Mike's Media Diary

Archive for the Der Spiegel category

August 10th, 2009

Kinder der Angst (Der Spiegel, Nr. 32, 3.8.2009, S. 38-48)

Posted in Der Spiegel by mike

Die SPIEGEL-Redakteurin Kerstin Kullmann (30) plädiert “für mehr Gelassenheit in der Erziehung”(SPIEGEL-Titelseite).

Wie wenige Tage zuvor schon ihre ZEIT-Kollegin Tanja Stelzer (38) – vgl. den entsprechenden Mediary-Kommentar vom 4. August 2009 – diagnostiziert auch Kullmann in ihrer 10-seitigen SPIEGEL-Titelstory eine zunehmende Hilflosigkeit der aktuellen Elterngeneration.

Expertenwissen statt Eigenerfahrung

“Die neuen Eltern hören nicht mehr auf ihr Bauchgefühl. Sie misstrauen ihrem Instinkt. Mit Hilfe von Ratgebern und Ärzten überprüfen sie stattdessen, ob sie fachgerecht handeln” (S. 42).

Ähnlich wie Stelzer für die ZEIT befragte auch Kullmann für den SPIEGEL Ärzte, Historiker, Pädagogen und Therapeuten. Anders als diese jedoch recherchierte sie darüber hinaus “in Krabbelgruppen und Geburtsvorbereitungskursen, auf Spielplätzen und in Kinderkliniken” (SPIEGEL-Hausmitteilung, S. 3)

Sie praktizieren, was sie beklagen

Beide Autorinnen beklagen den Sachverhalt, dass in unserer Gesellschaft das Expertenwissen zunehmend an die Stelle der eigenen Erfahrung, die Autorität des fremden Kopfes zunehmend an die Stelle des eigenen Gefühls getreten sei.

Mein Eindruck bei der vergleichenden Lektüre der beiden Artikel: Die zwei journalistischen Profis praktizieren über weite Strecken genau das, was sie beklagen.

Die neuen Journalistinnen hören nicht mehr auf ihr Bauchgefühl

Oder in freier Anlehung an Kullmann (und daher begrifflich etwas überpointiert) formuliert:

Die neuen Journalistinnen hören nicht mehr auf ihr Bauchgefühl. Sie misstrauen ihrem Instinkt. Mit Hilfe von Expertengesprächen und Spielplatzrecherchen überprüfen sie stattdessen, ob sie fachgerecht publizieren.

Muttererfahrungen

Während Stelzer in der ZEIT immerhin an zwei Stellen ihres Artikels auf ihre eigenen Lebenserfahrungen als Mutter Bezug nimmt, findet sich in dem SPIEGEL-Beitrag von Kullmann keinerlei Referenz auf ihre persönlichen Erfahrungen.

Den einzigen Bezug auf die Mutterschaft der Autorin stellt die SPIEGEL-”Hausmitteilung” her. Diese ist als vertiefender Wegweiser dem Inhaltsverzeichnis des SPIEGEL vorangestellt, hat also einen sehr prominenten Platz im Blatt.

Das Geschrei hört irgendwann von allein auf

Dort wird berichtet, dass “Kullmann, Mutter eines Zweijährigen (…) für manche überforderte Eltern (…) sogar selbst zur Beraterin wurde.”

Dazu wird Kullmann im O-Ton zitiert: “Als mich eine Mutter fragte, ob Fencheltee ihren brüllenden Säugling wirklich beruhige, konnte ich nur sagen: ‘Das Geschrei hört irgendwann von allein auf.’ Das stand in keinem Buch, aber sie war damit hochzufrieden” (S. 3).

Schwarze Pädagogik

Tatsächlich steht so etwas heute in keinem guten Buch mehr.

Aber in Zeiten der schwarzen Pädagogik gehörte es durchaus zum Repertoire der Ratgeberliteratur, dass Kinder sich ausschreien müssen und es daher wichtig ist, dass die Mutter möglichst früh eine emotionale und räumliche Distanz zu ihrem Baby aufbaut.

Was Kullmann als ihr Bauchgefühl empfindet, ist vermutlich das Produkt eines Ratgeberwissens, das durch praktische Umsetzung über Generationen hinweg zur Erfahrung geronnen ist und heute mit gutem Recht als veraltet gilt.

Gedanken machen Bauchschmerzen

Damit bin ich bei einem begrifflichen Grundproblem von Kullmanns Artikel. Ihr Vokabular ist von der polaren Gegenüberstellung zwischen Bauch und Kopf, Gefühl und Gedanke, Erfahrung und Wissen geprägt. Dieser abstrakte Gegensatz ist alles andere als erfahrungsgesättigt.

Wenn wir einmal in uns selbst hineinspüren, stellen wir fest, dass Kopf und Bauch im Regelfall eng miteinander verbunden sind. Bestimmte Gedanken machen mir Bauchschmerzen. Und wenn ich hungrig bin, habe ich andere Gedanken als wenn ich satt bin, wenn mir übel ist, andere als wenn ich mich wohl fühle.

Das Nullgefühl

Das gleiche gilt für das Verhältnis von Gefühl und Gedanke. Kein Gedanke, der nicht auch mit einem Gefühl verbunden wäre.

Selbst die Bedeutung eines so abstrakten Gedankenzeichens wie “0″ oder “1″ löst emotionale Assoziationen in uns aus. Beim Zahlzeichen “0″ assoziere ich zum Beispiel das Gefühl von Mangel, von Leere, von Stillstand, aber auch von Neubeginn.

Freude als Freude und Wut als Wut

Und andersherum ist es so, dass die meisten Gefühle nicht gedankenlos sind.

Denn schon in dem Moment, in dem ich meine Freude als Freude oder meine Wut als Wut identifiziere, bringe ich diffuse Empfindungen auf einen Begriff.

Man könnte sogar sagen, dass ein in aller Tiefe als es selbst empfundenes Gefühl immer auch eine ganzheitliche Beteiligung meines Denkens im Fühlen voraussetzt.

Wissens- statt Erfahrungsgesellschaft

Ähnlich ist es um das Verhältnis von Erfahrung und Wissen bestellt. Erfahrung ohne Wissen ist blind, Wissen ohne Erfahrung leer.

Andreas Rödder, Professor für Neuere Geschichte an der Uni Mainz, hat Kullmann in einem Expertengespräch wissen lassen: “Die Eltern geben nichts mehr auf ihre eigenen Erfahrungen. Gar nichts. Auch ohne Kind – aber besonders mit. Der Wert unserer Erfahrungen sinkt. Wir sind eine Wissens- und keine Erfahrungsgesellschaft mehr” (S. 42).

Probleme mit dem Vokabular

Auch der Geschichtswissenschaftler hat offensichtlich seine Probleme mit dem Vokabular.

Einerseits formuliert er vorsichtig und in Graden: “Der Wert unserer Erfahrungen sinkt.” – Das ist verständlich. Denn wir befinden uns mitten in einem Prozess globaler Transformation, der Kultur, Medien, Politik und Wirtschaft umfasst.

Andererseits neigt auch Rödder zur begrifflichen Polarisierung: “Die Eltern geben nichts mehr auf ihre eigenen Erfahrungen. Gar nichts.” – Das ist fraglos überspitzt. Ein Mensch, der nichts mehr auf seine eigenen Erfahrunge geben würde, wäre vermutlich nicht lebensfähig. Und Wissen, das nicht auf Erfahrungen beruht, ist kein Wissen.

Die Mischung macht’s

Gerade in Phasen historischer Transformation ist es sinnvoll und hilfreich, das Verhältnis von Bauch und Kopf, Gefühl und Gedanke, Erfahrung und Wissen nicht immer nur in der strengen Logik des “Entweder-Oder”, sondern auch einmal im entspannten Vokabular des “Sowohl-Als-Auch” zu formulieren.

Abstrakte Wesensfragen nach dem Muster “Ist das Erfahrung oder Wissen?” lassen sich so in liberalere Fragen nach Graden und Mischungsverhältnissen umformulieren: “Wieviel Erfahrung mischt sich mit wieviel Wissen?

Die Elternschaft meiner Eltern

Wenn ich auf mich selbst als werdenden Vater schaue, stelle ich fest, dass bei mir tatsächlich das Verhältnis von Erfahrung und Wissen ein anderes ist als noch bei meinen Eltern.

Natürlich haben auch meine Eltern schon Erziehungsratgeber gelesen. Aber es gab noch kein Fernsehen und kein Internet. Der Wissensanteil meines sich entwickelnden Vatergefühls ist fraglos höher als er es bei meinem Vater war als ich 1961 geboren wurde.

Kullmanns relatives Recht

In dieser Veränderung der Mischungsverhältnisse liegt das relative Recht von Kullmanns Artikel.

Aber muss diese graduelle Verschiebung tatsächlich dazu führen, dass Eltern – wie Kullmann unterstellt – “aufhören, ihren gesunden Menschenverstand zu benutzen?” (S. 42)

Bescheidwisserei unter Deutschlands Eltern

Schärfer formuliert: Ist es angesichts der aktuellen Transformationsdynamik angemessen, sich über zunehmende “Bescheidwisserei unter Deutschlands Eltern” (S. 42) zu beklagen?

Mehr noch: Ist es angemessen, sich über Lisa Mohr (23) lustig zu machen, die “einen Zahnpflege-, einen Ernährungs- und einen Babykochkurs” (S. 42) besucht, obwohl – wie Kullmann bissig bemerkt – “ihre Tochter weder Zähne im Mund noch jemals Brei gegessen hat”?

Anti-Ratgeber als höchste Autorität

Worauf will die Autorin eigentlich hinaus? Interessanterweise zieht sie ihr Fazit mithilfe desselben “Anti-Ratgebers” (S. 47), der auch schon in Stelzers ZEIT-Artikel als höchste Autorität auftrat.

Remo Largo hat als Arzt und Professor 35 Jahre lang die Abteilung Wachstum und Entwicklung des Zürcher Kinderspitals geleitet. In der begrifflichen Welt von Kullmann steht er deshalb für den Pol der Erfahrung.

Man kann gar nichts machen

Largos Leitsätze lauten: “Nichts kann das Kind in seiner Entwicklung beschleunigen. Und nichts kann das Kind in seiner Entwicklung verbessern” (S. 47). In Kullmanns Reformulierung wird daraus: “Alles wird gut. Man muss gar nichts machen. Man kann gar nichts machen” (S. 47).

Das erscheint mir wie eine Überreaktion auf das von Kullmann zurecht kritisierte “Rattenrennen ums Superkind” (S. 47). Die beste Alternative zur Selbstüberforderung ist nicht notwendig die Resignation. Insgeheim weiß die Autorin und Mutter das auch selbst.

Emotionalität, Stabilität, bedingungslose Zuwendung

Denn obwohl der bereits zitierte Historiker Andreas Rödder meint: “Emotionalität, Stabilität, bedingungslose Zuwendung. Alles überhaupt nicht mehr zeitgemäß” (S. 42f). So gilt laut Kullmann doch: “Väter und Mütter müssen diese Werte verteidigen in einer Gesellschaft, in der sie schnell als gefühlsduselig und verbohrt gelten” (S. 43).

Ich hätte mich gefreut, wenn die Autorin von dieser Einsicht in ihrem Artikel mehr Gebrauch gemacht hätte.

Eine demokratische Balance

Sowohl Kerstin Kullmanns SPIEGEL-Titelstory als auch die ZEIT-Covergeschichte von Tanja Stelzer zeigen, wie schwer es ist eine demokratische Balance zu finden zwischen den professionellen Standards journalistischer Magazinarbeit und dem Erfahrungswissen eigener Elternschaft.

Zukünftige Autorinnen und Autoren können aus beiden Texten sicherlich vieles lernen. Im Guten wie im Schlechten.

Mike Sandbothe

—-

Der Artikel von Kerstin Kullmann ist unter dem Titel “Kinder der Angst” als Volltext auf SPIEGEL-Online zugänglich.

February 24th, 2009

“Der Körper vergisst nicht” (Der Spiegel, Nr. 9/2009, 21.2.09, S. 46-48)

Posted in Der Spiegel by mike

Die beiden Spiegel-RedakteurInnen Ulrike Demmer und Alfred Weinzierl interviewen den Leiter der Abteilung für Psychotherapie und Psychosomatik der Psychiatrischen Universitätsklinik München, Professor Dr. Michael Ermann (65). Thema: die seelischen Spätfolgen (Traumatisierungen), die bei Menschen auftreten, die zur Zeit des Zweiten Weltkrieges im Kindesalter waren. Damit verbunden die Frage nach den Folgen, die sich darüber hinaus auch noch bei den “Kinder[n] der Kriegskinder” (S. 48) finden. Damit ist die Generation derjenigen gemeint, die jetzt zwischen 30 und 50 Jahre alt sind und deren Eltern im Krieg aufwuchsen.

Hart wie Krupp-Stahl

Fraglos ein wichtiges, aber (trotz Alice Miller) noch immer etwas unterbelichtetes Thema! Bei der Lektüre ist mir vor allem die latente Aggressivität und eigenartige Gefühlslosigkeit (Unachtsamkeit) einiger Fragen aufgefallen, die Demmer und Weinzierl Ermann stellen. Diese Eigenschaften lassen sich meines Erachtens nicht allein durch die professionalisierte Polemik erklären, die für eine bestimmte Form von journalistischer Rhetorik im “Spiegel” manchmal (aber zum Glück nicht immer) charakteristisch ist. Hier ein paar Beispiele:

1) “Sie wollen behaupten, dass Babys und Kleinkinder von solchen Kriegsgeschehnissen nachhaltig beeinflusst werden?”
2) “Wie hoch ist denn unter den Kriegskindern der Anteil derer, die ein Trauma mit sich herumschleppen?”
3)”Hart wie Krupp-Stahl, zäh wie Leder – nach diesen Leitbildern sind viele Kriegskinder erzogen worden. Ist es derart von Verdrängung geprägten Menschen überhaupt möglich, sich später mit dem eigenen Seelenleben auseinanderzusetzen?”
4)”Was ist daran [,dass die Mütter im Krieg ihre Söhne zum Familienoberhaupt und ihre Töchter zur Vertrauten und Freundin gemacht haben - M.S.] so schlimm? Stärken solche Erfahrungen nicht die Persönlichkeit?”
5)”Wann werden die Deutschen das Trauma denn endlich überwunden haben?”
6) “Eltern geben ihre traumatischen Erfahrungen als Kriegskind über die Erziehung weiter?”
7) “Die Kriegskinder sind heute 64 Jahre oder älter. Ist es für sie überhaupt noch sinnvoll, sich mit den Erlebnissen von einst zu beschäftigen?”

Nimmt man die letzte Frage und die Fragen 3-5 gemeinsam in den Blick, fällt auf, dass die beiden JournalistInnen darin versuchen, gewissermaßen stellvertretend für die Kriegskinder (und vermutlich als Mitglieder der Kriegsenkelgeneration) die Sache herunter zu spielen. Die Fragen 3 und 7 folgen dem gleichen (etwas perfiden) Schema einer Relativierung durch Überhöhung: Sind die entstandenen Traumatisierungen nicht so groß bzw. die Traumatisierten schon so alt, dass eine Befassung mit den Traumen sinnlos und überflüssig ist? Die Fragen 4 und 5 realisieren eine andere Verdrängungsstrategie. In Nr. 4 versuchen die JournalistInnen den Traumatisierungen ihren traumatischen Charakter abzusprechen und in Nr. 5 beschwören sie die Hoffnung auf eine schnelle Überwindung der Traumen.

Zusammengefasst haben die JournalistInnen also die folgenden “polemischen” Fragen gestellt: Kann es nicht sein, dass die Traumen einfach zu groß waren, um sie überhaupt wahrnehmen zu können? Oder kann es nicht sein, dass die Traumatisierten längst zu alt sind, um sich damit noch sinnvoll zu beschäftigen? Oder waren die Traumen vielleicht gar keine Traumen und alles war nur halb so schlimm oder sogar hilfreich für die Ausbildung der Persönlichkeit? Und wenn es doch Traumen gibt, kann man die nicht irgendwie schnell überwinden?

Vor diesem Hintergrund erscheinen die Fragen 1,2 und 6 in einem veränderten Licht. In den Fragen 1 und 6 tritt eine gespielte Naivität zutage, die sich manchmal wie Ignoranz anfühlt, vermutlich aber mit dem Wunsch nach Aufrechterhaltung der Verdrängung zu tun hat. Das wollen Sie wirklich behaupten? Dass es Kindern nicht gut getan hat, im Krieg aufzuwachsen! Das wollen Sie behaupten? Und dann meinen Sie auch noch ernsthaft, dass diese Kriegskinder ihre Traumen an ihre eigenen Kinder über die Erziehung weiter gegeben haben? Das kann doch wohl nicht wahr sein, dass Sie das behaupten wollen!

Göttliche Klima-Affen

Natürlich ist es sinnvoll in einem Interview kritisch zu sein und grundlegende Fragen zu stellen. Aber dabei gibt es Gradunterschiede, Argumentationsanforderungen und Kontextsensibilitäten: Wie sinnvoll wäre es zum Beispiel, heute noch einen Evolutionsbiologen verwundert zu fragen, ob er wirklich glaubt, dass wir vom Affen abstammen (und nicht von Gott geschaffen wurden)? Wie sinnvoll wäre es, eine Klimaforscherin scheinbar irritiert zu fragen, ob sie wirklich meint, dass “global warming” ein wissenschaftliches Faktum ist (und nicht eine Medienerfindung)?

Wenn man als WissenschaftsjournalistIn den Stand einer Wissenschaft kennt, operiert man im Normalfall auf der Basis eines anerkannten Konsenses und versucht den LeserInnen die Bedeutung dieses Konsenses für ihr Alltagsleben in einfachen Worten zu erläutern. Dabei lassen sich durchaus kritische Detailfragen stellen. Aber wenn man darüber hinaus Grundlagenkritik üben möchte – also den anerkannten Wissensstand selbst in Frage stellen will! – sollte es dafür gute Gründe geben, die mit zu thematisieren sind. Solche Gründe nennen Demmer und Weinzierl jedoch nicht. Sie polemisieren nur.

Als Beispiel für eine wissenschaftsjournalistische Detailfrage, die den Wissensbestand der Traumatisierung grundsätzlich anerkennt und auf dieser Basis dann genauer nachfragt, darf die Frage Nr. 2 gelten. Sie lautet: “Wie hoch ist denn unter den Kriegskindern der Anteil derer, die ein Trauma mit sich herumschleppen?” Aber auch hier klingt das Verdrängungsinteresse der JournalistInnen durch. Und zwar in dem provozierenden und sogar ein wenig demütigenden Wort “herumschleppen”.

Wenn man sich die psychischen Schrecken und physischen Qualen vergegenwärtigt, mit denen Kriegskinder und Kriegsenkel umzugehen haben, tritt in dieser Formulierung ein Mangel an Respekt gegenüber dem Leiden der Betroffenen hervor. Ein äußerlicher Mangel an Respekt, in dem sich vielleicht sogar ein innerer Mangel an Akzeptanz angesichts des eigenen Schicksals spiegelt, durch das die beiden JournalistInnen möglicherweise ihrerseits gezeichnet sind, sofern sie selbst zur Generation der deutschen KriegsenkelInnen gehören sollten.

Fremd im eigenen Leben

Über das Alter der beiden Interviewenden (oder gar ihren Lebensweg) erfährt man im Artikel (und in anderen herangezogenen Quellen) nichts; während das Alter und der Lebensweg des Interviewten mehrfach erwähnt und immer wieder argumentativ ins Gespräch einbezogen werden. Das spricht für die psychische Offenheit des Psychologieprofessors, der sogar seine eigene Berufswahl mit traumatischen Erfahrungen in Zusammenhang bringt, die er selbst als Kind im Krieg machen musste.

Zur Verteidigung der “journalistischen” Fragetechniken kann man anführen, dass die beiden FragenstellerInnen mit ihrer Respekt- und Gefühlslosigkeit (gegenüber anderen und gegenüber sich selbst) schlicht und einfach dem Common Sense entsprechen. Die polemischen Verdrängungsverfahren, die Demmer und Weinzierl bewußt oder unbewußt einsetzen, erscheinen dann als repräsentativ für diejenigen Gewohnheiten, die sich bei vielen Betroffenen im Umgang mit dem Thema eingeschliffen haben und von Ermann untersucht werden.

Mit Blick auf die Kriegskinder schreibt der Münchner Psychologe: “Heute, als Erwachsene, haben diese Menschen Schwierigkeiten, die eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen, das eigene Leid überhaupt zu erkennen” (S. 47). Und in Bezug auf die Kriegsenkel fährt er fort: “Die Kinder der Kriegskinder fühlen sich oft genauso fremd im eigenen Leben wie ihre Eltern und nehmen den eigenen Kummer, die eigenen Bedürfnisse nicht ernst” (S. 48).

Medien-Therapie?

Damit komme ich zuguterletzt auf eine medienphilosophische Frage zu sprechen. Dürfen oder sollen Medien therapeutisch sein? Sollen sie den Menschen helfen, sich selbst mehr zu achten und zu spüren, respektvoller mit sich und anderen umzugehen und in the long run vielleicht sogar ein glücklicheres Leben zu führen? Oder sind Medien nur dazu da, den Status quo, die aktuelle Situation möglichst wahrheitsgetreu wiederzugeben? Reine Beschreibung der Verhältnisse oder Therapie und Veränderung der Wirklichkeit? Was ist die Aufgabe von Medien heute?

Meines Erachtens sind wir im 21. Jahrhundert auf dem Weg zu einem “pragmatistischen” Medienverständnis. Damit ist eine Praxis gemeint, in deren Rahmen Bild, Sprache, Schrift, Musik, Fernsehen, Radio, Presse und Internet zunehmend bewußter für die schrittweise Verbesserung demokratischer Lebensverhältnisse eingesetzt werden.

Desto globaler das Mediensystem sich entwickelt, um so zentraler wird seine demokratische Bildungsfunktion. Die drei großen globalen Krisen, die wir gegenwärtig erleben – die Finanz-, die Energie- und die Klimakrise – tragen mit dazu bei, dass immer mehr MedienunternehmerInnen einsehen, dass kurzfristige ökonomische Wachstums-Imperative allein die weltweite Zukunft der Demokratie nicht sichern können.

Im “Spiegel” schlägt sich dieser Prozess ebenfalls nieder. Das gilt zumindest teilweise auch für den hier von mir kommentierten Artikel. So fordert Ermann am Ende des Gesprächs dazu auf: “Man sollte versuchen, eine ‘positive Kriegskindheitsidentität’ zu entwickeln. Dazu ist es nie zu spät.” Das gilt vermutlich auch für die beiden JournalistInnen. Immerhin haben sie Ermann das letzte Wort gegeben, seine Message öffentlich gemacht und sich bei ihm freundlich bedankt. Weiter so!

Mike Sandbothe

——

Das Spiegel-Interview von Ulrike Demmer und Alfred Weinzierl ist als Volltext unter dem Titel “Der Körper vergisst nicht. Der Münchner Psychoanalytiker Michael Ermann im Gespräch (…)” auf Spiegel-Online zugänglich. Ein älteres Spiegel-Gespräch zum selben Thema und mit fast dem gleichen Aufmacher findet sich hier: “Der Körper vergisst nichts. Trauma-Therapeutin Luise Reddemann über die Spätfolgen von Kriegserlebnissen