass und Vernichtungswillen aufgebaut haben, dass sie sich immer wieder Situationen suchen, in denen sie dies ausleben können. Selbst im späteren Erzählen töten sie ihr Opfer noch einmal genüsslich. Da ist es manchmal nicht leicht, sitzen zu bleiben und brav mitzuschreiben.”

Professionsspezifische Grenzen

Die problematische Seite des Gesprächs, das Ulrich Schnabel mit Hans-Ludwig Körber geführt hat, besteht in der Tendenz zur Verallgemeinerung.

Da Kröbers Verwendung des Wortes “böse” sich aus seiner individuellen Erfahrung mit Extremsituationen ergibt, stößt sein öffentlicher Beitrag zur Säkularisierung unseres moralischen Vokabulars an private und professionsspezifische Grenzen.

An manchen Stellen im ersten Teil seines Interviews gelingt es Schnabel das auch deutlich werden zu lassen. Im zweiten Teil jedoch überwiegen generalisierende Fragestrategien.

Kulturpolitische Risiken

Aus meiner Sicht macht das ZEIT-Gespräch einen Schritt in die richtige Richtung. Doch das Festhalten am Begriff des Bösen birgt kulturpolitische Risiken.

Zwar erscheint “das Böse” nicht länger als objektiver Tatbestand oder gar als personifizierte Instanz. Statt dessen aber wird die Fähigkeit, gewalttätige Handllungen als böse wahrzunehmen, der biologischen Verfassung der menschlichen Art zugeschrieben.

Minimalbedingungen

In diesem Sinn schreibt Kröber: “Sofern wir bestimmte Minimalbedingungen des Aufwachsens erleben, funktionieren wir in der Regel leidlich gut und tun uns gegenseitig kein Leid an.” Und weiter: “Am Reißbrett hätte man unsere Spezies kaum besser entwerfen können.”

Für mein Gefühl sind die kulturellen Rahmenbedingungen, die zu erfüllen sind, um Demütigung und Grausamkeit in menschlichen Gesellschaften zu verringern und Solidarität zu stärken, alles andere als minimal.

Kulturelle Plastizität

Es bedarf vielmehr demokratischer Institutionen und vielfältiger edukativer Aktivitäten im Bereich von Kultur, Medien und Politik, um die große Plastizität, die den Menschen evolutionär auszeichnet, in eine gewaltfreie Richtung zu orientieren.

Damit will ich nicht sagen, dass das Menschentier von Natur aus grausam ist. Vielmehr lassen sich auch gewalttätige Gesellschaften (und Menschen) als Ergebnis kultureller Formung beschreiben. Antidemokratische Institutionen, schwarze Pädagogiken und autoritäre Sozialisationsmethoden haben sich dabei als besonders wirksame Formungsinstrumente erwiesen.

Mike Sandbothe

Das Gespräch, das Ulrich Schnabel mit Hans-Ludwig Kröber geführt hat, ist als Volltext unter dem Titel “Das Böse lebt in der Tat” auf ZEIT-Online zugänglich.

August 4th, 2009

Ich will doch nur spielen (Zeit-Magazin, Nr. 32, 30.7.2009, S. 10-14)

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Tanja Stelzer (38) ist studierte Germanistin, professionell ausgebildete Journalistin und Textchefin des Zeitmagazins. In ihrem Cover-Beitrag geht es um den “Wahn vieler Eltern, dass ihre Kinder alles können müssen – und den bösen Folgen, die das nach sich zieht” (Die Zeit, 30.7.2009, Köpfe der ZEIT, S. 10).

Welcher Wahn? Welche Folgen?

Am Ende meiner Lektüre erwischte ich mich beim Nachdenken über den Wahn vieler JournalistInnen, dass sie selbst alles können müssen – und den bösen Folgen, die das nach sich zieht. Wie ist es zu dieser von Stelzer sicherlich nicht intendierten Lektüre-Nebenwirkung gekommen?

Nicht nur der werdende Vater in mir, sondern auch der therapeutische Medienphilosoph hätten sich wohl gefreut, wenn die Autorin und zweifache Mutter ihre Gedanken im entspannten Stil eines persönlichen Erfahrungsberichts formuliert hätte. Aber sie selbst scheint der Überforderungslogik ein Stück weit erlegen zu sein, die sie in ihrem Artikel elternkritisch anprangert.

Statt eines einfachen Erfahrungsberichts hat Stelzer ein komplexes Referate-Potpourri von Expertengesprächen zusammen gestellt, die sie in der Schweiz und an verschiedenen Orten in Deutschland geführt hat. Auch das ist natürlich interessant und klingt ungefähr so:

Völlig ohne Programm

Die Schulleiterin der Hamburger Gorch-Fock-Grundschule läßt Kinder auf der Klassenfahrt eine Woche “völlig ohne Programm” (S. 12). Weil sie “das Runterkommen” (S. 12) lernen müssen.

Denn die Eltern haben die Freizeit ihrer Kinder zu einer Termin-Rallye umfunktioniert: “Sie gehen zum Hockey, zum Tennis, zum Segeln, zur Musikstunde, machmal haben sie an einem Nachmittag zwei bis drei Programmpunkte zu absolvieren.” (S. 12)

Der Berliner Jugendforscher Klaus Hurrelmann sieht “eine Welle von Autismus- und Depressionsdiagnosen” (S. 12) voraus. Denn, so referiert die Autorin weiter, “wir haben noch nie einen medizinischen Trend aus Amerika ausgelassen” (S. 12)

Das Chauffeurdasein der Eltern

Und jetzt kommt für eine lange Artikelstrecke nur noch Remo Largo. Denn Stelzer findet: “Der Mann ist eine Institution” (S. 12). Er war 35 Jahre lang Professor am Zürcher Kinderspital und hat die Entwicklung von 800 gesunden Kindern dokumentiert, von der Geburt bis zum Alter von 20 Jahren.

Dabei hat Largo u.a. festgestellt, dass intelligente Eltern zumeist weniger intelligente Kinder haben und “dumme Eltern mit hoher Wahrscheinlichkeit ein weniger dummes Kind” (S. 12f).

Außerdem weiß der Mann mit dem tollen Namen, dass Väter im Schnitt pro Tag nur 20 Minuten Zeit für ihre Kinder aufbringen und dass Mütter allzu häufig dem Mißverständis erliegen, “dass das Chauffeurdasein der Eltern etwas mit Zuneigung zu tun haben könnte” (S. 14).

Das Recht des Kindes

Aber damit nicht genug. Die Ärztin Inge Flehmig, die noch mit 84 Jahren das Hamburger Zentrum für Kindesentwicklung leitet, hat der Autorin erzählt, dass hyperaktive Kinder – bei 10 bis 11 Prozent eines Jahrgangs wird ein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADHS) festgestellt – so zappeln, weil sie die innere Balance verloren haben und sich so fühlen “als wären sie aus der Schwerelosigkeit des Weltraums ins Schwerefeld der Erde zurückgekehrt” (S. 14).

Den Hirnforscher Gerald Hüther überspringe ich jetzt einfach mal. Denn er kommt später noch dran.

Aber den “großen alten Mann der Pädagogik” (S. 14) wollen wir im Stelzer-Referat doch noch zu Wort kommen lassen. Janusz Korczak heißt er und forderte schon vor siebzig Jahren “erstens das Recht des Kindes auf seinen eigenen Tod (…), zweitens das Recht des Kindes auf den heutigen Tag (…) und drittens das Recht des Kindes, so zu sein, wie es ist (…)” (S. 14).

Schule als Verbrechen

Fast hätte ich Ulrike Kegler vergessen. Sie ist Leiterin einer Montessorischule in Potsdam. Das ist eine Schule, “wo es keine Noten gibt und kein Melden und Drannehmen oder Nichtdrannehmen, wo die Kinder am Boden liegen dürfen, wenn sie schreiben oder malen oder rechnen” (S. 14).

Das – so hat Stelzer gehört – ist viel besser als die sonst übliche “Einheitsschule”. Letztere ist nämlich – und jetzt kommt der oben übersprungene Hirnfoscher Hüther doch noch zum Zuge – “ein Verbrechen, das an den Kindern begangen wird” (S. 14).

Denn, so referiert Stelzer den Kinderhirnexperten weiter: “Gut in Mathe sind (…) nicht die Kinder, die besonders viel Mathe üben, sondern die auch gut auf Balken balancieren können” (S. 14).

Der werdende Vater in mir

Hm. Der werdende Vater in mir fühlt sich ein wenig hilflos und ziemlich verwirrt.

Was können wir Elternanwärter aus dem Artikel von Frau Stelzer konkret lernen? Und was bedeutet das alles für wirkliche Eltern und wirkliche Kinder heute?

Zum Glück läßt die Autorin uns mit den von ihr eloquent verbundenen Expertenansichten nicht gänzlich allein stehen. Sie hat durchaus eine eigene Meinung und äußert diese auch – an zwei Stellen ihres Textes.

Aus eigener Muttererfahrung

Die erste Stelle findet sich im Abspann und lautet: “Irgendwie scheinen wir Erwachsene eine ziemlich simple Sache vergessen zu haben: Kinder wollen doch nur spielen. Vielleicht sollten wir sie zur Abwechselung einfach mal lassen. Und, wenn es sein muss, selber zum Therapeuten gehen” (S. 14).

Die zweite Stelle ist auf der gleichen Seite in der Mitte oben. Auch hier verbirgt sich Tanja Stelzer nicht hinter Autoritäten, sondern schöpft direkt aus ihrer eigenen Muttererfahrung.

Das Räderwerk, in dem wir selbst stecken

Sie schreibt: “Der Satz. ‘Warte mal, ich muss noch schnell…’ – die Autorin spricht ihn selbst viel zu häufig. Wie oft sehen wir unsere Kinder an und halten das, was wir sehen, für ein Spiegelbild unserer selbst? Wie oft denken wir den Satz: ‘Warum macht er das jetzt nicht? Ich hab das doch in dem Alter schon lange gekonnt!’”

Und Stelzer fährt fort: “Wir müssen lernen, dass Kinder nicht Abziehbilder von uns selbst sind, nicht die Leinwand für unsere Projektionen. Sie gehören uns nicht – wir müssen sie verteidigen gegen das Räderwerk, in dem wir selbst stecken” (S. 14).

Und jetzt auch noch der Medienphilosoph

Das stimmt. Aber wäre es zusätzlich nicht auch noch gut, dieses Räderwerk, in dem wir selbst stecken, Schritt für Schritt zum Besseren zu verändern?

Dabei kann ein guter Therapeut und Coach helfen. Oder ein sensibler Heiler und Schamane. Oder einfach helfende und wissende Zeugen, Kollegen, Freunde, Verwandte, Bekannte.

Das gilt natürlich auch für das Räderwerk des journalistischen Betriebes, für die erstarrte Professionalität von Expertengesprächen, für das Chauffeurdasein der länderübergreifend recherchierenden Journalistin.

Less is more

Auch hier gilt: Less is more! Einfach mal locker lassen! Einfach mal auf’s eigene Leben schauen! Nicht immer nur zitieren und referieren! Einfach mal das geschriebene Wort aus der eigenen Erfahrung heraus mit Gefühl aufladen!

Na klar. Tanja Stelzer tut das. Hier und da. Es ist eine Frage der Grade.

Den Lebensstil ändern, den Schreibstil ändern

Sowohl der werdende Vater als auch der therapeutische Medienphilosoph – und nicht nur diese – wären vermutlich um ein paar hilfreiche Veränderungsvorschläge und konkrete Verbesserungsideen reicher, wenn die erfahrene Mutter Tanja Stelzer nicht nur zweimal, sondern vielleicht dreimal, viermal, fünfmal – oder sogar sechsmal – über die von der professionellen Journalistin interviewten Experten gesiegt hätte.

Wenn das, was wir mit unseren Kindern tun, “die zwangsläufige Folge eines Lebensstils ist, der menschliche Bedürfnisse ständig verletzt” (S. 14), dann wird es Zeit, dass wir nicht nur darüber klagen, sondern beginnen, diesen Lebensstil Schritt für Schritt zu verändern. Und unser Schreibstil ist ein Ausdruck unseres Lebensstils.

Mike Sandbothe

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Der Artikel von Tanja Stelzer (38) ist unter dem Titel “Ich will doch nur spielen” auf Zeit-Online zugänglich.

June 22nd, 2009

Begegnung: Glück ist anstrengend – aber auch nur dann richtig schön, meinen Günther Jauch, Glücksbringer, und Gerhard Schulze, Glücksforscher (Chrismon. Das evangelische Magazin, 06.2009, S. 30-34, in: Die Zeit, Nr. 25, 10. Juni 2009)

Posted in Die Zeit by mike

Kleinster gemeinsamer Glücksnenner

Eine gute Idee finde ich das: der publikumswirksame Moderator von „Wer wird Millionär?“ (1999 ff) und der nicht nur akademisch bekannte Soziologieprofessor und Autor des Buchs „Die Erlebnisgesellschaft“ (1992) im öffentlichen Dialog über die uns alle privat bewegende Frage: ‚Was ist Glück?’

Und doch war ich am Ende meiner Lektüre enttäuscht über das Ergebnis. Denn der kleinste gemeinsame Glücksnenner, auf den sich Jauch (52) und Schulze (64) nach vier Seiten Konversation einigen können, lautet schlicht: „durch Mühsal zu den Sternen!“

Schwarze Pädagogik

Schulze ist ein Kind der vierziger, Jauch eins der fünfziger Jahre. In dieser Zeit galten „die Erziehungsziele Gehorsam, Pflichtbewusstsein, Unterordnung“ (Schulze, S. 34) als kanonische Wertmaßstäbe sowohl in der Familie als auch in den Bildungsinstitutionen und in den Medien.

Die Zürcher Kindheitsforscherin Alice Miller (86) hat den an solchen Werten orientierten Erziehungsstil als „schwarze Pädagogik“ bezeichnet. In ihren weltweit einflussreichen Büchern (1979ff) zeigt sie auf, wie die Unterdrückung der kindlichen Individualität u.a. zur Herausbildung narzisstischer Persönlichkeiten führen kann.

Krieg, Trauma und Narzissmus

Narzissten sind Miller zufolge Menschen, denen es in ihrer Kindheit an authentischer Elternliebe gefehlt hat. Im Nachkriegsdeutschland konnten die durch den Krieg traumatisierten Eltern ihren Kindern häufig die unbedingte Liebe nicht geben, die kleine Menschenwesen benötigen, um eine einfache, klare und in sich ruhende Selbstachtung aufzubauen.

Als Reaktion haben viele Kinder der Kriegsgeneration angefangen, kompensatorische Formen der Selbstliebe auszubilden. Sie haben das, was die Eltern an ihnen möglicherweise wertschätzen, nicht unmittelbar in ihrem inneren Sein, in ihrer einfachen Präsenz finden können, sondern (vermittelt über ein äußeres Bild) auf ein erst noch zu erreichendes Ich-Ideal projiziert.

Bezogen auf die Glücksthematik bedeutet dies, dass die grundlegende Glückserfahrung, die darin besteht, sich selbst lieben zu können, in einer durch narzisstische Persönlichkeitstypen geprägten Gesellschaft zum Resultat einer außerordentlichen Anstrengung wird.

Ein trauriger Konsens

Dieser Sachverhalt spiegelt sich in dem traurigen Konsens, auf den sich der Glücksbote Jauch und der Glücksforscher Schulze am Ende ihres Gesprächs verständigen.

Das „anstrengungslose Glück“ (Schulze, S. 34) ist für die beiden nur eine Chimäre wie „der ewige Feierabend“ (Jauch, S. 34). Nur wer leidet und sich wirklich anstrengt, konzentriert und immer wieder überfordert, hat die Chance im Erfolgsfall „glückhafte Momente“ (Jauch, S. 32) der „Selbstvergessenheit“ (Schulze, S. 34) zu erleben.

Karriere und Kinder

Als Gesellschaftsdiagnose, also als Symptom ist das sicherlich gut gesehen. Das Problem ist nur, dass die beiden Gesprächspartner die narzisstische Deformation, die sie selbst vermutlich mehr oder weniger erfolgreich leben, zum allgemeinen Ideal erklären.

Alice Miller zufolge gibt es zwei weit verbreitete Standardreaktionen auf den traumatisch induzierten Liebesmangel, durch den die Sozialisation der deutschen Nachkriegsgeneration gekennzeichnet ist: Karriere und Kinder.

Die Liebe, die mir meine Eltern nicht geben konnten

Karriere: die Liebe, die mir meine Eltern nicht geben konnten, erarbeite ich mir durch glänzenden beruflichen Erfolg, der mich nachträglich im Erwachsenenalter dann doch noch irgendwie (für mich selbst und andere) liebenswert machen soll.

Kinder: die Liebe, die mir meine Eltern nicht geben konnten, gebe ich ersatzweise meinen eigenen Kindern. Ich liebe dann in meinen Kindern kompensatorisch genau das, was von meinen Eltern in mir, als ich selbst ein Kind war, übersehen wurde. Auch das ist dann freilich keine authentische Liebe und führt bei meinen eigenen Kindern vermutlich erneut zu narzisstischen Reaktionsbildungen.

Das „Augenstern-Projekt“

Interessanterweise kommt Günther Jauch auf diese zweite Form der narzisstischen Reaktionsbildung selbst zu sprechen:

„Aber wenn Eltern ihr Kind als persönliches Glücksprojekt ansehen, wird das schwierig. Viele wollen ihren Kindern das zu Füßen legen, was ihnen selbst verwehrt geblieben ist. Wenn ich mit meiner Frau Eltern beobachte, die ihrem Kind jeden Wunsch erfüllen, gucken wir uns an und sagen: Schon wieder so ein Augenstern-Projekt. Da werden tendenziell kleine Tyrannen herangezogen“ (Jauch, S. 34).

Ich bin mir nicht sicher, ob der Begriff des Tyrannen hier gut gewählt ist. Aber was Jauch meint, lässt sich mit Alice Millers Überlegungen zur kompensatorischen Wunscherfüllung via Idealisierung der eigenen Kinder gut nachvollziehen.

Miller würde hier jedoch noch einen Schritt weiter gehen. Aus ihrer Sicht wäre der therapeutische Blick, den Jauch und seine Frau auf die Augenstern-Projekte befreundeter Ehepaare richten, auch auf Jauch selbst anzuwenden.

„Auf das Gleis geschubst“

Seiner eigenen Einschätzung zufolge war es Jauchs „größter beruflicher Glücksfall“ (S. 33), dass Thomas Gottschalk ihn einst „auf das Gleis geschubst (hat), auf dem ich heute fahre“ (Jauch, S. 33). Damit meint Jauch seine Medienkarriere, die ihm „eine neue Welt eröffnet hat“ (ebd.).

In dieser Welt der televisionären Wunschträume und Wunscherfüllungen stellt Günther Jauch in „Wer wird Millionär?“ jede Woche erneut das für ihn selbst vermutlich prägende „Drama des begabten Kindes“ (Miller) nach.

Dabei übernimmt er die Position der (eben nicht bedingungslos, sondern nur unter bestimmten Erfolgsbedingungen) liebenden Mutter, die mit ihren liebes-, geld- und anerkennungshungrigen Kindern ein manchmal durchaus grausames Spiel spielt.

Das Glück der Durchbrüche

Sowohl in Jauchs Privatsphäre als auch in seiner Show ist an die Stelle des anstrengungslosen und stillen Glücks, das Menschen kennen, die von ihren Eltern wirklich geliebt worden sind, „das Glück der Durchbrüche“ (Schulze, S. 33) getreten.

Sicherlich: es gibt diese schweißtreibende und disziplinorientierte Glücksform, und sie ist wichtig und bedeutsam. Aber es ist ein Symptom unserer narzisstisch sozialisierten Gesellschaft, dass Prominente wie Jauch diese Art von Glück verabsolutieren.

Der Trost der Mütter

Doch ein Trost bleibt am Ende der Lektüre. Sowohl der mediale Glücksbote als auch der wissenschaftliche Glücksforscher kommen zu guter letzt auf ihre Mütter zu sprechen. Und zwar beim Thema Religion.

So bekennt Jauch, dass es für ihn eine „große Hilfe“ ist, in Momenten der Krise mit einer „höheren Instanz“ zu kommunizieren, von der er weiß: „Die liebt mich, die sieht mich als einzigartig an, die hält ihre schützende Hand über mich und sieht einen Sinn in allem, was ich tue und was mir widerfährt“ (Jauch, S. 34).

Und Schulze erinnert sich am Ende des Gesprächs an einen Traum seiner Mutter, der beschreibt, wie es sich anfühlt zu glauben: „Sie träumte, sie liegt in einer großen Hand.“ (Schulze, S. 34)

Das Leben selbst schon Glück

Aus der Sicht von Alice Miller muss die Erfahrung unbedingter Liebe nicht ein Traum der Religion bleiben. Kinder haben ein Recht auf authentische Liebe. Denn ohne diese können sie auch später nicht spüren, dass das Leben selbst schon als Glück erfahren werden kann. Ganz ohne Anstrengung. In einfacher Präsenz. Ohne Trauma. Ohne Krieg.

Mike Sandbothe

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Das Gespräch, das Arnd Brummer (52, Redaktionsleiter und Geschäftsführer von Chrismon) und Nils Husmann (32, Fachredakteur bei Chrismon) mit Günther Jauch und Gerhard Schulze geführt haben, ist unter dem Titel “Glück ist anstrengend” auf der Homepage von Chrismon zugänglich.

June 5th, 2009

Na, Freundchen? Mark Zuckerberg hat das Internet-Netzwerk Facebook gegründet … (ZEITmagazin, in: Die Zeit, Nr. 23, 28.5.2009, S. 20-24)

Posted in Die Zeit by mike

Der Redaktionsleiter des ZEITmagazins, Christoph Amend (35), und der ZEIT-Wirtschaftsredakteur Götz Hamann (40) haben in Berlin ein Gespräch mit Mark Zuckerberg (25) geführt, dem Gründer und Vorstandsvorsitzenden von Facebook. Für die Publikation haben die beiden Journalisten nicht die Form des Interviews gewählt, sondern aus ihrem Treffen mit Zuckerberg einen dreiseitigen Kurzessay gebastelt. Darin denken sie darüber nach, ob sich mit dem Freundschaftsnetzwerk in Zukunft viel Geld machen läßt und was Zuckerberg ganz privat eigentlich für ein Mensch ist.

Wenn George Orwell das wüßte!

Irgendwie hat mir Mark Zuckerberg leid getan beim Lesen. Die beiden journalistischen Profis Amend und Hamann gehen ganz schön frech mit ihm um. Das beginnt schon beim Titel (“Na, Freundchen?”) und bei der Vorstellung: “Mark Zuckerberg ist Jahrgang 1984. Wenn George Orwell das wüßte!” (S. 22) Dann machen sie sich darüber lustig, dass er beim Foto-Shooting für die ZEIT-Geschichte nicht recht wußte, welche Klamotten er aus dem mitgebrachten Fundus des ZEIT-Fotografen am liebsten anziehen möchte. Was ist daran so schlimm? Und wen interessiert’s?

Offensichtlich hatte auch Zuckerberg selbst so seine Probleme mit den ZEIT-Redakteuren, z.B. wenn die beiden sich fragen: “Wer ist dieser Junge im Anzug? Wie würde er sich selbst jemandem beschreiben, der ihn nicht kennt?” Dazu Zuckerberg: “Warum stellen Sie mir so eine psychologisierende Frage zu meiner Person?” Aber die Professionellen haken nach: “Kann es sein, dass er nicht gerade dazu neigt, allzu viel über sich selbst nachzudenken?” Darauf einer der Berater, die Mark beim Gespräch begleiten: “Doch, doch, das tut er! Aber das bleibt privat.” (S. 22)

Der Wegweiser geht nicht den Weg, den er weist

Womit wir beim Thema wären. Martin Heidegger hat einmal auf die Frage, ob er seine Philosophie auch selbst persönlich lebe, geantwortet: “Der Wegweiser geht nicht den Weg, den er weist.” Genau damit haben die beiden Journalisten in Sachen Zuckerberg offensichtlich ein Problem.

Sie sind, wie es scheint, der Ansicht, dass ein Mensch, der die interaktive Veröffentlichung des Privaten mit Facebook (im wahrsten Sinn des Wortes) zum “Programm” gemacht hat, keine Geheimnisse mehr haben dürfe. Schon gar nicht im Gespräch mit zwei ZEIT-Journalisten. Hier ihr Argument: “Wenn es aber wirklich stimmt, was Mark Zuckerberg sagt, dass Privates heute längst öffentlich ist und dies kaum noch ein Problem darstellt, dann müsste das auch für Mark Zuckerbergs Leben zutreffen.” (S. 23)

Nächste Frage bitte!

Bekanntlich läßt sich Frechheit immer noch ein bisschen steigern. Und so richtig unschön wird es dann auch eigentlich erst in der folgenden Passage:

“Mister Zuckerberg, Sie haben, so ist zu lesen, seit über zwei Jahren eine Freundin. Ein Reporter der Internet-Klatschseite TMZ hat Sie beide gefilmt, als Sie kürzlich ein Restaurant besuchten und… Ein Berater unterbricht uns: ‘Meine Herren, Sie wollen doch mit Ihren Fragen nicht wirklich so weitermachen, wie Sie das gerade tun.’ Es geht uns um die Frage von Privatleben und Öffentlichkeit. Wie schützen Sie Ihre Privatsphäre? Er lacht, sieht verlegen zu seinen Beratern, einer antwortet für ihn: ‘Indem wir sie privat halten. Nächste Frage bitte.’” (S. 23)

Mit dieser gut nachvollziehbaren Reaktion ist für Amend/Hamann freilich nur der finale Beweis erbracht: “Ausgerechnet der Junge, der Millionen Menschen miteinander verbindet, schottet sich selbst von der Welt ab.” (S. 23)

Versuch’s mal mit Freundschaftlichkeit!

Ist das Aufklärung oder einfach nur journalistische Unverschämtheit? Ich weiß es nicht. Jedenfalls ist es keine gesunde Kommunikation. Und schon gar keine freundschaftliche. Denn das wäre ja auch eine Möglichkeit gewesen mit Zuckerberg – dem Gründer eines 200 Millionen Menschen starken Freundschaftsnetzwerks, zu dessen Mitgliedern auch Hamann gehört – in Kontakt zu treten: in aller Freundschaft. Warum sollte man nur im Internet mit freundschaftlicher Kommunikation Erfolg haben und nicht auch im ZEITmagazin?

Doch das Thema Freundschaft hat in diesem Essay einen anderen Ort. Dazu die beiden Autoren: “Auf die entscheidende Frage gibt es bis heute keine definitive Antwort: Wie kann man mit der genialen Kommunikationsidee so viel Gewinn machen, dass es sich lohnen würde, Facebook an die Börse zu bringen? Oder lässt sich mit Freundschaft am Ende doch nicht genug Geld verdienen.” (S. 24) Vermutlich nicht. Aber wieso ist das überhaupt so wichtig?

Mike Sandbothe

Der Artikel von Christoph Amend und Götz Hamann ist auf der ZEIT-Homepage online zugänglich und zwar unter dem Titel “Na, Freundchen? Mark Zuckerberg hat das Internet-Netzwerk Facebook gegründet und 200 Millionen Menschen dazu gebracht, ihr Privatleben öffentlich zu führen. Wie offen ist er selbst?

February 26th, 2009

Unser Gott, die Quote (Die Zeit, 9/2009, 19. Februar 2009, S. 13-17

Posted in Die Zeit by mike

In ihrem vierseitigen Dossier geben die beiden Zeit-Journalisten Stephan Lebert (47) und Stefan Willeke (44) eine nicht wirklich überraschende Antwort auf die medienphilosophische Gretenfrage der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts: “Warum ist das Fernsehen nicht besser?” (Titelseite, Die Zeit, 9/2009) “Unser Gott, die Quote” – es ist dieses immer wiederkehrende Mantra vieler ProgrammdirektorInnen, welches dazu führt, dass im Zweifelsfall die Quantität über die Qualität siegt. Und der Zweifelsfall ist in den Redaktionen längst zum Alltag geworden. Nicht nur bei den privaten Sendern, sondern auch im öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Ein medienpolitischer Staatsstreich?

Dass die Privaten den audience flow immer im Auge behalten müssen, ist strukturell bedingt. Sie leben von den Werbeeinahmen. Aber warum äffen die Öffentlich-Rechtlichen den privaten Quotenwahn nach? Sich diese Frage so zu stellen, grenzt für viele öffentlich-rechtliche FernsehmacherInnen schon an einen medienpolitischen Staatsstreich.

Die Argumentation von Lebert/Willeke ist einfach und klar. ARD und ZDF haben im Jahr 2008 zusammen acht Milliarden Euro eingenommen; davon stammen sieben Milliarden aus “Zwangsgebühren” (S. 14). Diese Gelder sind von der Konjunktur weitgehend unabhängig. Sie haben den Sinn und Zweck, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk vom Marktmechanismus ein Stück weit freizustellen, damit er seinem kulturpolitischen Auftrag nachkommen kann.

Dieser lautet gemäß Staatsvertrag für Rundfunk und Telemedien (1991/2008; Paragraf 11, Absatz 2): “Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten haben in ihren Angeboten der Bildung, Information, Beratung und Unterhaltung zu dienen. Sie haben Beiträge insbesondere zur Kultur anzubieten” (S. 13). Wie kommt es, so fragen die Autoren, dass nicht nur bei den TV-MacherInnen, sondern auch in der Bildungs- und Kulturpolitik “der Sinn dieses Massenmediums in Vergessenheit geraten” (S. 13) ist?

Das Interessante an ihrer Antwort besteht in der pragmatistischen Art und Weise, wie Lebert und Willeke vor Augen führen, dass es sich beim Fernsehen nicht einfach um ein abstraktes “System” (Luhmann) handelt, das einer unveränderlichen Logik folgt, sondern um Menschen in Redaktionen, die auf diese oder jene Weise fühlen, denken und handeln. Die beiden Medienjournalisten zeichnen in ihrem Dossier Portraits und skizzieren Psychogramme von Personen, die Verantwortung tragen und damit so oder so umgehen können.

Bloß keine Brüche!

Thomas Bellut, zum Beispiel, trohnt im 14. Stock des ZDF-Hochhauses am Mainzer Lerchenberg hoch über den Dingen. Er ist Programmdirektor und damit Chef von 3600 ZDF-MitarbeiterInnen. Seine “Philosophie einer Fernsehwoche” (S. 14) dreht sich um “Schlüsselwörter” wie “Gefühle, Familie, Frauen, Schmonzette und Krimi” (S. 14).

Der Mann glaubt an die magische Kraft der Unterhaltung. Seiner Auffassung zufolge besteht sie darin, die Massen ans “Programm” (S. 14) zu binden. Erst in einem zweiten, dritten oder vierten Schritt dürfen diese dann – ganz vorsichtig und in homöopathischen Dosen! – auch einmal mit kulturpolitisch relevanten Substanzen in Kontakt kommen. Aber, um Gottes willen, nicht zuviel davon! Das könnte “den Flow” unterbrechen. “Bloß keine Brüche!” (S. 14)

“Die Quote macht süchtig!” (S. 14) – sagen viele im Fernsehgeschäft. Volker Herres, oberster Programmorganisator der ARD (23.000 MitarbeiterInnen), machte sich “als politischer Journalist (…) einen Namen, war für die Sendung Brennpunkt (…) mitverantwortlich. Jetzt sitzt er in seinem Zimmer im Münchner ARD-Haus und rutscht auf seinem schwarzen Ledersofa hin und her. Nur die Einschaltquoten, die über dem Fernsehapparat in seinem Büro laufen, geben seinem suchenden Blick einen gewissen Halt” (S. 17).

Auch der ZDF-Boss Bellut war mal ein richtiger Journalist, bevor er sich selbst dazu verdammte, “Qualität [zu] organisieren” (S. 14). Man kann verstehen, dass sich viele wirklich gute (Ex-)JournalistInnen nicht in diese Ämter begeben wollen. Das ist ähnlich wie in der Politik. Und doch: auch als Chef hat man Handlungsspielräume!

So hofft der WDR-Chefredakteur Jörg Schönenborn, dass die Wirtschaftskrise dazu beitragen möge, dass sich “die ARD wieder vom Nutzen des Journalismus überzeugen” (S. 17) lässt. Noch quoten-ketzerischer formuliert seine Intendantin Monika Piel: “Ich könnte auch gut damit leben, wenn das Erste bei den Marktanteilen auf Platz zwei oder Platz drei stehen würde” (S. 17).

Viele andere RedakteurInnen wollen nicht offen sprechen und nicht namentlich genannt werden. Die Agression gegen die Quotengötzen hat sich bei ihnen selbstquälerisch und fatalistisch nach innen gewendet: “Hauen Sie in der Zeitung ruhig auf uns ein. Was anderes hilft uns nicht mehr” (S. 15). Eine Art letzter Aufschrei des gesunden Menschverstandes gegen die “Sprache der Planungsherrlichkeit” (S. 17)! Denn “das Mischpult der Nation” (S. 17) – Volker Herres – “redet über das Fernsehen wie über ein Naturgesetz” (S. 17).

Quotensucht als Krankheitsbild

Tatsächlich könnte ein ausgefuchster Psychiater oder eine findige Psychotherapeutin auf die Idee kommen, hier ein neues Krankheitsbild zu definieren. Und zwar ein professionenspezifisches: Quotensucht bei FernsehmacherInnen! Das ist durchaus ernst gemeint. Liest man das Dossier der beiden Zeit-Journalisten cum grano salis, kommt es einem tatsächlich so vor, als ob hier bei einigen Verantwortlichen auf der psychodynamischen Ebene etwas schiefläuft.

Die wirklich paradigmatischen Fälle wären dann vermutlich in den Programmdirektionen der privaten Fernsehunternehmen zu finden: “Rüdiger Schawinski, ehemaliger Chef des privaten Senders Sat.1, beginnt noch heute seinen Tag damit, die Quoten anzuschauen, obwohl es ihm schon lange egal sein könnte” (S. 14). Und “der erfolgreiche Produzent Oliver Berben lässt sich immer schon nachts um drei die Quoten mailen, wenn einer seiner Filme am Abend vorher lief” (S. 14).

Neben den vielen Psycho-Studien, die mittlerweile zum Thema “Internet-, Computer- und Spielesucht von Jugendlichen” vorliegen, wäre der wissenschaftliche Blick auf die professionellen Deformationen der verschiedenen Leistungseliten sicherlich auch mal ein paar Forschungsmillionen wert! Die Quotensucht der FernsehmacherInnen würde dann zusammen mit der pathologischen Gier von BankmanagerInnen und dem WählerInnenstimmenwahn unserer PolitikerInnen einen wichtigen Platz im ICD (International Classification of Diseases) einnehmen. Am Ende gäbe es vielleicht sogar wirksame Therapien. —- Und das Fernsehen würde womöglich: besser. Warum eigentlich nicht?

Mike Sandbothe

Das Zeit-Dossier von Stephan Lebert und Stefan Willeke ist als Volltext unter dem Tiel “Unser Gott, die Quote” auf Zeit-Online zugänglich.