Mike's Media Diary

Archive for the Der Spiegel category

February 23rd, 2011

SPIEGEL-Titel: “(Dr.) zu Guttenberg und die Wahrheit. Das Märchen vom ehrlichen Karl” (“Doktor der Reserve”, in: Der Spiegel, Nr. 8, 21.2.2011, S. 20-29)

Posted in Der Spiegel by mike

Die zentrale Frage, welche die zehn SPIEGEL-AutorInnen am Ende ihrer Titelstory stellen, lautet: “Was sagt das über einen Charakter, diese Bereitschaft zum Plagiat?” (S. 29)

Rollenspiel

Aus der Sicht von Thomas Darnstädt, Ulrike Demmer, Christoph Hickmann, Dirk Kurbjuweit, Martin U. Müller, Ralf Neukirch, Sarah Pangur, Rene Pfister, Michael Sauga und Markus Verbeet steht fest:

Die Rolle, die Guttenberg “bislang gespielt hat, kann er nicht mehr spielen” (S. 29).

Der große Andere

Das “Phänomen Guttenberg”, das war “der große Andere” (S. 27) der deutschen Politik.

Der charmante und scheinbar so authentische, glaubwürdige und tatkräftige Adelige war “Hoffnungsträger” (S. 27) und “Superstar” (S. 27) – “ein Mann, der anders sein will als die klassischen Berufspolitiker” (S. 27).

Rolle zerstört

“Diese Rolle wäre zerstört, und es ist fraglich, ob die Bevölkerung noch einmal bereit wäre, einem Politiker diese Rolle anzuvertrauen” (S. 29).

Das gleiche gilt wohl für die Medien.

Rücktritt angemessen

“Der Schaden für die Politik wäre immens, ein Rücktritt ist angemessen dafür” (S. 29).

So lautet die Schlussfolgerung der SPIEGEL-AutorInnen.

Die Hoffnung nicht aufgeben

Viele Menschen in Deutschland sind nach wie vor anderer Ansicht. Sie wollen die Hoffnung nicht aufgeben und Guttenberg nicht ziehen lassen.

Darauf gehen die SPIEGEL-AutorInnen nicht ein.

Als Stimmenfänger zu wertvoll

Statt dessen betonen sie das Interesse der Regierungsparteien an ihrer “Lichtgestalt” (S. 4): “als Stimmenfänger bislang zu wertvoll” (S. 29).

Der Verteidigungsminister hat die Rückendeckung von Seehofer und Merkel.

Mehr als 20 Prozent

Die Internetplattform Guttenplag.wikia.com führt das Ausmaß des Betrugs vor Augen.

Mehr als 20 Prozent von Guttenbergs Doktorarbeit erfüllen den Tatbestand des Plagiats.

Ein Abgrund an Schummelei

Der Leiter der SPIEGEL-Dokumentation spricht in der “Hausmitteilung” von einem “Abgrund an Schummelei” (S. 3).

In der Titelstory erläutern seine KollegInnen:

Eine Art Baukastenverfahren

“Guttenberg hat in seiner Doktorarbeit nicht nur vereinzelt Fremdautoren zitiert, ohne dies nach üblichem Verfahren in einer Fußnote auszuweisen. Vielmehr hat er sein Buch über viele Seiten absatzweise aus den Arbeiten anderer zusammenmontiert, nach einer Art Baukastenverfahren” (S. 23).

Die Sicht des Entdeckers

Die SPIEGEL-AutorInnen machen deutlich, was das für die Wissenschaft bedeutet.

Sie zitieren den Bremer Rechtswissenschaftler Andreas Fischer-Lescano, der Guttenbergs Plagiat als erster aufgedeckt hat:

Verrat an der Wissenschaft

“Dass eine solche Arbeit an einer angesehenen deutschen Universität mit der Bestnote bewertet wird, darf das Wissenschaftssystem nicht hinnehmen. Wenn das das letzte Wort ist, ist es ein Verrat an der Wissenschaft und an all den DoktorandInnen, die unter schwierigen familiären, finanziellen, lebens- und arbeitsweltlichen Umständen ihre Dissertationen schreiben und dabei seriös vorgehen” (S. 23).

Charakterfrage

Mittlerweile hat Guttenberg seinen Doktortitel zurückgegeben und in seiner Kelkheimer Wettertannenrede eingestanden, dass er “gravierende Fehler” gemacht hat.

Doch damit ist die Leitfrage des SPIEGEL-Artikels noch nicht beantwortet: “Was sagt das über einen Charakter, diese Bereitschaft zum Plagiat?” (S. 29)

Erheblich entspannter

Der SPIEGEL bezieht in dieser Frage eine klare Position: Aus und vorbei!

Doch, wie gesagt, viele Menschen sehen das erheblich entspannter.

Wie kommt das?

Das Image der Wissenschaft

Mit dem Image der akademischen Wissenschaft steht es nicht zum Besten.

In der Bevölkerung gibt es in diesem Zusammenhang die relativ weit verbreitete Ansicht, dass der Charakter eines Menschen nicht dadurch beschädigt wird, dass er sich in einem suspekt gewordenen System auf suspekte Weise qualifiziert hat.

Modell Guttenplag

Tatsächlich hat das Internet die Wissenschaft verändert.

Vermutlich wäre es ratsam, in Zukunft jede akademische Qualifikationsarbeit einer ähnlichen Prüfung zu unterziehen, wie es die freiwilligen HelferInnen auf Guttenplag.wikia.com exemplarisch getan haben.

Das wäre durchaus ein positives Ergebnis dieser unerfreulichen Affäre.

Brennende Frage

Doch es bleibt die aktuell brennende Frage:

Was wird aus Guttenbergs Amtsstellung als Minister und was aus seinem medial getriggerten Status als “Aspirant auf die Kanzlerschaft” (S. 27)?

Charakterbildung

Der Charakter eines Menschen wird durch Lebenserfahrung geformt.

Er besteht nicht nur aus Prägungen, sondern auch aus der Art und Weise, wie es einem Menschen gelingt, über die eigenen Prägungen hinauszuwachsen.

Wird Guttenberg das gelingen?

Schwarz-Weiß-Zeichnen

Die Medien neigen dazu, einen Charakter als Faktum zu präsentieren und dann entweder schwarz oder weiß zu zeichnen.

Auch der SPIEGEL tut das.

Vergebung möglich

GuttenPlag macht die akademischen Verfehlungen des amtierenden Ministers transparent.

Auf dieser Grundlage ist sowohl Anklage und Verurteilung als auch Vergebung möglich.

MIKE SANDBOTHE

Der SPIEGEL-Artikel “Doktor der Reserve” ist derzeit auf Scribd.com zugänglich.

January 25th, 2011

“Volk der Erschöpften” (Der Spiegel, Nr. 4, 24.1.2011, S. 114-122)

Posted in Der Spiegel by mike

In ihrer Titelstory klären die SPIEGEL-Redakteure Markus Dettmer, Samiha Shafy und Janko Tietz über “Burn Out” und “Depression” als neue “Massenleiden” (S. 116) auf.

Obskur

Sie orientieren sich dabei an den Erklärungsmustern und Behandlungsmethoden der modernen Psychiatrie, Psychologie und Psychobiologie.

“Naturheilkundler, die vor Psychotherapeuten warnen” (S. 121) und “Chakra-Therapeuten, die gleich die Energie des ganzen Kosmos bemühen” (S. 121) halten die  Journalisten demgegenüber für “obskur” (S. 121).

Das erschöpfte Selbst

Als Rahmenerzählung ihres Essays nutzen die SPIEGEL-Autoren unter anderem die kulturwissenschaftlichen Thesen von Alain Ehrenberg und Byung-Chul Han.

Ehrenberg ist Soziologe in Paris und der Ansicht, dass “das erschöpfte Selbst” zum Normalfall geworden sei, “weil viele Menschen es nicht schafften, ihre neuen Freiheiten und Wahlmöglichkeiten für ein glückliches Leben zu nutzen” (S. 117).

Effiziente Selbstausbeutung

Auch Han meint, dass sich “der Exzess der Arbeit und Leistung” im Zeitalter der Globalisierung “zu einer Selbstausbeutung verschärft” (S. 117).

Diese sei “effizienter”, weil sie “mit dem Gefühl der Freiheit einher geht” (S. 117).

Höchste Krankheitslast

Vor diesem Hintergrund versuchen Dettmer, Shafy und Tietz Antworten auf die Frage zu finden, wieso die Depression “in den reichen Ländern schon heute die höchste Krankheitslast durch verlorene Lebensqualität und verlorene Lebensjahre” (S. 116) verursacht.

Entgrenzung der Arbeit

Zu diesem Zweck erweitern die SPIEGEL-Autoren die kulturelle Rahmenerzählung um soziologische Beschreibungsmodelle wie das der “Gratifikationskrise” (S. 118), der “Entgrenzung der Arbeit” (S. 118) und der “Individualisierung der Gesellschaft”.

Unternehmens-Freiheit

Diesen Modellen zufolge liegt die Ursache für das neue Massenleiden nicht allein im Umgang  mit der eigenen Autonomie.

Darüber hinaus spielt die Freiheit eine zentrale Rolle, die sich Unternehmen in einer globalisierten Wirtschaftskultur nehmen, die von nationalen politischen Institutionen nicht mehr ausreichend kontrolliert wird.

Sache des Einzelnen

Im Ergebnis aber, so weiter die SPIEGEL-Autoren, bleibe es Sache des Individuums, wie es auf den verschärften Konkurrenzdruck in Alltag und Beruf, die Digitalisierung der Kommunikation und die fehlende Anerkennungskultur in Zeiten gesellschaftlicher Unsicherheit reagiert.

Gen-Aktivierung

Zur Erläuterung beziehen sich die Journalisten auf die Forschungsergebnisse des Psychobiologen Dirk Hellhammer.

Dieser “hält die umweltbedingte Aktivierung und Ausschaltung von Genen in den frühen Lebensjahren für den ‘mit Abstand wichtigsten Risikofaktor’ für spätere Stresserkrankungen” (S. 119).

Auf Dauerstress geeicht

Menschen, die besonders “sensibel auf Stress reagieren” (S. 119) tun dies Hellhammer zufolge deshalb, weil “die hormonellen Alarmsysteme zu früh auf Dauerstress geeicht werden” (S. 119).

Das wiederum sei “auf Stress der Mutter oder ein negatives Umfeld in der frühen Kindheit” (S. 119) zurück zu führen.

Und schon geht es besser

Das alles sind fraglos treffende Analysen. Und auch die Fallbeispiele, welche die SPIEGEL-Autoren bringen, dienen der Aufklärung über die moderne Erschöpfungsepidemie.

Da ist zum Beispiel die ehemalige Psychotherapeutin Barbara Kraus. Sie hat eine schwere Depression erlebt und konstatiert: “Dem Menschen geht es ja schon viel besser, wenn er ein Erklärungsmodell hat” (S. 120).

Was hat geholfen?

Hellhammer hat ihr geholfen. Er “diagnostizierte ein hormonelles Ungleichgewicht und empfahl ihr, Tyrosin zu schlucken” (S. 120).

Kraus “weiß nicht, ob es die Aminosäure war oder eher die Erklärung, die ihr half – oder vielleicht auch einfach die Zeit, der Abstand von ihrem früheren Hochgeschwindigkeitsleben” (S. 120).

Ernüchterung

Spätestens an dieser Stelle des Artikels wird deutlich, dass die Erklärungsmodelle und Beschreibungsformen, die es für die Depression gibt, heute erheblich weiter entwickelt sind als die Therapien.

Mal abgesehen davon, dass die auf die Burnout-Behandlung spezialisierten Kliniken “Wartezeiten von bis zu fünf Monaten” (S. 121) haben, ist das Ergebnis des üblichen “siebenwöchigen Aufenthalts” (S. 121) meist ernüchternd.

Zurück an den Anfang

So wirbt zwar der Chefarzt der Bad Bramstedter Schön Klinik damit, “die volle Leistungsfähigkeit der Patienten wiederherzustellen” (S. 122).

Aber dem von den SPIEGEL-Leuten interviewten Ex-Patienten Dieter Müller ging es nach seinem vollen Wiedereinstieg in den alten Job in Sachen Depression so:

“Nach zwei Wochen war ich wieder da, wo ich angefangen hatte” (S. 122).

Kein Einzelfall

Das ist kein Einzelfall.

Aus diesem Grund antwortet der erwähnte Chefarzt auf die SPIEGEL-Frage, ob denn ein Klinikaufenthalt “das Leben in eine neue Richtung lenken kann” (S. 121):

“Das wissen wir nicht” (S. 122).

Therapie-Stress statt Stress-Therapie

Schon die Art und Weise, wie viele Burnout-Kliniken an die Therapiearbeit herangehen weckt Zweifel.

In möglichst kurzer Zeit möglichst viel Behandlung: “Das Programm ist straff organisiert” (S. 121).

Innere Antreiber

Aber auch die Details stimmen bedenklich.

Im Zentrum der therapeutischen Arbeit der Schön Klinik steht die Suche nach den “inneren Antreibern” (S. 121).

“Ich muss”

Dabei handelt es sich um bereits in der Kindheit entwickelte Leitsätze wie:

“Ich muss für alle die Verantwortung übernehmen. Ich muss funktionieren. Ich darf keine Fehler machen. Ich muss Haltung bewahren. Ich muss Leistung erbringen, um nicht abgelehnt zu werden” (S. 121).

Die Welt ist hart

Die Therapie, so weiter die SPIEGEL-Autoren, bestehe darin zu erkunden, “bei welchen Leitsätzen eine Kurskorrektur möglich sei” (S. 121). Dabei müsse man behutsam vorgehen: “Denn die Leitsätze haben einen ja auch lange erfolgreich gemacht” (S. 121).

Wenige Zeilen später zitiert der SPIEGEL dann erneut den Chefarzt der Klinik, der sagt: “Die Welt ist hart und ungerecht und wir müssen darin bestehen” (122).

Vor Psychotherapeuten warnen

Dass es sich auch bei diesem Satz möglicherweise um einen aus der Kindheit des Chefarztes stammenden “inneren Antreiber” handelt, wird von den SPIEGEL-Autoren nur indirekt nahegelegt.

Am Ende meiner Lektüre habe ich mich dann doch gefragt, was genau eigentlich die drei Autoren des Artikels an “Naturheilkundlern” auszusetzen haben, “die vor Psychotherapeuten warnen” (S. 121).

Mike Sandbothe

October 31st, 2010

“Good night, America” (Der Spiegel, Nr. 44, 30.10.2010, S. 72-82)

Posted in Der Spiegel by mike

Manisch-depressiver Pendelschlag

Massenmedien lieben den Pendelschlag zwischen Manie und Depression. Auf den ersten Blick vollzieht die aktuelle SPIEGEL-Titelstory eine einfache Übung: von der Obamanie zu “Amerikas Götterdämmerung” (S. 74).

Die verzweifelten Staaten

Auf der Titelseite steht: “Die verzweifelten Staaten von Amerika. Eine Nation verliert ihren Optimismus” (Titelseite, DER SPIEGEL, Nr. 44).

Aber das Finale des 11-seitigen Artikels von Klaus Brinkbäumer, Marc Hujer, Peter Müller, Gregor Peter Schmitz und Thomas Schulz sieht zum Glück anders aus.

Richtung Mitte

Zuguterletzt schwingt das journalistische Pendel etwas mehr in Richtung seelisch-geistiger Gesundheit.

Zwar nicht im Namen der SPIEGEL-Autoren, aber im Namen von Dov Seidman.

Einer, der anders denkt

Seidman ist “einer, der anders denkt als die Leute von Wall Street und Zentralbank” (S. 82).

Der Philosoph und Unternehmensberater aus Kalifornien ist gerade nach New York gezogen.

Ethik und Nachhaltigkeit

“Seine Firma, nun 300 Mitarbeiter stark, ist eine der wenigen, die expandieren in dieser Zeit.”

‘”Es geht ihm um Ethik. Um Nachhaltigkeit” (S. 82).

Die bekannte Klaviatur

Auf den ersten zehn Seiten bedienen die SPIEGEL-Autoren die bekannte Klaviatur:

Alan Greenspan und die Ownership Society (S. 74); Robert Reichs “Nachbeben” und die 120 Millionen ganz unten (S. 77); die Familie Peterson in Florida hat 20 Jahre lang gearbeitet und ist jetzt wieder am Anfang (S. 78); Washington kurz vor den Kongresswahlen: “keiner redet mehr mit keinem” (S. 80).

Fiskalisch unregierbar

Das übliche Finale hätte dann wohl so ausgesehen:

Ronald Reagans ehemaliger Haushaltsdirektor hält die USA heute für “fiskalisch unregierbar” (S. 81). Es scheint nur noch die Geldpolitik, also die Inflation zu bleiben.

Die jedoch, so der Wirtschaftsnobelpreisträger Josef Stigliz, “hilft der amerikanischen Wirtschaft nicht und verursacht Chaos im Rest der Welt” (S. 81).

Ein kreatives Land

Kurz vor Artikelschluß aber ziehen die SPIEGEL-Autoren die Notbremse:

“Ein kreatives Land hört nicht wegen einer Krise auf, kreativ zu sein” (S. 80).

Way-of-life-crisis

Dazu Seidman: “Wenn wir die Variante des ‘fix and get back’, also der schnellen Reparatur und Wiederholung alter Verhaltensmuster, wählen, müssen wir uns ernsthaft Sorgen machen” (S. 82).

Aber die aktuelle Krise, so der Wirtschaftsphilosoph weiter, könnte auch dazu dienen, “Lebensweisen in Frage zu stellen und zu verändern” (S. 82).

Erneuerbare Energien

Ein weises Wort, gelassen ausgesprochen.

Seidman träumt “von einem Amerika, das beginnt, Waren zu produzieren, die gebraucht werden, die konkurrenzfähig sind und Arbeitsplätze schaffen, weil sie einen neuen Markt bedienen, zum Beispiel den Markt erneuerbarer Energien” (S. 82)

Nicht falsch!

Das kennen wir schon von Al Gore.

Aber das macht die Sache nicht falsch!

Hoffnungs-Spiegel

Deutschland spiegelt sich gern in Amerika.

Es ist schön, dass sich DER SPIEGEL bemüht, in sein pessimistisches Zerrbild von den verzweifelten Staaten eine Prise Hoffnung einzustreuen.

Für meinen Geschmack hätte es sogar noch etwas mehr sein dürfen.

Selten bipolar

Das lässt den Leitartikel realistischer wirken.

Schließlich sind bipolare Störungen glücklicherweise nicht nur bei Individuen, sondern auch bei Nationen relativ selten.

Mike Sandbothe

July 26th, 2010

“Leben im Stand-by-Modus” (Der Spiegel, Nr, 29, 19.7.2010, S. 56-67) und “Protokoll eines Krieges” sowie “Der Enthüller” (Der Spiegel, Nr. 30, 26.7.2010, S. 70-81 und 82-86)

Posted in Der Spiegel by mike

Normalerweise können Abonnenten die digitale Version des SPIEGEL schon am Samstagabend um 22.oo Uhr auf www.spiegel.de/meinspiegel abrufen. Dieses Wochenende aber war das anders. Aus redaktionellen Gründen hieß es: “Ich bin dann mal off”.

Es wäre schön gewesen, wenn es sich bei dieser unerwarteten Entschleunigung um den ferienzeitlichen Nachklang zur gleichnamigen Titelstory der vergangenen Woche gehandelt hätte.

Datenstress pur

Nach den elf Seiten literarisch-philosophischer Muße-Theorien, die von Susanne Beyer (41) im SPIEGEL Nr. 29 zusammengestellt worden waren, hätte ein wenig konsequente Muße-Praxis von Seiten der Magazinredaktion nicht schaden können.

Doch wen wundert’s, dass es am Sonntagabend um 23.00 Uhr, als der SPIEGEL Nr. 30 dann doch noch online ging, ganz anders kam: Datenstress pur!

Echtzeit-Krieg

91.731 Dokumente aus dem Datenpool des amerikanischen Militärs in Afghanistan. Die meisten davon als geheim deklariert.

“Meldungen der Truppe aus dem laufenden Gefecht” (Spiegel, Nr. 30,  S. 72). “Der Krieg gewissermaßen in Echtzeit” (ebd.).

Wikileaks.org

Das in der Titelstory des SPIEGEL Nr. 30 (Protokoll eines Krieges, S. 70-81) ausgewertete Material umfasst einen Zeitraum von 2004 bis 2009.

Es ist seit Sonntag (25.7.2010) als digitales Archiv online recherchierbar auf der Internetplattform wikileaks.org.

Zeitgleich

Die New York Times, The Guardian und DER SPIEGEL hatten schon einige Wochen zuvor Einblick in die Datenflut.

Zeitgleich flankieren sie die Online-Publikation von WikiLeaks nun in Amerika, Großbritannien und Deutschland mit ihren Titelgeschichten.

Überlastet

Natürlich ist der WikiLeaks-Server jetzt überlastet.

Denn er steht plötzlich im Zentrum der Weltöffentlichkeit.

Muße nicht Nichtstun

Das führt zurück zum Thema von Susanne Beyer.

Sie hatte uns unter der Überschrift Leben im Stand-by-Modus (Spiegel, Nr. 29, S. 56-67) gerade noch so schön erläutert, dass Muße nicht Nichtstun bedeutet.

Den Mächtigen in die Suppe spucken

Den “Definitionen der Denker” (Spiegel, Nr, 29, S. 66) zufolge bestehe Muße darin, “sich in aller Ruhe und zweckfrei dem hinzugeben, was Freude mache und interessiere” (ebd.).

Für den einen heiße das “Klavierspielen” (ebd.), für den anderen sei es “ein Spaziergang” (ebd.) – und für den dritten besteht das “otium” ganz offensichtlich darin, “den Mächtigen in die Suppe zu spucken” (Spiegel, Nr. 30, S. 84).

Der Gründer

Julian Assange (39) ist der Gründer von WikiLeaks.

Er hat die geheimen “Afghanistan-Protokolle” (Spiegel, Nr. 30, Titelseite) ins Internet gestellt.

Wir leben alle nur einmal

Im Gespräch mit dem SPIEGEL teilt er den Redakteuren John Goetz (47) und Marcel Rosenbach (38) mit:

“Wir leben alle nur einmal. Deshalb sollten wir in unserer Zeit etwas Sinnvolles und Befriedigendes anstellen. Und ich mag es, den Mächtigen in die Suppe zu spucken. Diese Arbeit macht mir wirklich Spaß” (Spiegel, Nr. 30, S. 84).

Gott der Allmächtige

Der Mann aus Australien hat Physik studiert und eine Karriere als Hacker hinter sich:

“Er bewegte sich in den Rechnern anderer wie Gott der Allmächtige” (Spiegel, Nr. 30, S. 85).

Sicherheitsrisiko

WikiLeaks wurde 2007 online gestellt.

Seit 2008 wird es vom US-Militär als Sicherheitsrisiko klassifiziert.

Keine Gerüchte

Die Webseite sammelt und veröffentlicht “Material, das Unternehmen und staatliche Stellen als geheim einstufen. Ein Forum für anonyme Informanten. Keine Gerüchte, nichts Selbstverfasstes, nur Originaldokumente” (Spiegel, Nr. 30, S. 82).

Kein Gehalt

Und weiter erfahren wir im SPIEGEL: “Assange arbeitet wie besessen an der Datenbank” (Spiegel, S. 83). Ein Gehalt erhält er dafür nicht.

“Leute, die es gut mit ihm meinen, sagen, er brauche dringend ein paar Wochen Urlaub” (Spiegel, Nr. 30, S. 83).

Kein Urlaub

Aber das wissen wir jetzt besser. Muße ist nämlich nicht Urlaub von der Arbeit, sondern nur ein anderer Modus:

“Insofern müsste die Leistungsgesellschaft genau diesen Zustand eigentlich anstreben” (Spiegel, Nr, 29, S. 66).

Task Force 373

Ist das die Meta-Message, die uns der SPIEGEL in die Ferien hinein nachruft?

Mit Susanne Beyers “Ich bin dann mal off” (Spiegel, Nr. 29, Titelseite) reisen wir ab, und am Urlaubsort begrüßt uns die “Task Force 373” (Spiegel, Nr. 30, Titelseite)!

A very, very big story

Sicherlich, aus der Perspektive der Sicherheitsministerin von Großbritannien, Baroness Neville-Jones, ist das Ganze “a very, very big story”.

Und der Nationale Sicherheitsberater von Präsident Obama reagiert sofort und verurteilt die Veröffentlichung der Geheimdokumente, weil “sie das Leben von Amerikanern und ihren Partnern bedroht” (Statement of National Security Advisor Gen. James Jones on Wikileaks).

Nr. 2

In der Tagesschau wird das Thema heute (26.7.2010) als Nr. 2 gleich nach der Duisburger Love-Parade behandelt.

Aber der Unterschied zwischen den beiden Nachrichten ist signifikant.

Berichterstattungspflicht

Bei der Massenpanik in Duisburg handelt es sich um eine aktuelle nationale Tragödie mit 21 Toten, für die jetzt die Verantwortlichen gesucht werden.

In diesem Fall besteht journalistisch gesehen unmittelbare Berichterstattungspflicht.

Skandalwert

Die Veröffentlichung der “Afghanistan-Protokolle” hat keinen aktuellen Anlass. Die Ereignisse, auf die sich die Protokolle beziehen, liegen relativ weit zurück.

Und der Skandalwert besteht scheinbar weniger in den dokumentierten Inhalten als vielmehr im Sachverhalt der Veröffentlichung selbst.

Sommerloch

Ein Weltthema wird aus der Sache dadurch, dass die drei großen Zeitungen sich im Timing mit WikiLeaks abgesprochen haben, um auf diese Weise einen globalen Medienevent zu kreiren.

Mitten im Sommerloch.

Ein angemessenes Instrument?

Gehört das Material tatsächlich an die Öffentlichkeit? Ist die gewählte Form der massenmedialen Kampagne ein angemessenes Instrument?

Oder ist diese etwas stressige Art von Muße vielleicht doch nicht wirklich investigativ?

Fehlende Worte

Nun ja, als Medienphilosoph bin ich ja einiges gewöhnt.

Aber heute fehlen auch mir die Worte.

Mike Sandbothe

Update: Zur internationalen Debatte über die Veröffentlichung der geheimen Militär-Dokumente aus dem Afghanistan-Krieg siehe auch den SPIEGEL-Online-Artikel von Gregor Peter Schmitz: Datendesaster untergräbt Obamas Kriegspläne (27.7.2010).



July 18th, 2010

Der große Schüttelfrust (Der Spiegel, Nr. 28, 12.7. 2010, S. 58-67)

Posted in Der Spiegel by mike

Der SPIEGEL-Redakteur Markus Grill (42) und seine Kollegin Veronika Hackenbroch (40) befassen sich in ihrer Titelstory “Homöopathie. Die große Illusion” auf zehn Seiten mit der populären Paradeform einer sanften Medizin.

Leider haben sie im Untertitel das Fragezeichen vergessen.

Das fehlende Fragezeichen

Der gesamte Textumfang beträgt 34955 Zeichen. Da sollte man meinen, dass das Fehlen dieses einen Zeichens doch keinen wirksamen Unterschied macht.

Aber es ist wie bei der Homöopathie. Kleine Ursachen können große Folgen haben.

Eine Krankheit der Profession

Mit Fragezeichen wäre aus dem journalistischen Virusträger ein medizintherapeutischer Heilungstext geworden.

So aber wird das spannende Titelthema von der Krankheit des professionalisierten Skeptizismus befallen.

Skeptiker und andere Menschen

Skeptiker sind Menschen, die meinen, dass der Zweifel ein Selbstzweck sei und nichts, das ihm nicht systematisch unterzogen wurde, Anspruch auf Gültigkeit habe.

Die englische Sprache stellt der skeptischen Grundhaltung eine Weltsicht gegenüber, die als “open minded” bezeichnet wird.

Chronisch-misstrauisch

Dementsprechend unterscheiden wir im Deutschen aufgeschlossene Menschen von skeptisch-verschlossenen bzw. chronisch-misstrauischen Zeitgenossen.

JournalistInnen gehören häufig (aber zum Glück nicht immer) zum letztgenannten Typus.

Der Fall Grill

Nehmen wir den Fall des SPIEGEL-Redakteurs Markus Grill. Er ist 42 Jahre alt und “Vater zweier Söhne” (Der Spiegel, Nr. 28, “Hausmitteilung”, S. 5).

Weiter erfahren wir über ihn, dass er “im Freundeskreis schon oft den Ratschlag bekommen hat: Leiden die Kinder unter irgendeinem Wehwechen, helfen kleine homöopathische Kugeln, die Globuli” (Der Spiegel, Nr. 28, S. 5).

Nicht nur Vater

Aber Grill ist nicht nur Vater. Er zählt auch zu “den besten investigativen Journalisten Deutschlands” (Sonia Mikich).

Seine  Spezialität ist die Enthüllung von Skandalen in der Pharmabranche. Dafür hat er dieses Jahr den Journalistenpreis des Deutschen Netzwerks Evidenzbasierte Medizin erhalten.

Wie die Pillen produziert werden

Deshalb hat er den Globuli-Ratschlag seiner Freunde auch nicht einfach ausprobiert, sondern erst mal eine professionelle Hintergrundrecherche gestartet:

“Grill ließ sich in Karlsruhe in den Gebäuden der Deutschen Homöopathischen Union (DHU) zeigen, wie die Wunderpillen produziert werden” (Der Spiegel, Nr. 28, S. 5).

Grills Schüttelfrust

Dieser Besuch wurde zum Auslöser von Grills “Schüttelfrust”. Womit wir wieder beim fehlenden Fragezeichen sind.

Denn die in Handarbeit durch Schütteln eines Glaskolbens erzeugten Verdünnungsgrade können in der Homöopathie Dimensionen (“D”) erreichen, im Vergleich zu denen das fehlende Fragezeichen im Cover-Untertitel “Homöopathie. Die große Illusion” als grob stofflich erscheinen mag.

Homöopathische Verdünnungsgrade

“So kommt bereits bei D9 etwa ein Tropfen Wirkstoff auf den Inhalt eines Tanklasters. D23 entspricht bereits einem Tropfen Wirkstoff im gesamten Mittelmeer. Und D78 bedeutet, dass wenige Wirkstoffmoleküle auf alle Moleküle des Universums kommen” (Der Spiegel, Nr. 28, S. 64).

“Daneben stellt die DHU auch Potenzen wie D200 und D1000 her.” (Der Spiegel, Nr. 28, S. 64)

Keine Belege

Doch damit nicht genug.

“Je länger sich Grill und seine Kollegin mit der vermeintlichen Wundermedizin beschäftigten, desto größer wurde ihre Skepsis. Sie fanden weltweit keine überzeugenden Belege für die Wirksamkeit homöopathischer Zuckerkügelchen.” (Der Spiegel, Nr. 28, S. 5).

Placebos

Das Fazit der Spiegelredakteure lautet daher, dass es sich bei homöopathischen Medikamenten um “Placebos” handelt.

Diese sollen einer “larvierten Form von Psychotherapie” (Der Spiegel, Nr. 28, S. 66) den Anschein einer medizinischen Behandlung verleihen.

Am Zweifel zweifeln

Skeptiker haben ein Grundproblem. Ihnen fällt es schwer, am Zweifel zu zweifeln.

Skepsis macht in bestimmten Kontexten durchaus Sinn. Aber nicht in allen.

Wer das einsieht, ist fähig, am Zweifel zu zweifeln, d.h. diesen nicht als Lebenshaltung zu verabsolutieren, sondern intelligent, situativ und wohldosiert einzusetzen.

Wer heilt, hat Recht!

Der geheilte Skeptiker wird zum Pragmatisten.

Samuel Hahnemann (1755-1843), der Begründer der Homöopathie, hat den Grundsatz einer pragmatisch orientierten Arztpraxis einmal wie folgt formuliert: “Wer heilt, hat Recht!”

Heilungsorientierter Pragmatismus

Auch bei den LeserInnen des SPIEGEL ist der in diesem Zitat zum Ausdruck kommende heilungsorientierte Pragmatismus weit verbreitet.

So schreibt Peter Kuhn aus Genf in seinem Leserbrief: “Wenn der Patient sagt, es gehe ihm besser, dann kommt auch ein negativer Objektivierungsbeweis dagegen nicht auf” (Der Spiegel, Nr. 29, 19.7.2010, S.9).

Nicht ‘nur’, sondern ‘aha’

Und Dirk Houben aus Wuppertal geht noch einen Schritt weiter, wenn er formuliert:

“Ob nun in der Homöopathie, in der Psychotherapie oder der Schulmedizin, der Placeboeffekt läuft immer wacker mit, er wäre bei kluger Betrachtung aber nicht ein ‘Nur’, sondern vielmehr ein ‘Aha’” (Der Spiegel, Nr. 29, S. 9).

Medizinische Maschinerie

Was Houben meint, hat der in Seattle praktizierende Freiburger Komplementärmediziner Dietrich Klinghardt mit Blick auf die Schulmedizin einmal wie folgt auf den Begriff gebracht:

“Der Hauptgrund, warum die Schulmedizin überhaupt so oft wirkt, liegt im Placeboeffekt, der ausgelöst wird durch die ungeheuer eindrucksvolle medizinische Maschinerie” (Dietrich Klinghardt, Lehrbuch der Psychokinesiologie, S. 33).

Farbige Pillen und weiße Kittel

Insofern kann man sagen, dass die meisten Skeptikerargumente, die sich in dem Spiegel-Artikel von Grill und Hackenbroch finden, Argumente sind, die sich auch auf die Schulmedizin anwenden lassen.

Denn: “‘Rituale’ wie Blutdruckmessen, ‘Symbole’ wie farbige Pillen, weiße Kittel und die ehrliche und liebevolle Bemühung des Arztes tun ihre Wirkung” (Klinghardt, ebd., S. 33).

Verantwortung in Medizin und Naturwissenschaft

Und das ist auch gut so. Denn in der Medizin geht es um Heilung und nicht um die Verabsolutierung des Zweifels.

Das gilt übrigens auch für eine verantwortungsvolle Form von Naturwissenschaft.

Revolution statt Blockade

Sie nimmt die Erfahrungen ernst, die ÄrztInnen und PatientInnen machen und blockiert mit ihren alten Wissensbeständen nicht den Fortschritt der Forschung.

Denn das, was wir heute zwar erfahren, aber noch nicht erklären können, markiert den Raum, in dem sich sich zukünftige wissenschaftliche Revolutionen ereignen.

Mike Sandbothe

May 2nd, 2010

Der Philosoph des 21. Jahrhunderts (Der Spiegel, Nr. 17, 26.4.2010, S. 67-78)

Posted in Der Spiegel by mike

Klaus Brinkbäumer (43) und Thomas Schulz (37) sind ehrlich. Sie erklären, was sie tun. Sie machen Reklame. Für das iPad von Apple.

Wie lässt sich das iPad personalisieren?

“Es soll die Leser locken, endlich für die digitalen Ausgaben zu bezahlen, vielleicht mehr als für die Print-Ausgabe” (S. 77).

Wie lässt sich das iPad personalisieren? Wie lässt sich über Apple schreiben? Die Antwort bündelt sich in Steve Jobs (55), dem Besitzer von Apple und Erfinder des iPad.

Apples Produkte loben

Aber: “Es ist nicht ganz einfach, sich Jobs zu nähern, weil Apple so gut wie nie mit Reportern spricht, falls diese nicht zuerst Apples Produkte gelobt haben” (S. 69)

Das hat für den SPIEGEL zuletzt Ferdinand von Schirach (46) getan (DER SPIEGEL, Nr. 15,  “Die Kunst des Weglassens”).

Keine Einblicke

Und doch: “Der deutsche Firmensprecher Georg Albrecht schrieb: Apple ‘gibt leider keine Einblicke in sein Innenleben…So gern ich so eine Story unterstützen würde, weiß ich, dass wir hier Ihnen keine Gesprächspartner anbieten können’” (S. 69).

Was also tun?

Jobs ist kein netter Mensch

“Es gibt Leute, die Apple verlassen haben.” Die kann man interviewen.

“Und auch Leute, die heute für Apple arbeiten, reden über Apple, wenngleich unter falschem Namen, denn Jobs ist kein netter Mensch” (S. 69). So entsteht ein SPIEGEL-Feature.

Das Inhaltsverzeichnis

Steve Wozniak: “Der Gründer” (S. 69). Andy Hertzfeld: “Der Zauberer” (S. 71). Hartmut Esslinger: “Der Künstler” (S. 71). John Sculley: “Der Feind” (S. 73). Pamela Kerwin: “Die Männerversteherin” (S. 73). Michael More, David Sobotta: “Die Soldaten” (S. 76).

Aber das allein reicht noch nicht, um ins Herz der Sache, sprich: ins Zentrum der iPad-Personalisierung, also in die Intimsphäre von Steve Jobs vorzudringen.

Das Geständnis

Zum Glück gibt es jenen “Juni-Tag von Stanford” (S. 67):

“Es war heiß, kein Schatten im Stadion von Stanford, die Studenten hatten gesoffen, sie grinsten und kicherten, und darum dauerte es, bis sie verstanden, dass dort ein Herrscher der westlichen Welt zum Geständnis schritt” (S. 67).

No big deal

Steve Jobs hat an diesem Tag “drei Geschichten” (S. 67) erzählt.

Klaus Brinkbäumer und Thomas Schulz lassen die LeserInnen über die Details der Überlieferungsgeschichte im Unklaren. Sie erzählen einfach nur Jobs’ stories nach. “No big deal” (S. 67).

Die Mutter

Die erste Geschichte handelt davon, “wie seine Mutter ihn aufgab, wie er adoptiert wurde, wie er sein Studium abbrach” (S. 67).

Die Liebe

In der zweiten Geschichte erzählt Jobs, “dass er als 20-Jähriger gefunden habe, was er liebe, Apple, sein Lebenswerk, und dass er als 30-Jähriger entlassen wurde, doch weitermachte in der Computerwelt, weil er sie liebte” (S. 67).

Die Krankheit

Die dritte Geschichte dreht sich um seinen “Bauchspeicheldrüsenkrebs, unheilbar” (S. 78). So lautete die anfängliche Diagnose.

“Die Ärzte führten die Schläuche ein, entnahmen Tumorzellen, untersuchten sie, dann weinten die Ärzte. Eine Operation könne ihn wohl doch heilen, er sei eine seltene Ausnahme” (S. 78).

Be insanely great

Das war 2004. “Fünf Jahre später fehlte er wieder. Er brauchte eine neue Leber” (S. 78)

“Be insanely great” (S. 72), lautet das Lebensmotto dieses Mannes. Kommentar überflüssig. Oder vielleicht doch nicht?

Recht haben

Als junger Mann habe er ein Zitat gelesen, wissen Brinkbäumer und Schulz zu berichten. Es lautet:

“Wenn du jeden Tag lebst, als sei es dein letzter, wirst du irgendwann recht haben” (S. 78).

Alice-Miller.com

Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn Steve Jobs seine Geschichten auf www.alice-miller.com publiziert hätte statt die Studierenden in Stanford damit zu belasten.

“Er hasst die eigenen jungen, gesunden Angestellten” (S. 76).

Seine leibliche Schwester Mona beschreibt ihn in ihrem Roman A Regular Guy als “Narziss, der verlangte, dass seine Geliebten Jungfrauen zu sein hatten” (S. 76).

Jobs’ Liebe zum Job

Für Alice Miller (1923-2010) wäre wohl klar, wie die drei Geschichten von Jobs zusammen hängen.

Er empfängt keine Liebe im Elternhaus, lernt sich selbst nicht zu lieben, liebt statt dessen Apple und bringt die Welt dazu, es ihm gleich zu tun.

The body never lies

Aber das alles behebt den Mangel im Inneren nicht. Jobs’ Liebe zum Job ist keine Liebe zu Jobs.

Ohne authentische Selbstliebe versagt der Körper irgendwann den Dienst. The body never lies.

Philosoph oder Soziopath

Solche Interpretationen sind den SPIEGEL-Autoren vermutlich zu banal.

Sie schwanken zwischen “der Philosoph des 21. Jahrhunderts” (S. 67) und: “Steve Jobs gilt als diabolisch, als Soziopath, und er hat diesen Ruf zu Recht” (S. 67).

Poesie? Ethik? Küchenpsychologie?

Als Genrezuschreibung für Jobs’ stories schlagen Brinkbäumer und Schulz vor: “War das Poesie? Ethik gar? Küchenpsychologie?” (S. 67)

Vermutlich war es der Hilferuf eines einsamen und emotional schwer verletzten Menschen.

Keine gute Therapeutin

Er ist “Zen-Buddhist und Vegetarier” (S. 78). Aber er hat offensichtlich keine gute Therapeutin, keinen helfenden und wissenden Zeugen.

Alice Miller ist am 14. April 2010 im Alter von 87 Jahren gestorben. Das iPad kommt Ende Mai auf den deutschen Markt.

Mike Sandbothe

Der Artikel von Klaus Brinkbäumer und Thomas Schulz  ist  unter dem Titel “Der Philosoph des 21. Jahrhunderts” auf SPIEGEL-Online als digitaler Volltext zugänglich. Die im Artikel ohne Quellenangabe referierte Stanford-Rede von Steve Jobs findet sich sowohl auf dem News-Sever der Stanford Universität als auch auf Youtube.

April 9th, 2010

SPIEGEL-Surfing (Der Spiegel, Nr. 14, 3. April 2010)

Posted in Der Spiegel by mike

Laut SPIEGEL gehört unser Umweltminister Norbert Röttgen “zu jener Gruppe, die Merkel-Spotting betreibt” (S. 25). Der Begriff ist wohl dem TrainSpotting und beides in der Sache dem BirdWatching nachempfunden.

Kanzler, Züge, Vögel

Der Autor des Artikels, Dirk Kurbjuweit,  weiss über’s Merkel-Spotting folgendes zu berichten: “Man muss dafür ein Bild von sich als Kanzler haben” (S. 25).

Das ist beim Züge- und Vögelbeobachten zum Glück anders: die ausführende Person braucht von sich kein Bild als Zug oder Vogel zu haben!

SPIEGEL-Watching

Ehrlich gesagt, weiss ich auch nicht so genau, wie das beim  MagazinSpotting oder SPIEGELwatching ist.

Aber ich setze auf die Analogie mit den Zügen und Vögeln.

Feature-Hopping

In dieser (nach)österlichen Woche kommt noch eine weitere Komplikation hinzu. Aus Mangel an Anziehungskraft ist es mir nicht gelungen, mein Spotting auf einen einzelnen SPIEGEL-Artikel zu fokussieren.

Deshalb: “SPIEGEL-Surfing”. Man könnte auch von Artikel-Zapping oder Feature-Hopping reden.

Minister für Weltrettung

Aber worum geht es? Ja, genau das war meine Frage als ich den SPIEGEL-Artikel “Die Rache des Maschinisten” über Norbert Röttgen gelesen habe. Oder anders gefragt: Wozu soll das gut sein?

Intellektuellen-Schelte?

Minister-Bashing?

Weltrettungs-Dämmerung?

Abgerutscht

Irgendwie ist es wohl all’ das zusammen und noch einiges mehr.

Kurbjuweit über Röttgen: “Er wurde Umweltminister, weil das im Herbst 2009 nach einer großen Aufgabe aussah. Die Klimakonferenz von Kopenhagen (…) ist jedoch gescheitert (…) und seither ist das ganze Thema abgerutscht. Röttgen darf sich nicht mehr als Minister für Weltrettung fühlen” (S. 25).

Die Wirklichkeit ist niemals naiv

Ich bin naiv. Deshalb finde ich, dass man als Medienmensch ein Thema wie dieses nicht einfach so ‘abrutschen’ lassen darf; zumal es da ja auch neben “den Themen” noch “die JournalistInnen” gibt.

Die sind doch nicht einfach nur ThemenSpotter und KampagnenWatcher. Die machen doch auch ein Stück weit selber die Musik. Wenn sie mutig sind und es wirklich wollen!

Obamas Säkularisierung

Wie gesagt, ich bin naiv. Aber im SPIEGEL-Kommentar von Klaus Brinkbäumer steht: “Die Wirklichkeit ist niemals naiv” (S. 87). Hm. Und wer definiert die? Vielleicht die triadische Geschichtsphilosophie von Herrn Brinkbäumer?

Über Aufstieg und Fall von “St. Barack” (S. 87), also des amtierenden US-Präsidenten, berichtet der SPIEGEL-Journalist wie folgt: “Nach Erscheinung und Kreuzigung erleben wir so etwas wie eine Säkularisierung” (S. 87).

Eine schlechte Angewohnheit

So konstruiert man Themenkarrieren. Statt ThemenWatching doch lieber CampaignCreating?

Aber ist das wirklich “die Wirklichkeit”? Oder nur eine schlechte Medienangewohnheit?

Mit dem Hammer

“Heilung ist nicht möglich.” Das erfahren wir auf S. 127. Es spricht der französische “Dandy-Philosoph” (S. 126) Bernard-Henri Lévy. Romain Leick hat ihn in Paris interviewt und das dann im SPIEGEL drucken lassen.

Lévy besichtigt Kriege und philosophiert “mit dem Hammer” (S. 127). Er wollte kein akademischer Philosoph werden.

Flickwerk-Philosophie

“Wirft man mir vor, zu nahe am Journalismus, an der Reportage, an der Literatur zu sein? Bitte – in der Flickwerkphilosophie hat auch der gute Reporter seinen Ehrenplatz” (S. 127).

Gar keine schlechte Idee! Während die Mehrzahl der JournalistInnen den Themenkarrieren hinterher rennt oder diese (je nach Medium) tatkräftig mitkonsturiert, machen die avantgardistischen PhilosophInnen den alten JournalistInnenjob und schreiben ordentliche Reportagen.

Prof. Dr. Papst

Und was wird aus dem Papst? Der “(UN)FEHLBARE” (SPIEGEL-Titel) ist ja immerhin der Aufmacher dieser SPIEGEL-Woche. Aber der Mann steht “mit leeren Händen” da (S. 74). Denn er ist ein “Intellektuellen-Papst” (S. 76). Ihm fehlt die Bodenhaftung, sprich: die Medienehrfurcht.

“Eine Zeitlang genoss er sogar das ungeteilte Wohlwollen des Feuilletons. Dennoch drang Benedikts Botschaft nicht durch. Der oberste Theologe, Prof. Dr. Papst, verlor den engen Kontakt zu seinen Schutzbefohlenen” (S. 78).

Metaphysische Zentralheizung

Das erfahren wir von Fiona Ehlers, Gregor Peter Schmitz, Ulrich Schwarz, Alexander Smoltcyk und Peter Wensierski. Und sie wissen auf zehn SPIEGEL-Seiten noch mehr über den Oberhirten und seine Schäfchen zu berichten:

“Die meisten seiner Landsleute haben sich in Wahrheit längst in einer privaten Glaubenswelt eingerichtet. Sie haben durchaus den Wunsch nach einer metaphysischen Zentralheizung, wenn’s kälter wird im Leben. Aber bitte ohne Institution und ohne Zumutungen” (S. 78).

In Anderer Glück sein eigenes finden

Gelten Schweizer auch als Landsleute? Irgendwie schon. Vor allem, wenn sie ihre Steuern in Frankfurt am Main bezahlen. Wie Josef Ackermann, “der Bösewicht” (S. 4). Er möchte, dass die Menschheit ihn so sieht, wie er sich selbst sieht. “Der Getriebene” (S. 58).

Der SPIEGEL ist gern behilflich und zitiert aus Ackermanns privater Glaubenswelt: “In Anderer Glück sein eigenes finden, ist dieses Leben Seligkeit – und anderen Menschen Wohlfahrt gründen, schafft göttliche Zufriedenheit” (S. 61).

Ein spirituelles Wesen

Auch Bundesverfassungsrichter Udo Di Fabio leistet einen Beitrag zum österlichen SPIEGEL-Thema.

Seiner Ansicht nach ist die Säkularisierung an ihr Ende gekommen. Und zwar, “weil der Mensch ein spirituelles Wesen ist, das sucht und sich nicht allein mit Konsum und Zweckrationalität begnügt” (S. 30).

Positive Grundeinstellung zur Religion

Nun bin ich selbst überrascht. Obamas Säkularisierung und die Wiederkehr der privaten Spiritualität gehen im Oster-SPIEGEL Hand in Hand.

Die politische Hoffnung auf die öffentliche Politik tritt zurück hinter die private Besinnung auf “die alten Werte der Gebirgswelt” (S. 61) und “eine positive Grundeinstellung unseres Verfassungsstaates zur Religion” (S. 30).

Minister für Entwarnung

Was aber wird aus den großen Weltkrisen? Sicherheitskrise. Ressourcenkrise. Klimakrise. Und, ach ja: Finanzkrise, Wirtschaftskrise, Fiskalkrise.

Ganz einfach. Wir haben jetzt einen “Minister für Entwarnung” (S. 18). Das ist Thomas de Maizière.

Der Zusammenhalt der Gesellschaft

Von Simone Kaiser, René Pfister, Marcel Rosenbach und Holger Stark erfahren wir über ihn:

“In seinem ersten großen Interview sagte er, mit dem Begriff ‘innere Sicherheit’ könne er wenig anfangen. Seine Aufgabe sei vielmehr, den Zusammenhalt der Gesellschaft zu stärken” (S. 18).

Ein Land steht am Abgrund

Am Beispiel des Alltags einer griechischen Familie zeigt der SPIEGEL was passiert, wenn man das nicht tut: “Ein Land steht am Abgrund – und niemand hat es kommen sehen” (S. 48).

Der Bielfelder Soziologe Wilhelm Heitmeyer aber sieht es kommen. Und zwar in Deutschland: “Wutgetränkte Apathie” (S. 70).

Nationale Demokratie-Entleerung

Mit der Fiskalkrise kämen Finanz- und Wirtschaftskrise nun auch bei den einzelnen BürgerInnen an. Die öffentlichen Finanzen bluteten aus. Langzeitarbeitslose würden zum Buhmann der Gesellschaft.

“Drei von vier Befragten sagen, dass sich Solidarität, Gerechtigkeit und Fairness in dieser Gesellschaft nicht mehr verwirklichen lassen” (S. 71). Woran liegt das?

Der autoritäre Kapitalismus

“Viele Menschen merken, dass die Demokratie die Kontrolle verliert gegenüber dem Kapital, das wiederum Kontrolle gewinnt und gnadenlos ausübt” (S. 71).

Und weiter schreibt Heitmeyer: “Der autoritäre Kapitalismus hat es geschafft, seine Verwertungskritierien ohne Widerstand der ganzen Gesellschaft überzustülpen” (S. 71).

Kulturpolitik heute

Ist das wirklich die rechte Zeit für ein Abdanken der öffentlichen Politik und eine Besinnung auf private Glaubenswelten?

Oder geht es heute kulturpolitisch nicht vielmehr darum, öffentliches Engagement und private Spiritualität auf neue Weise miteinander zu verbinden?

Nachhaltiger Journalismus

Wie sähen wirklich nachhaltig fungierende Öffentlichkeiten aus, in denen planetarische Themen wie der Klimawandel nicht einfach mal eben ‘abrutschen’?  Und wie könnte Demokratie in transnationalen Institutionen neue Gestalt gewinnen?

Das sind Fragen, mit denen der SPIEGEL seine geneigten LeserInnen zu Ostern leider nicht konfrontiert. Warum eigentlich?

Mike Sandbothe

Einge der zitierten Artikel sind auf SPIEGEL-Online als digitale Volltexte zugänglich.

December 24th, 2009

“Zeit der Exzesse” (Der Spiegel, Nr. 50, 7. Dezember 2009, S. 152-161)

Posted in Der Spiegel by mike

Dirk Kurbjuweit (47), Gabor Steingart (47) und Merlind Theile (33) befassen sich im SPIEGEL-Titelfeature Nr. 50 mit dem “verlorenen Jahrzehnt” und der weitreichenden Frage “was die Welt aus einer Dekade der Unvernunft lernen muss” (Spiegelcover).

In ihrem Artikel führen sie vor Augen, wie ein kulturpolitisch tiefgreifender Journalismus in Zeiten des Übergangs Orientierung geben kann.

Schlimmer hätte es kaum kommen können

Die Autorin und die beiden Autoren sehen die “nuller Jahre”  als strukturelle “Krisenjahre” (S. 153).

Ihre Grundthese über das erste Jahrzehnt des dritten Jahrtausends lautet: “9/11-Krise, Klimakrise, Finanzkrise, Demokratiekrise. Das alles summierte sich zu einer Gesamtkrise des Westens. Schlimmer hätte es kaum kommen können” (S. 153).

Journalistische Vorbildfunktion

Nun, natürlich hätte es noch schlimmer kommen können. Und außerdem hat es nicht nur den Westen getroffen. Aber ein wenig Dramatisierung muss im SPIEGEL selbst dann noch sein, wenn wirklich einmal authentisch gedacht wird. Und das geschieht in diesem Artikel.

Es wäre ein grosses Geschenk an den Immer-Noch-Kulturstandort Deutschland, wenn es dem SPIEGEL im neuen Jahrzehnt insgesamt gelingen wollte, die grossen Entwicklungen unserer Zeit ähnlich intelligent und vernetzt zu analysieren, wie es die drei JournalistInnen in diesem Artikel tun.

Vernetztes Krisendenken und globale Regierungsstruktur

Al Gore ist wohl einer der ersten gewesen, die darauf hingewiesen haben, wie wichtig es ist, die verschiedenen Krisen unserer Zeit in ihrem Zusammenhang zu sehen.

Tut man dies nicht, dann kann die vermeintliche Lösung der einen Krise (Beispiel: Wirtschaftskrise) zu einer Verschärfung der anderen (Beispiel: Klimakrise) führen.

Die journalistische Kultur

Der Blick auf das in Transformation befindliche Ganze motiviert nicht nur zum  gezielten “Suchen nach einer globalen Regierungsstruktur” (S. 161).

Er zeigt auch, wie wichtig es ist, dass die journalistische Kultur eine globalisierte Form des vernetzten Denkens in ihr Selbstverständnis integriert.

Über nationale Verengungen hinaus

Mehr noch: In demokratischen Staaten (und nicht nur in diesen) darf es heute als eine zentrale Aufgabe der nationalsprachlich verfassten Medienwelten gelten, über die nationale Verengung der Politik im eigenen Land hinaus zu denken.

Der Artikel von Kurbjuweit, Steingart und Theile  tut das auf überzeugende Weise.

Die politischen Strukturen fehlen

So stellen sie heraus: “Das erste Jahrzehnt hat gezeigt, dass die Welt zusammenwächst, dass die Abhängigkeiten zunehmen, aber dass die politischen Strukturen dafür fehlen” (S. 161).

Das bedeutet konkret: “Es gibt keinen wirksamen Mechanismus, der den Frieden erhält. Es gibt keine gemeinsame Finanzaufsicht. Es gibt kein weltumspannendes Regierungsgremium, das sich permanent um Klimaschutz kümmert” (S. 161).

Hoffnung auf das Netz

Für die drei SPIEGEL-AutorInnen erwächst Hoffnung auf Behebung dieser weltpolitischen Defizite aus einer “technologischen Entwicklung” (S. 154). Gemeint ist das Internet.

Dieses könne - so die AutorInnen weiter - ”eine Weltöffentlichkeit herstellen” und damit ein Fundament liefern “für die politischen Entscheidungen in einer Welt, die globales Regieren braucht” (S. 161).

Rollenverteilung strittig

Tatsächlich ist es kulturpolitisch von zentraler Wichtigkeit, den Zusammenhang zu sehen, der zwischen den großen Transformstionsbewegungen (Sicherheitskrise, Wirtschaftskrise, Klimakrise, Demokratiekrise) und der medientechnologischen Digitalisierung besteht.

Allerdings lässt sich über die Verteilung der Rollen diskutieren.

Das Internet als Mitverursacher der Krisen

Es gibt durchaus ernstzunehmende Argumente dafür, dass die grossen Krisen unserer Zeit in einem gewissen Maße zugleich auch Reaktionen auf die digitale Vernetzung sind.

Dann wäre das Internet nicht nur ein Teil der Lösung, sondern auch ein Teil des Problems. Vielleicht sogar ein Mitverursacher der Krisen.

Unser Gebrauch des Netzes

Genauer formuliert: eine bestimmte Art und Weise das Netz zu nutzen bzw. das Netz nicht zu nutzen hat mit zu einem Teil der Probleme geführt, vor denen wir heute stehen.

Mithilfe der digitalen Computerverbünde wurden zwar die globalen Märkte und Finanzströme eng verzahnt, aber nicht die globale Politik und der weltweite Journalismus.

Aus dieser Perspektive haben PolitikerInnen und JournalistInnen bis heute einen eklatanten Nachholbedarf in Sachen Globalisierung.

Kulturpolitischer Dornröschen-Schlaf

Vielleicht ist “das verlorene Jahrzehnt” vor allem deshalb verloren, weil weder die Politik noch der Journalismus aus der nationalsprachlich verfassten Buchdruckkultur schnell genug aufgewacht sind.

Anders als die BankerInnen und die globalen WirtschaftsführerInnen haben die PolitikerInnen und JournalistenInnen in vielen Ländern allzu lange versucht, die transnationale Mediendynamik durch die Verengung auf’s Nationale zu unterwandern.

Ein Hauch von Passivität

Ein Hauch dieser passiven Strategie findet sich selbst noch in dem sonst vorbildichen Artikel von Kurbjuweit, Steingart und Theile.

So werden die ”vier schweren Krisen” (S. 154) von ihnen nicht als Prozesse beschrieben, die in sich selbst utopische Veränderungspotentiale bzw. kulturpolitische Gestaltungsoptionen bergen.

Aus Sicht der Autoren ist es statt dessen in erster Linie die externe “technologische Entwicklung, die Hoffnung macht” (S. 154).

Das globale Gemeinwesen

Wieso das? Oder mit den Worten von Kurbjuweit, Steingart und Theile selbst gefragt: “Kann ein interaktives Medium ein Gemeinwesen beleben?” (S. 160)

Sicherlich nicht von allein. Es sind die Menschen, die mit Hilfe des technischen Mediums das Gemeinwesen einer globalisierten Demokratie gestalten.

Determinismus

So stellen sich die Dinge jedenfalls aus der Sicht eines aktiven Denkens und Handelns dar, das von den neuen Instrumenten einen verantwortungsvollen und selbstbewussten Gebrauch macht.

Demgegenüber gibt es bei den SPIEGEL-AutorInnen einen gewissen Rest deterministischen Denkens.

Die Rückkehr der Geschichte

Streckenweise projizieren sie ihre Hoffnungen allzu sehr auf die technische Eigendynamik des Internet oder eine fast schon religiös anmutende  ”Rückkehr der Geschichte” (S. 161)

Doch diese ist genauso offen wie die Art und Weise, wie wir von den neuen technologischen Entwicklungen Gebrauch machen.

Menschen machen Geschichte

Menschen machen Geschichte und nutzen Medien zu diesen oder jenen Zwecken.

Es ist nicht “die Geschichte”, die handelt. Und es ist nicht “das Ínternet”, das die dringend benötigte globale Demokratie aus sich heraus hervorbringt.

Demokratische Staatengemeinschaften

Die Rettung der Demokratie durch Globalisierung der Politik wäre vor allem und in erster Linie eine Aufgabe der demokratischen Staatengemeinschaften. Zum Glück ist das auch den AutorInnen klar:

“Die ersten Länder, die den Klimaschutz ernst genommen haben, waren die Mitgliedstaaten der Europäischen Union, auch sie zu spät, aber immerhin: Sie sind Vorreiter geworden. Das heißt, dass ein wesentlicher Teil der westlichen Welt die Kraft zur Einsicht und zur Korrektur hat” (S. 161).

Vorreiter demokratischer Weltpolitik

Welche nationalen Parlamente werden Vorreiter dabei sein, sich selbst schrittweise ein wenig zurückzunehmen?

Welche Staaten werden dereinst als erste bereit sein, ihren Einfluß zugunsten eines demokratisch zu wählenden Weltparlaments ein Stück weit einzuschränken?

Was wir haben und was wir brauchen

Wir haben eine globalisierte Wirtschaft. Wir haben globalisierte Finanzströme. Wir haben eine globale Schuldenkrise der Nationalstaaten. Wir haben eine planetarische Klimakrise. Wir haben weltweiten Terrorismus und weltweite Migration.

Was wir brauchen ist ein verantwortungsbewusstes Weltbürgertum und eine globalisierte demokratische Politik.

Sich neu erfinden

Es tut gut, wenn JournalistInnen vor Augen führen, wie man global, langfristig und verantwortungsvoll denkt.

Es wäre noch schöner, wenn BürgerInnen und PolitikerInnen das zum Anlass nähmen, sich selbst in einem planetarischen Rahmen neu zu erfinden.

So könnte die Menschheit im kommenden Jahrzehnt vielleicht lernen, den globalen Problemen gemäß auf veränderte Weise demokratisch intelligent zu handeln.

Mike Sandbothe

Der Artikel von Dirk Kurbjuweit, Gabor Steingart und Merlind Theile ist unter dem Titel “Zeit der Exzesse” auf SPIEGEL-Online als digitaler Volltext zugänglich.

September 13th, 2009

“Der Tod, mein Lebensbegleiter” (Der Spiegel, Nr. 36, 31. August 2009, S. 32-44)

Posted in Der Spiegel by mike

Auf der Titelseite des SPIEGEL Nr. 36 ist der langjährige Spiegeljournalist Jürgen Leinemann (72) abgebildet. Er hat Krebs und darüber ein Buch geschrieben. Der SPIEGEL druckt dreizehn Seiten aus dem am 17. September erscheinenden Werk als Titelgeschichte unter der Überschrift: “‘Gestern wollte ich wieder sterben.’ Spiegel-Reporter Jürgen Leinemann über sein Leben mit Krebs” (SPIEGEL, Nr. 36, 31. August 2009, Titelseite).

Unbarmherzig bis in den Tod?

Eine Woche später, am 7. September, erscheinen die Leserbriefe im SPIEGEL Nr. 37. Das Spektrum der Kommentare reicht von “gesundheitspolitisch bedeutsam” (Nr. 37, S. 8 ) und “nach dem Lesen habe ich geweint” über “Wut” und “Feudalismus” bis zu “Herr Leinemann hat Privilegien, von denen die meisten nur träumen” und “eitel bis in den Tod”.

Tatsächlich bleibt der Autor auch in seiner vermutlich größten Daseinskrise dem Medium seines Lebens treu: “Jürgen Leinemann, jahrzehntelang SPIEGEL-Reporter, blickte mit Schärfe auf die Politiker des Landes – nun blickt er mit derselben Unbarmherzigkeit auf seine Krankheit.” (Nr. 36, S. 32).

Wie privat darf DER SPIEGEL werden?

Man darf vermuten, dass der SPIEGEL seinem hochverdienten Autor auf diesem Weg etwas zurück zu geben versucht. Öffentliches Schreiben als persönliche Krebstherapie. Fraglos eine sehr pragmatische Form des Journalismus. Unmittelbar wirkungsorientiert. Jedenfalls im Privaten. Und da liegt das Problem, auf das die meisten Leserbriefe reagieren. Wie privat darf der SPIEGEL (in seiner Titelgeschichte) werden?

Nun. Das Anliegen – so legt der ausführliche Untertitel nahe – ist ja nicht nur ein privates. Es geht nicht nur um Leinemann: “Was passiert, wenn der Krebs einen Menschen aus dem gewohnten Leben reißt? Fast eine halbe Million Deutsche erleben es jedes Jahr ” (S. 32).

Warum in der ersten Person?

Aber natürlich hat auch Hartmut Neumann aus Aachen einen wichtigen Punkt. Er fragt sich nämlich in seinem Leserbrief: “Warum schreiben Literaten und Journalisten so etwas in der ersten Person? Das Elend in der dritten Person (…) wäre für den Leser viel persönlicher.” (Nr. 37, S. 8).

Vermutlich liegt in diesem Übergang von der journalistisch kalten zur literarisch warmen Form die therapeutische Qualität des Artikels. Für den Autor jedenfalls. Kulturtherapie wäre auch in der dritten Person möglich. Selbsttherapie bedarf der ersten.

Arbeitsbesessenheit

Jetzt zum Text. Leinemann schreibt: “Es war Zeit, einen prüfenden Blick auf mein ganzes Leben zu werfen. Tatsächlich war ich erschrocken über die Liste schwerer Krankheiten und über die Leichtfertigkeit, mit der ich alle Warnsignale missachtet hatte, die mich zu Veränderungen meines Lebensstils, insbesondere meiner Arbeitsbesessenheit, hätten veranlassen sollen” (Nr. 36, S. 34).

Schreiben als Symptom? Journalismus und Besessenheit? Öffentliche Unbarmherzigkeit als Kompensation privater Selbstzweifel? Wie hängen Kultur, Journalismus, Krankheit und Therapie zusammen?

Flucht aus dem Leben

Dazu Leinemann in der dritten Person: “Normalerweise ist der Tod kein Thema in unserer Spaßgesellschaft” (S. 36).

Und weiter in der ersten: “Von meiner Kindheit an, über die Pubertät und Studentenzeit bis zu meiner Alkoholkrise in der Lebensmitte, war mir in depressiven Phasen oder in Druck- und Krisensituationen der Gedanke an eine Flucht aus dem Leben durch Selbstmord immer geläufig, allzu geläufig, wie ich heute finde” (S. 37).

Buchstabenmenschen

“Du bist ein homme de lettres” (S. 40) hatte der SPIEGEL-Gründer Rudolf Augstein einmal zu Leinemann gesagt. Was als Segen gemeint war, kann rückwirkend wie ein Fluch wirken.

Buchstabenmenschen sind “Leute, die durch Wörter zu dem wurden, was sie sind” (S. 40). Leinemann ist einer von ihnen. Er ist ein Mensch, der vom Medium der Sprache abhängig ist, dessen Droge das Reden und Schreiben ist.

Sprachlos

“Als ich erwachte war ich sprachlos. Ich war entsetzt, überwältigt. Hätte ich noch reden können, wären mir die Worte versiegt. Ich fühlte mich, als hätte man versucht, mich umzubringen” (S. 40).

Es war ein “Eingriff ohne Vorankündigung” (S. 40). Durchgeführt im Sankt-Gertrauden-Krankenhaus in Berlin. Ein “Entlastungsschnitt”, weil die Luft- und Speiseröhre nach der Operation von Leinemanns Zungengrundkarzinom so angeschwollen war, dass es zu körperlicher Schwäche und geistiger Desorientierung kam.

Der Körper lügt nicht

Alice Miller hat vor ein paar Jahren ein Buch mit dem Titel “The Body Never Lies” (2005) geschrieben. Dieser Titel kam mir in den Sinn als ich den dramatischen Höhepunkt von Leinemanns Leidensgeschichte las.

Mit Tränen in den Augen. Denn schließlich bin ich selbst dreißig Jahre lang ein homme de lettres gewesen.

Eine hallende, weite Leere

“Wer wäre ich denn, wenn ich nicht mehr reden könnte?” (S. 41) “In diesen sprachlosen Nächten im Sankt-Gertrauden-Krankenhaus wurde mir bewusst, dass der Rest meines Lebens grundlegend anders ablaufen würde als die ersten 70 Jahre” (S. 41).

“Eine hallende, weite Leere breitete sich in mir aus” (S. 40).)

Jenseits der Sprache

Diese Leere habe auch ich in meinem Leben kennen gelernt. Mittlerweile empfinde ich sie als durchaus positiv. Ich spüre darin den freien Raum, der sich eröffnet, sobald ein wohl konditioniertes Sprachtier entdeckt, dass es sich auch in anderen Medien als der Sprache selbst erschaffen kann.

Leinemanns Quintessenz aus der von ihm erlebten “Angst vor einem Leben ohne Sprache” (S. 41) liest sich so: “Das hat nicht nur mein Schreiben verändert, sondern auch meinen Blick auf die Politik und meine Profession. Ich habe mir so etwas wie ein inneres Geländer gezimmert” (S. 41).

Die Haltung des Journalisten

Das sieht so aus: “In seiner Haltung hat die Freiheit des Journalisten ihren Rückhalt. Für mich sind zwei Sätze als Leitlinien bestimmend geworden. Der erste heißt: Wirklichkeit ist alles, wo man durchmuss. Der zweite ist eine Gedichtzeile von Peter Rühmkorf: ‘Bleib erschütterbar und widersteh’” (S. 41).

Gibt es für den Autor Leinemann ein Jenseits seiner Autorschaft? Hat Leinemann sich selbst und die Welt unabhängig von der Macht der Sprache fühlen und lieben gelernt?

Sylt lieben

Auch meine erste Liebe habe ich auf Sylt entdeckt. Für das Meer und für ein Mädchen namens Corinna. Das war 1973. Bei Leinemann hieß sie Helga, war Chilenin und es geschah 1956.

Auf Sylt spielt auch die Schluss-Szene von Leinemanns Artikel, die ich unkommentiert zum Abschluss zitieren möchte.

Ich freute mich, dass ich lebte

“Das Wunderbarste waren die täglichen kurzen Spaziergänge am Meer. Am letzten Tag hing ein dünner Wolkenschleier über dem trägen Wasser, am Horizont im Südwesten leuchtete ein schmaler heller Streifen. Ich spürte, wie ich sentimental wurde, die Abschiedsstimmung und der flirrende Glanz des Meeres bewegten mich. Doch die Mühsal des Gehens im feuchten Sand ließ kitschige Weihegefühle nicht wirklich aufkommen. Schwer atmend blieb ich stehen und sah in die Ferne. Und ganz unvermittelt durchflutete mich eine warme Welle der Dankbarkeit – ich freute mich, dass ich lebte” (S. 44).

MIKE SANDBOTHE

Die Titelstory von Jürgen Leinemann ist unter dem Titel “Der Tod, mein Lebensbegleiter” auf SPIEGEL-Online als Volltext zugänglich.

August 13th, 2009

freiheit@unendlich.welt (Der Spiegel, Nr. 33, 10.8.2009, S. 68-81)

Posted in Der Spiegel by mike

Ein gut informiertes und beweglich denkendes Autorenteam hat im SPIEGEL Nr. 33 einen intelligenten Coverbeitrag zum Thema “Netz ohne Gesetz. Warum das Internet neue Regeln braucht” (SPIEGEL-Titelseite) geschrieben.

Thomas Darnstädt (60), Frank Hornig (40), Martin U. Möller, Marcel Rosenbach (37) und Hilmar Schmundt (43) integrieren zentrale Elemente der aktuellen Internetdebatte und stellen sie in einen weltpolitischen Horizont: “Nur einer transnationalen Instanz kann es gelingen, Ordnung zu schaffen. Das Ziel: die globale Netzdemokratie” (S. 68).

Von nationalstaatlichen zu transnationalen Akteuren

Grundlegender Wandel in den medialen Strukturen einer Gesellschaft führt über kurz oder lang – das zeigt die Geschichte – auch zu grundlegenden Veränderungen in den politischen Systemen. Die Geschichte der modernen Demokratien war bisher eng verzahnt mit der Mediengeschichte des Buchdrucks und der Entwicklung der Nationalstaaten.

Die politisch zentrale Frage angesichts globaler Probleme wie der aktuellen Weltwirtschaftskrise und der langfristig wirkenden Klima- und Energiekrise lautet daher: Wie läßt sich das globale Medium Internet nutzen, um produktiv zur Entwicklung einer transnational organisierten Form von Demokratie beizutragen?

Ominöse Allianz

Ein besonderes Verdienst des Artikels von Darnstädt et.al. liegt darin, deutlich vor Augen zu führen, wie das Festhalten an den althergebrachten politischen Regelungsformen nationalstaatlicher Demokratien in der aktuellen Transformationssituation Gefahr läuft, das Gegenteil dessen zu erreichen, was intendiert ist.

In Deutschland – so die Autoren – “doktert eine ominöse Allianz aus Bundeskriminalamt und privaten Anbietern in einer Grauzone herum” (S. 73). Mit Blick auf den Vertrag zur Filterung von Kinderpornographie, den Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen in diesem Jahr auf den Weg gebracht hat, heißt es im SPIEGEL weiter:

“Erstmals in der Geschichte des Grundgesetzes würde gesetzlich eine Art Zensurbehörde eingerichtet” (S. 72).

Verfassungspolitische Konflikte ersten Ranges

Ein weiteres Beispiel des Autorenteams ist das Gesetz zur Neuregelung der Telekommunikationsüberwachung und anderer verdeckter Ermittlungsmaßnahmen. Es ist vor zwei Jahren von Innenminister Schäuble gegen großen öffentlichen Widerstand durch den Bundestag gebracht worden.

Mit diesem Gesetz verbunden sind sowohl die Pflicht von Internet- und Telefonprovidern zur “sogenannten Vorratsdatenspeicherung” (S. 71) als auch die Eröffnung von neuen Handlungsspielräumen, die das Bundeskriminalamt zur “heimlichen Online-Untersuchung” (S. 71) von privaten Computern erhalten hat.

Sowohl hinter von Leyens Vertrag als auch hinter Schäubles Gesetz verbergen sich – so die Autoren im Rekurs auf den Rechtssoziologen Gunther Teubner – “verfassungspolitische Konflikte ersten Ranges” (S. 71).

Zwietracht und Rechtsstreit

Weil nationalstaatliche Alleingänge zur gesetzlichen Kontrolle des globalen Mediums Internet schon von der Sache her eine Überforderung national organisierter Kontrollinstrumente darstellen, kommt es zu einer strukturellen Neigung der Akteure, die Macht des Staates über seine grundgesetzlich verankerten Grenzen hinaus zu erweitern. Das ist gefährlich für die Demokratie.

Zusätzlich verbinden sich mit diesem Vorgehen Phänomene der Desintegration des politischen Handlungssystems: “Zwietracht und Rechtsstreit: Das ist meist alles, was dabei herauskommt, wenn die Politik versucht, in die Netzwelt einzugreifen” (72). Das gilt jedenfalls für die nationalstaatlich organisierte Politik.

Eine Denkblockade durchbrechen

Wie aber könnte eine transnational organisierte Regelung der Internetkommunikation aussehen? Das ist die Gretchenfrage, der sich das SPIEGEL-Team im Schlussteil seines Artikels widmet.

Um die Frage überhaupt sinnvoll stellen und dann auch eine Antwort finden zu können, muss zunächst “eine Denkblockade durchbrochen werden: Recht und Ordnung ohne Staat scheinen bislang nicht vorstellbar” (S. 78). Dabei hilft den SPIEGEL-Autoren die New Yorker Soziologin Saskia Sassen.

Das Vakuum der transnationalen Politik

Sie sieht “den transnationalen Cyberspace als eines von mehreren Symptomen für die Entstehung einer neuen politischen Ordnung” (S. 80).

Das Vakuum transnationaler Politik wird derzeit nicht nur von globalen Wirtschafts- und Finanzunternehmen ausgefüllt, sondern auch von stärker demokratisch strukturierten Organisationen wie den NGOs (Greenpeace, Amnesty International u.a.), weltweit agierenden Instituten nach dem Muster der Weltgesundheitsorganisation oder völkerrechtlich ausgerichteten Instanzen wie dem Internationalen Strafgerichtshof.

Digitale Weltöffentlichkeit

Das Internet erscheint der Soziologin vor diesem Hintergrund als Medium einer “digitalen Weltöffentlichkeit” (S. 80). Es könne zuammen mit den erwähnten transnationalen Demokratie-Organisationen bei der Kontrolle “jener globalen Player” eine wichtige Rolle spielen, “die von den nationalen Demokratien nicht mehr zu beherrschen sind” (S. 80).

Daraus folgern die SPIEGEL-Autoren dann weiter: “Statt nationaler Räuber-und-Gendarm-Aktionen im Weltraum der Kommunikation braucht es ein postnationales Netzregime” (S. 80). Als weiteren Beleg zitieren sie die EU-Kommisarin Viviane Reding, die “erst kürzlich eine pluralistisch organisierte Weltaufsichtsbehörde über die gute Ordnung im Netz” (S. 81) gefordert hat.

ICANN als Welt-Netzgericht

Aber wie könnte eine “Lex digitalis” (S. 81), eine “Netzweltordnung” (S. 81) konkret aussehen? Zur Beantwortung dieser Frage stützen sich Darnstädt et. al. auf “die normative Kraft tatsächlicher Entwicklungen” (S. 81). Damit ist in diesem Fall die transnationale Regelungspraxis der Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN) gemeint.

Diese Behörde, die über die Vergabe von Internetadressen (Domains) entscheidet, wird von den SPIEGEL-Autoren als “eine Art Welt-Netzgericht” (S. 81) gesehen. Als Beispiel zitieren sie eine Entscheidung des Schiedsgremiums der ICANN, die sich auf die Praxis des Kaperns von Domain-Namen bezieht.

Recht ohne Staat

Darin machen die ICANN-Juristen ohne staatliche Autoritätsanrufung einen Vorschlag zur Grundlegung einer transnationalen Internetrechtsprechung: “Das Internet ist vor allem das Gerüst der globalen Kommunikation, und die Freiheit des Wortes sollte eine der Grundlagen des Internetrechts sein” (S. 81).

Etwas voreilig jedoch zieht das SPIEGEL-Team daraus den folgenden Schluss: “Recht ohne Staat: Möglicherweise ist das allmächtige Netz die erste globale Entscheidungsstruktur, die tatsächlich den internationalen Zirkus der von den Staaten angetriebenen Konsenssuche ersetzen kann” (S. 81).

Das glaube ich nicht.

Global Governance

Meines Erachtens könnte die von Saskia Sassen beschworene “kritische Öffentlichkeit der Netzbürger” (S. 80) eine wichtige Grundlage für die Entstehung eines demokratischen Staatenbündnisses werden. Dieses würde dann womöglich handlungsfähige transnationale Institutionen schaffen, in deren Rahmen so etwas wie “global governance” in denjenigen Feldern praktiziert würde , in denen es drängende Probleme gibt, die nur global zu lösen sind.

Die von den SPIEGEL-Autoren in den Blick genommene Weltmedienordnung des Internet wäre dann Teil bzw. Nebeneffekt von politischen Aktivitäten, in denen es u.a. um die globale Regulierung der Finanzmärkte und die Lösung der weltumspannenden Klima- und Ressourcenprobleme geht.

Eine weitere Denkblockade

Um diesen Schritt zu gehen, bedarf es der Auflösung einer weiteren Denkblockade. Sie wird von den SPIEGEL-Autoren leider nicht thematisiert und besteht in dem Utopie- oder Totalitarismusverdacht, der sich mit dem Gedanken eines pragmatisch funktionierenden Weltparlaments verbindet. Dieses könnte von der Weltbevölkerung gewählt und von VertreterInnen aller demokratischen Staaten werden.

Gelingt es den DemokratInnen weltweit, diese “weltbürgerliche” Denkblockade schrittweise aufzuheben, dann besteht kein Anlaß mehr, die Idee der “weltweit gleichberechtigen und diskriminierungsfreien Teilhabe” (S. 81), für die im SPIEGEL-Artikel die Domainbehörde ICANN steht, auf den virtuellen Raum zu beschränken.

Demokratie neu erfinden

Das bedeutet: Nicht nur die Organisaton von “Internetgovernance” ist “eine dringende Aufgabe”, die “auf den Club der guten alten Staaten” (S. 81) wartet. Das gleiche gilt für die Etablierung von “global governance” in einem weiten Sinn des Wortes, der virtuelle und reale Räume gleichermassen umfasst.

Desto eher sich die demokratischen Staaten dieser Aufgabe stellen, um so größer ist die Chance, dass Demokratie in der globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts nicht noch mehr zu einer Feigenblattveranstaltung global agierender Wirtschaftsunternehmen wird. Statt dessen käme es darauf an, sie im globalen Maßstab auf überzeugende, authentische und wirksame Weise neu zu erfinden.

Mike Sandbothe

Der Artikel von Thomas Darnstädt, Martin U. Müller, Marcel Rosenbach und Hilmar Schmundt ist unter dem Titel “freiheit@unendlich.welt” auf SPIEGEL-Online als Volltext zugänglich.