Mike's Media Diary
March 19th, 2011

ZEIT-Titelthema: “Keine Lügen mehr!” (“Japans Lehre für die Welt”; “Die Macht der Bilder”, “Leere Mitte” und “Bücher helfen uns auch nicht weiter”, in: Die Zeit, Nr. 12, 17.3.2011, S. 1, 49, 52 und 53)

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Der SPIEGEL hat am Montag dieser Woche zwar das “Ende des Atomzeitalters” auf seinem Titelbild verkündet (Der Spiegel, Nr. 11, 14.3.2011). Aber es gab nur wenige Worte zur Einordnung dieses vermeintlich welthistorischen Ereignisses.

Die ZEIT öffnet ein paar Tage später ein breites Spektrum von weit reichenden Perspektiven und bemüht sich um Orientierung (Die Zeit, Nr. 12, 17.3.2011). Ich habe aus der Vielzahl der Beiträge nur eine kleine Auswahl berücksichtigt.

Dramatische Zusammenballung

Es beginnt auf Seite 1.

Der Chefredakteur des Politik-Ressorts, Bernd Ulrich (50), diagnostiziert “die größte Zusammenballung dramatischer Ereignisse seit Jahrzehnten” (Die Zeit, S. 1).

Reale Probleme statt Medienhypes

Sarrazin und Guttenberg – das waren für den ZEIT-Redakteur noch mögliche “Folgen eines Medienhypes” (ebd.).

Aber “die Finanzkrise, die Euro-Rettung, die arabischen Revolutionen, die libysche Konterrevolution oder die akuelle Krise der Atomkraft” sind aus seiner Sicht “reale Probleme in einer drängend realen Welt” (ebd.).

Die neue Wucht der Welt

Der Mann stellt die berechtigte Frage:

“Woher kommt die neue Wucht der Welt, woher rührt diese Ereignisdichte, die unsere Politiker überfordert und unsere Empathie überstrapaziert?” (ebd.)

Immer mehr

Seine Antwort lautet:

“Daraus, dass es immer mehr Menschen gibt; daraus, dass immer mehr Menschen immer mehr Menschen wahrnehmen; daraus, dass immer mehr Menschen ihre Stimmen erheben; daraus, dass immer mehr Menschen immer mehr reisen, verbrauchen und in Städten leben, in Städten, von denen immer mehr am Rand von Kontinentalplatten, an Küsten, Ufern und Flussdeltas erbaut sind.” (ebd.)

Das neue Globalmedium

Ulrich erwähnt nicht, dass  auch diese Entwicklungen mit den Medien zu tun haben.

Vor allem mit dem neuen Globalmedium, dem Internet.

Nachrichtenwert

Der Zusammenhang liegt hier nur tiefer als bei Sarrazin und Guttenberg.

Der Nachrichtenwert, der diesen beiden Herren zugemessen wurde, lässst sich tatsächlich auf der Ebene der Inhalte als “Medienhype” beschreiben.

Tiefeneffekt

Dass “immer mehr Menschen immer mehr Menschen wahrnehmen” (ebd.) ist demgegenüber ein formaler Tiefeneffekt der neuen digitalen Vernetzungstechnologien.

Das hat Folgen für die Einschätzung von Ulrichs Vorschlag, “diese Welt probehalber mit kaltem Blick anzuschauen” (ebd.).

Nicht einmal Mitgefühl

Seine Forderung lautet:

“Die Menschheit muss jetzt umlernen. Dazu braucht es nicht einmal Mitgefühl, es reicht schon der Verstand” (ebd.).

Überforderung

Aus einer gefährlicher gewordenen Welt – so weiter Ulrich – “den Anspruch umfassender, sozusagen milliardenfacher Nächsten- und Fernstenliebe” (ebd.) abzuleiten, würde die Überforderung nur noch weiter zuspitzen.

Mitfühlende Weltöffentlichkeit

Das sehe ich anders.

Das Internet ist mit den sozialen Instrumenten des Web 2.0 auf dem Weg zu einem Medium weltbürgerlicher Gemeinschaft, d.h. zu einem Medium, in dem die globale Nächsten- und Fernstenliebe zum Alltag werden kann.

Gattung Mensch

Dahinter steckt ja auch eigentlich nichts Bedrohliches oder gar etwas uns per se Überforderndes.

Es geht schlicht und einfach darum, dass wir Menschentiere lernen, uns selbst als Teil der Gattung Mensch auf diesem Planeten Erde zu sehen und auf moralisch anspruchsvolle Weise ernst zu nehmen.

Medien als Tools

Dazu freilich reichen die Medien allein nicht aus. Sie können dabei nur eine Hilfestellung, ein Tool, ein Movens sein.

In the long bedarf es darüber hinaus globaler demokratischer Institutionen, die im Auftrag einer globalen Öffentlichkeit die Verantwortung für globale Probleme übernehmen.

Die Macht der Bilder

Das nimmt Florian Illies (39) in seinem ZEIT-Beitrag über “die Macht der Bilder” (S. 49) nicht ernst genug.

Er meint: Schon allein “weil die Welt gesehen hat, wie ein Atomkraftwerk explodiert, ist der Glaube an die Beherrschbarkeit der Technik zerstört” (ebd.).

Iconic Turn

Der Leiter des ZEIT-Literatur-Ressorts deutet die Wirkung der Bilder von der Explosion in Fukushima als “Bestätigung der kulturwissenschaftlichen These vom Iconic Turn” (ebd.).

Diese besagt: “Wir sind heute Zeitgenossen durch die Aufnahme und die geistige Verarbeitung der Bilderflut” (ebd.).

Nicht mehr zu löschen

Daraus folgert Illies: “Jene Bilder, die uns bis jetzt aus Fukushima erreicht haben, werden genau deshalb nicht wirkungslos bleiben, weil sie nicht mehr von der menschlichen Festplatte gelöscht werden können” (ebd.).

Das ikonische “‘Sinnbild’ der Katastrophe” habe “sich auf ewig in unseren Köpfen festgesetzt” (ebd.).

Berechtigte Zweifel

Nun ja. Wir werden sehen.

Gernot Böhme (74) und Christa Wolf (82) haben da jedenfalls ihre berechtigten Zweifel.

Kein Umdenken

Böhme, der Philosoph, meint:

“Auch nach Fukushima werden wir nicht umdenken” (S. 52).

Gesellschaftliche Tsunamis verebben

Denn die Politiker – allen voran Angela Merkel – wissen laut Böhme nur allzu gut, “dass sich die Wellen wieder legen und gesellschaftliche Tsunamis irgendwann verebben” (ebd.).

Das Dilemma unserer Gesellschaft

Auch für Christa Wolf, die Schriftstellerin, steht fest, “dass das Schreckliche wieder vergessen wird” (S. 53), wenn wir nicht lernen, “das Dilemma unserer Gesellschaft zu diskutieren” (ebd.).

Die Leitfrage müsse dabei lauten: “Wann lernen wir eigentlich, uns selbst zu beherrschen?” (ebd.)

Altersweisheit

Alter schützt vor Weisheit nicht. Das gleiche gilt für Philosophie und Literatur.

Wir können aus der Lebenserfahrung und Menschenkenntnis von Böhme und Wolf profitieren.

Laufen lernen

Gleichwohl: der ikonische Optimismus von Illies birgt ebenfalls ein Fünkchen Wahrheit.

Verbindet man ihn mit Wolfs Hoffnung auf “eine solidarische Gemeinschaft” (ebd.) und vergisst dabei die Forderung nach neuen Formen demokratischer global governance nicht, dann kann ein Schuh draus werden, in dem die Menschheit über kurz oder lang vielleicht sogar laufen lernen mag.

MIKE SANDBOTHE

 

February 23rd, 2011

SPIEGEL-Titel: “(Dr.) zu Guttenberg und die Wahrheit. Das Märchen vom ehrlichen Karl” (“Doktor der Reserve”, in: Der Spiegel, Nr. 8, 21.2.2011, S. 20-29)

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Die zentrale Frage, welche die zehn SPIEGEL-AutorInnen am Ende ihrer Titelstory stellen, lautet: “Was sagt das über einen Charakter, diese Bereitschaft zum Plagiat?” (S. 29)

Rollenspiel

Aus der Sicht von Thomas Darnstädt, Ulrike Demmer, Christoph Hickmann, Dirk Kurbjuweit, Martin U. Müller, Ralf Neukirch, Sarah Pangur, Rene Pfister, Michael Sauga und Markus Verbeet steht fest:

Die Rolle, die Guttenberg “bislang gespielt hat, kann er nicht mehr spielen” (S. 29).

Der große Andere

Das “Phänomen Guttenberg”, das war “der große Andere” (S. 27) der deutschen Politik.

Der charmante und scheinbar so authentische, glaubwürdige und tatkräftige Adelige war “Hoffnungsträger” (S. 27) und “Superstar” (S. 27) – “ein Mann, der anders sein will als die klassischen Berufspolitiker” (S. 27).

Rolle zerstört

“Diese Rolle wäre zerstört, und es ist fraglich, ob die Bevölkerung noch einmal bereit wäre, einem Politiker diese Rolle anzuvertrauen” (S. 29).

Das gleiche gilt wohl für die Medien.

Rücktritt angemessen

“Der Schaden für die Politik wäre immens, ein Rücktritt ist angemessen dafür” (S. 29).

So lautet die Schlussfolgerung der SPIEGEL-AutorInnen.

Die Hoffnung nicht aufgeben

Viele Menschen in Deutschland sind nach wie vor anderer Ansicht. Sie wollen die Hoffnung nicht aufgeben und Guttenberg nicht ziehen lassen.

Darauf gehen die SPIEGEL-AutorInnen nicht ein.

Als Stimmenfänger zu wertvoll

Statt dessen betonen sie das Interesse der Regierungsparteien an ihrer “Lichtgestalt” (S. 4): “als Stimmenfänger bislang zu wertvoll” (S. 29).

Der Verteidigungsminister hat die Rückendeckung von Seehofer und Merkel.

Mehr als 20 Prozent

Die Internetplattform Guttenplag.wikia.com führt das Ausmaß des Betrugs vor Augen.

Mehr als 20 Prozent von Guttenbergs Doktorarbeit erfüllen den Tatbestand des Plagiats.

Ein Abgrund an Schummelei

Der Leiter der SPIEGEL-Dokumentation spricht in der “Hausmitteilung” von einem “Abgrund an Schummelei” (S. 3).

In der Titelstory erläutern seine KollegInnen:

Eine Art Baukastenverfahren

“Guttenberg hat in seiner Doktorarbeit nicht nur vereinzelt Fremdautoren zitiert, ohne dies nach üblichem Verfahren in einer Fußnote auszuweisen. Vielmehr hat er sein Buch über viele Seiten absatzweise aus den Arbeiten anderer zusammenmontiert, nach einer Art Baukastenverfahren” (S. 23).

Die Sicht des Entdeckers

Die SPIEGEL-AutorInnen machen deutlich, was das für die Wissenschaft bedeutet.

Sie zitieren den Bremer Rechtswissenschaftler Andreas Fischer-Lescano, der Guttenbergs Plagiat als erster aufgedeckt hat:

Verrat an der Wissenschaft

“Dass eine solche Arbeit an einer angesehenen deutschen Universität mit der Bestnote bewertet wird, darf das Wissenschaftssystem nicht hinnehmen. Wenn das das letzte Wort ist, ist es ein Verrat an der Wissenschaft und an all den DoktorandInnen, die unter schwierigen familiären, finanziellen, lebens- und arbeitsweltlichen Umständen ihre Dissertationen schreiben und dabei seriös vorgehen” (S. 23).

Charakterfrage

Mittlerweile hat Guttenberg seinen Doktortitel zurückgegeben und in seiner Kelkheimer Wettertannenrede eingestanden, dass er “gravierende Fehler” gemacht hat.

Doch damit ist die Leitfrage des SPIEGEL-Artikels noch nicht beantwortet: “Was sagt das über einen Charakter, diese Bereitschaft zum Plagiat?” (S. 29)

Erheblich entspannter

Der SPIEGEL bezieht in dieser Frage eine klare Position: Aus und vorbei!

Doch, wie gesagt, viele Menschen sehen das erheblich entspannter.

Wie kommt das?

Das Image der Wissenschaft

Mit dem Image der akademischen Wissenschaft steht es nicht zum Besten.

In der Bevölkerung gibt es in diesem Zusammenhang die relativ weit verbreitete Ansicht, dass der Charakter eines Menschen nicht dadurch beschädigt wird, dass er sich in einem suspekt gewordenen System auf suspekte Weise qualifiziert hat.

Modell Guttenplag

Tatsächlich hat das Internet die Wissenschaft verändert.

Vermutlich wäre es ratsam, in Zukunft jede akademische Qualifikationsarbeit einer ähnlichen Prüfung zu unterziehen, wie es die freiwilligen HelferInnen auf Guttenplag.wikia.com exemplarisch getan haben.

Das wäre durchaus ein positives Ergebnis dieser unerfreulichen Affäre.

Brennende Frage

Doch es bleibt die aktuell brennende Frage:

Was wird aus Guttenbergs Amtsstellung als Minister und was aus seinem medial getriggerten Status als “Aspirant auf die Kanzlerschaft” (S. 27)?

Charakterbildung

Der Charakter eines Menschen wird durch Lebenserfahrung geformt.

Er besteht nicht nur aus Prägungen, sondern auch aus der Art und Weise, wie es einem Menschen gelingt, über die eigenen Prägungen hinauszuwachsen.

Wird Guttenberg das gelingen?

Schwarz-Weiß-Zeichnen

Die Medien neigen dazu, einen Charakter als Faktum zu präsentieren und dann entweder schwarz oder weiß zu zeichnen.

Auch der SPIEGEL tut das.

Vergebung möglich

GuttenPlag macht die akademischen Verfehlungen des amtierenden Ministers transparent.

Auf dieser Grundlage ist sowohl Anklage und Verurteilung als auch Vergebung möglich.

MIKE SANDBOTHE

Der SPIEGEL-Artikel “Doktor der Reserve” ist derzeit auf Scribd.com zugänglich.

January 25th, 2011

“Volk der Erschöpften” (Der Spiegel, Nr. 4, 24.1.2011, S. 114-122)

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In ihrer Titelstory klären die SPIEGEL-Redakteure Markus Dettmer, Samiha Shafy und Janko Tietz über “Burn Out” und “Depression” als neue “Massenleiden” (S. 116) auf.

Obskur

Sie orientieren sich dabei an den Erklärungsmustern und Behandlungsmethoden der modernen Psychiatrie, Psychologie und Psychobiologie.

“Naturheilkundler, die vor Psychotherapeuten warnen” (S. 121) und “Chakra-Therapeuten, die gleich die Energie des ganzen Kosmos bemühen” (S. 121) halten die  Journalisten demgegenüber für “obskur” (S. 121).

Das erschöpfte Selbst

Als Rahmenerzählung ihres Essays nutzen die SPIEGEL-Autoren unter anderem die kulturwissenschaftlichen Thesen von Alain Ehrenberg und Byung-Chul Han.

Ehrenberg ist Soziologe in Paris und der Ansicht, dass “das erschöpfte Selbst” zum Normalfall geworden sei, “weil viele Menschen es nicht schafften, ihre neuen Freiheiten und Wahlmöglichkeiten für ein glückliches Leben zu nutzen” (S. 117).

Effiziente Selbstausbeutung

Auch Han meint, dass sich “der Exzess der Arbeit und Leistung” im Zeitalter der Globalisierung “zu einer Selbstausbeutung verschärft” (S. 117).

Diese sei “effizienter”, weil sie “mit dem Gefühl der Freiheit einher geht” (S. 117).

Höchste Krankheitslast

Vor diesem Hintergrund versuchen Dettmer, Shafy und Tietz Antworten auf die Frage zu finden, wieso die Depression “in den reichen Ländern schon heute die höchste Krankheitslast durch verlorene Lebensqualität und verlorene Lebensjahre” (S. 116) verursacht.

Entgrenzung der Arbeit

Zu diesem Zweck erweitern die SPIEGEL-Autoren die kulturelle Rahmenerzählung um soziologische Beschreibungsmodelle wie das der “Gratifikationskrise” (S. 118), der “Entgrenzung der Arbeit” (S. 118) und der “Individualisierung der Gesellschaft”.

Unternehmens-Freiheit

Diesen Modellen zufolge liegt die Ursache für das neue Massenleiden nicht allein im Umgang  mit der eigenen Autonomie.

Darüber hinaus spielt die Freiheit eine zentrale Rolle, die sich Unternehmen in einer globalisierten Wirtschaftskultur nehmen, die von nationalen politischen Institutionen nicht mehr ausreichend kontrolliert wird.

Sache des Einzelnen

Im Ergebnis aber, so weiter die SPIEGEL-Autoren, bleibe es Sache des Individuums, wie es auf den verschärften Konkurrenzdruck in Alltag und Beruf, die Digitalisierung der Kommunikation und die fehlende Anerkennungskultur in Zeiten gesellschaftlicher Unsicherheit reagiert.

Gen-Aktivierung

Zur Erläuterung beziehen sich die Journalisten auf die Forschungsergebnisse des Psychobiologen Dirk Hellhammer.

Dieser “hält die umweltbedingte Aktivierung und Ausschaltung von Genen in den frühen Lebensjahren für den ‘mit Abstand wichtigsten Risikofaktor’ für spätere Stresserkrankungen” (S. 119).

Auf Dauerstress geeicht

Menschen, die besonders “sensibel auf Stress reagieren” (S. 119) tun dies Hellhammer zufolge deshalb, weil “die hormonellen Alarmsysteme zu früh auf Dauerstress geeicht werden” (S. 119).

Das wiederum sei “auf Stress der Mutter oder ein negatives Umfeld in der frühen Kindheit” (S. 119) zurück zu führen.

Und schon geht es besser

Das alles sind fraglos treffende Analysen. Und auch die Fallbeispiele, welche die SPIEGEL-Autoren bringen, dienen der Aufklärung über die moderne Erschöpfungsepidemie.

Da ist zum Beispiel die ehemalige Psychotherapeutin Barbara Kraus. Sie hat eine schwere Depression erlebt und konstatiert: “Dem Menschen geht es ja schon viel besser, wenn er ein Erklärungsmodell hat” (S. 120).

Was hat geholfen?

Hellhammer hat ihr geholfen. Er “diagnostizierte ein hormonelles Ungleichgewicht und empfahl ihr, Tyrosin zu schlucken” (S. 120).

Kraus “weiß nicht, ob es die Aminosäure war oder eher die Erklärung, die ihr half – oder vielleicht auch einfach die Zeit, der Abstand von ihrem früheren Hochgeschwindigkeitsleben” (S. 120).

Ernüchterung

Spätestens an dieser Stelle des Artikels wird deutlich, dass die Erklärungsmodelle und Beschreibungsformen, die es für die Depression gibt, heute erheblich weiter entwickelt sind als die Therapien.

Mal abgesehen davon, dass die auf die Burnout-Behandlung spezialisierten Kliniken “Wartezeiten von bis zu fünf Monaten” (S. 121) haben, ist das Ergebnis des üblichen “siebenwöchigen Aufenthalts” (S. 121) meist ernüchternd.

Zurück an den Anfang

So wirbt zwar der Chefarzt der Bad Bramstedter Schön Klinik damit, “die volle Leistungsfähigkeit der Patienten wiederherzustellen” (S. 122).

Aber dem von den SPIEGEL-Leuten interviewten Ex-Patienten Dieter Müller ging es nach seinem vollen Wiedereinstieg in den alten Job in Sachen Depression so:

“Nach zwei Wochen war ich wieder da, wo ich angefangen hatte” (S. 122).

Kein Einzelfall

Das ist kein Einzelfall.

Aus diesem Grund antwortet der erwähnte Chefarzt auf die SPIEGEL-Frage, ob denn ein Klinikaufenthalt “das Leben in eine neue Richtung lenken kann” (S. 121):

“Das wissen wir nicht” (S. 122).

Therapie-Stress statt Stress-Therapie

Schon die Art und Weise, wie viele Burnout-Kliniken an die Therapiearbeit herangehen weckt Zweifel.

In möglichst kurzer Zeit möglichst viel Behandlung: “Das Programm ist straff organisiert” (S. 121).

Innere Antreiber

Aber auch die Details stimmen bedenklich.

Im Zentrum der therapeutischen Arbeit der Schön Klinik steht die Suche nach den “inneren Antreibern” (S. 121).

“Ich muss”

Dabei handelt es sich um bereits in der Kindheit entwickelte Leitsätze wie:

“Ich muss für alle die Verantwortung übernehmen. Ich muss funktionieren. Ich darf keine Fehler machen. Ich muss Haltung bewahren. Ich muss Leistung erbringen, um nicht abgelehnt zu werden” (S. 121).

Die Welt ist hart

Die Therapie, so weiter die SPIEGEL-Autoren, bestehe darin zu erkunden, “bei welchen Leitsätzen eine Kurskorrektur möglich sei” (S. 121). Dabei müsse man behutsam vorgehen: “Denn die Leitsätze haben einen ja auch lange erfolgreich gemacht” (S. 121).

Wenige Zeilen später zitiert der SPIEGEL dann erneut den Chefarzt der Klinik, der sagt: “Die Welt ist hart und ungerecht und wir müssen darin bestehen” (122).

Vor Psychotherapeuten warnen

Dass es sich auch bei diesem Satz möglicherweise um einen aus der Kindheit des Chefarztes stammenden “inneren Antreiber” handelt, wird von den SPIEGEL-Autoren nur indirekt nahegelegt.

Am Ende meiner Lektüre habe ich mich dann doch gefragt, was genau eigentlich die drei Autoren des Artikels an “Naturheilkundlern” auszusetzen haben, “die vor Psychotherapeuten warnen” (S. 121).

Mike Sandbothe

December 19th, 2010

Das Geheimnis der Homöopathie (Die Zeit, Nr. 50, 9. Dezember 2010, Titelstory S. 39-41)

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DIE ZEIT geht das Thema “Glauben und Globuli” (Die Zeit, Nr. 50, 9.12.2010, S. 39) differenzierter an als DER SPIEGEL (vgl. “Der große Schüttelfrust“, in: Der Spiegel, Nr. 28, 12.7.2010, S. 58-67).

Eine smarte Erwiderung

Zwar empfindet auch ZEIT-Autor Stefan Schmitt die Homöopathie als “eine Beleidigung der Vernunft“(Die Zeit, S. 41). Aber mit Jens Jessens (55) “Ein Beweis namens ‘Ich’” (Die Zeit, S. 40) hat die ZEIT-Redaktion der Contrastimme von Schmitt eine smarte Erwiderung hinzugefügt.

Ganz privat und ganz abstrakt

Jesse argumentiert auf zwei Ebenen: ganz privat und ganz abstrakt.

Ganz abstrakt glaubt Jessen, dass die Skeptiker “die Logik und alle medizinischen Argumente auf ihrer Seite haben” (S. 40). Und ganz privat setzt er diesen seine “persönliche Empirie” (S. 40) entgegen.

Oft entscheiden die Zwischenbereiche

Das ist rhetorisch geschickt. Aber um der Sache willen zugleich auch ein wenig schade.

Denn oft entscheiden sich die Dinge gerade in den Zwischenbereichen.

Informationsmedizin

Ein wichtiger Zwischenbereich besteht in der Avantgarde der modernen Komplementärmedizin, der sogenannten “Informationsmedizin”.

Sie schaut nicht allein auf materielle Substanzen und einfache Kausalwirkungen, sondern immer auch auf die Übertragung von Informationen und die damit verbundenen selbstorganisatorischen Aufschaukelungsprozesse.

Kollektive Empirie

Ein zweiter Zwischenbereich wird von Jesse zwar erwähnt, aber sogleich disqualifiziert.

Ich meine die kollektive Empirie derjenigen, die mit der Homöopathie schon seit einem Jahrhundert gute Erfahrungen sammeln.

Kein Esoteriker

Jesses erster Satz lautet: “Ich bin kein Esoteriker” (S. 40).

Mehr noch: es verdrießt ihn sogar, dass “das anthroposophische Gerede vom Ganzheitlichen, Feinstofflichen – und was es dergleichen Humbug mehr gibt – mich in einen gewissen Widerspruch zu meinem aufgeklärten Selbstverständnis” (S. 40) bringt.

Leider hat Jesse das nicht zum Anlass genommen, das eigene aufgeklärte Selbstverständnis zu überprüfen und vielleicht sogar einen Schritt weiterzuentwickeln.

Die über sich selbst aufgeklärte Aufklärung

Aus der Sicht einer über sich selbst aufgeklärten Aufklärung erscheinen Naturwissenschaft und Schulmedizin als Sprachspiele und hilfreiche Beschreibungsformen.

Sie erheben keinen Letztbegründungsanspruch, sondern punkten durch ihre Erfolge und ihren Nutzen für die Menschheit.

Esoterik als nützliche Alternative

Nützlich können und dürfen aus dieser weiterentwickelten Perspektive natürlich auch alternative Beschreibungsformen sein: literarische, künstlerische, religiöse, therapeutische und sogar “esoterische”.

Apropos Esoterik! Das von Platon sehr geschätzte Wort bedeutet laut Wikipedia nicht mehr und nicht weniger als “eine Lehre, die nur für einen begrenzten, ‘inneren’ Personenkreis zugänglich ist” (Stichwort “Esoterik“, in: Wikipedia).

Vom Esoterischen zum Exoterischen

Der Gegenbegriff ist “Exoterik”. Das bedeutet öffentliches Wissen, d.h. Wissen, das einem mehr oder weniger unbegrenzten, ‘äußeren’ Personenkreis zugänglich ist.

In diesem Sinne war Homöopathie lange etwas Esoterisches. Im 21. Jahrhundert ist sie auf dem besten Weg, zu etwas Exoterischem zu werden.

Jesses Rhetorik

Jesses rhetorische Strategie besteht darin, durch zugespitzte Privatisierung (also durch eine weitere Verengung des Personenkreises auf sich selbst!) einen Beitrag zum Öffentlichwerden des homöopathischen Heilwissens zu leisten.

Ich würde es dem Journalisten gönnen, wenn diese Strategie zum Erfolg der Sache beitrüge.

Sprache als Therapeutikum

In einer nicht all zu fernen Zukunft dürfte er sich dann vielleicht sogar eine homöopathische Ärztin gönnen, die nicht “wortkarg und praktisch” (S. 40) ist “wie nur je ein Schulmediziner” (S. 40).

Aus Sicht einer über sich selbst aufgeklärten Aufklärung kann auch und gerade die Sprache dem Menschen als Therapeutikum nützliche Heildienste leisten.

Eine spirituelle Dimension

Sie funktioniert dann als eine Art von “neuronaler Selffulfilling Prophecy” (“Glauben und Globuli“, in: Die Zeit, Nr. 50, S. 39-40, hier: S. 40). Jesses Kollegin Franziska Rademacher hat das auf der gleichen Seite sehr überzeugend beschrieben.

Sie hat sogar das folgende Zitat durch die sonst so aufmerksame Zeitgeist-Zensur geschmuggelt: “Es ist intelligent, eine spirituelle Dimension im Leben zu sehen.” (“Glauben und Globuli”, S. 40).

Aber holla!

Der Satz stammt von Rolf Verres (62). Der Mann ist Ärztlicher Direktor des Instituts für Medizinische Psychologie am Uniklinikum in Heidelberg.

Er sieht in der von Jesse so vehement abgelehnten ganzheitlichen Seite der Homöopathie sogar eine ihrer zu bewahrenden Stärken. Aber holla!

Mike Sandbothe

October 31st, 2010

“Good night, America” (Der Spiegel, Nr. 44, 30.10.2010, S. 72-82)

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Manisch-depressiver Pendelschlag

Massenmedien lieben den Pendelschlag zwischen Manie und Depression. Auf den ersten Blick vollzieht die aktuelle SPIEGEL-Titelstory eine einfache Übung: von der Obamanie zu “Amerikas Götterdämmerung” (S. 74).

Die verzweifelten Staaten

Auf der Titelseite steht: “Die verzweifelten Staaten von Amerika. Eine Nation verliert ihren Optimismus” (Titelseite, DER SPIEGEL, Nr. 44).

Aber das Finale des 11-seitigen Artikels von Klaus Brinkbäumer, Marc Hujer, Peter Müller, Gregor Peter Schmitz und Thomas Schulz sieht zum Glück anders aus.

Richtung Mitte

Zuguterletzt schwingt das journalistische Pendel etwas mehr in Richtung seelisch-geistiger Gesundheit.

Zwar nicht im Namen der SPIEGEL-Autoren, aber im Namen von Dov Seidman.

Einer, der anders denkt

Seidman ist “einer, der anders denkt als die Leute von Wall Street und Zentralbank” (S. 82).

Der Philosoph und Unternehmensberater aus Kalifornien ist gerade nach New York gezogen.

Ethik und Nachhaltigkeit

“Seine Firma, nun 300 Mitarbeiter stark, ist eine der wenigen, die expandieren in dieser Zeit.”

‘”Es geht ihm um Ethik. Um Nachhaltigkeit” (S. 82).

Die bekannte Klaviatur

Auf den ersten zehn Seiten bedienen die SPIEGEL-Autoren die bekannte Klaviatur:

Alan Greenspan und die Ownership Society (S. 74); Robert Reichs “Nachbeben” und die 120 Millionen ganz unten (S. 77); die Familie Peterson in Florida hat 20 Jahre lang gearbeitet und ist jetzt wieder am Anfang (S. 78); Washington kurz vor den Kongresswahlen: “keiner redet mehr mit keinem” (S. 80).

Fiskalisch unregierbar

Das übliche Finale hätte dann wohl so ausgesehen:

Ronald Reagans ehemaliger Haushaltsdirektor hält die USA heute für “fiskalisch unregierbar” (S. 81). Es scheint nur noch die Geldpolitik, also die Inflation zu bleiben.

Die jedoch, so der Wirtschaftsnobelpreisträger Josef Stigliz, “hilft der amerikanischen Wirtschaft nicht und verursacht Chaos im Rest der Welt” (S. 81).

Ein kreatives Land

Kurz vor Artikelschluß aber ziehen die SPIEGEL-Autoren die Notbremse:

“Ein kreatives Land hört nicht wegen einer Krise auf, kreativ zu sein” (S. 80).

Way-of-life-crisis

Dazu Seidman: “Wenn wir die Variante des ‘fix and get back’, also der schnellen Reparatur und Wiederholung alter Verhaltensmuster, wählen, müssen wir uns ernsthaft Sorgen machen” (S. 82).

Aber die aktuelle Krise, so der Wirtschaftsphilosoph weiter, könnte auch dazu dienen, “Lebensweisen in Frage zu stellen und zu verändern” (S. 82).

Erneuerbare Energien

Ein weises Wort, gelassen ausgesprochen.

Seidman träumt “von einem Amerika, das beginnt, Waren zu produzieren, die gebraucht werden, die konkurrenzfähig sind und Arbeitsplätze schaffen, weil sie einen neuen Markt bedienen, zum Beispiel den Markt erneuerbarer Energien” (S. 82)

Nicht falsch!

Das kennen wir schon von Al Gore.

Aber das macht die Sache nicht falsch!

Hoffnungs-Spiegel

Deutschland spiegelt sich gern in Amerika.

Es ist schön, dass sich DER SPIEGEL bemüht, in sein pessimistisches Zerrbild von den verzweifelten Staaten eine Prise Hoffnung einzustreuen.

Für meinen Geschmack hätte es sogar noch etwas mehr sein dürfen.

Selten bipolar

Das lässt den Leitartikel realistischer wirken.

Schließlich sind bipolare Störungen glücklicherweise nicht nur bei Individuen, sondern auch bei Nationen relativ selten.

Mike Sandbothe

August 20th, 2010

“Tiere sind auch nur Menschen” und “Donnerstags kein Fleisch” (Die Zeit, Nr. 33, 12.8.2010, S. 41-43)

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Der Bestseller des amerikanischen Schrifstellers Jonathan Safran Foer “Tiere essen‘” ist seit Mitte August in deutscher Sprache erhältlich.

Die ZEIT-Autorin Hilal Sezgin hat den Autor interviewt, und die ZEIT-Redakteurin Iris Radisch hat das von Foer überaus pragmatisch behandelte Thema moralphilosophisch zugespitzt:

“Wer darf wen töten und warum?” (DIE ZEIT, “Tiere sind auch nur Menschen”, S. 41).

Vegetarier in Theorie und Praxis

In der Theorie bin ich schon seit Jahrzehnten Vegetarier. Aber in der Praxis erst seit anderthalb Jahren.

Das verbindet mich mit Foer.

Gefahrlos vegetarisch?

Bei ihm war es die Geburt seines ersten Sohnes, die ihn vor vier Jahren dazu veranlasst hat, über Fleischessen nachzudenken:

“Ich wollte wissen, ob man ein Kind gefahrlos vegetarisch aufziehen kann” (DIE ZEIT, “Donnerstags kein Fleisch“, S. 43).

Unfähigkeit, Tiere zu essen

Anders Radisch.

In ihrer Familie gibt es eine “seit Generationen verbreitete Unfähigkeit, Tiere zu essen” (DIE ZEIT, S. 41).

Für sie hat das Thema eine andere Tiefe.

Die alte Philosophenfrage

Das ist vermutlich einer der Gründe dafür, dass ihre ZEIT-Titelstory fokussiert bleibt auf die alte Philosophenfrage nach “unserem Recht, Tiere zu töten, um sie zu essen” (DIE ZEIT, S. 41).

Vegetarier-Pragmatismus

Aus der Sicht von Foer “lenken solche Diskussionen ab” (DIE ZEIT, S. 43). Ihm geht es nicht ums Grundsätzliche, sondern um die Details.

Wie können wir tiergerechter töten? Wie können wir es schaffen, mit weniger Fleisch auszukommen?

Ethisch unbedenkliches Fleisch

Über den von Foer repräsentierten Typus des entspannten “Wohlfühlvegetariers” (DIE ZEIT, S. 42) schreibt Radisch:

“Für ihn gibt es, was für mich undenkbar ist: ‘ethisch unbedenkliches Fleisch’ (DIE ZEIT, S. 42)

Ohne moralische Empörung

Das griechische Wort “ethos” bedeutet “Gewohnheit, Sitte, Brauch, Haltung, Charakter”.

Insofern lässt es sich auch ohne das Moment der moralischen Empörung verwenden, auf das Radisch zielt.

Die Welt besser machen

Und genau das tut der in Princeton ausgebildete Schriftsteller und Philosoph Jonathan Safran Foer.

Ihm geht es nicht darum, “ethisch rein zu sein” (DIE ZEIT, S. 43). Er will einfach nur “die Welt besser machen” (DIE ZEIT, S. 43).

Eine Gewohnheit unter anderen

In der Sache teilt Radisch Foers pragmatische Grundeinsicht.

Auch für sie ist “die Fleischeslust kein dunkler, unbeherrschbarer Naturtrieb, sondern eine Gewohnheit unter anderen” (DIE ZEIT, S. 41).

Rechtfertigungsdebatten

Zugleich aber verfängt sich die ZEIT-Redakteurin in akademischen Rechtfertigungsdebatten.

Die “Frage, ob wir dürfen, was wir tun” (DIE ZEIT, S. 41), ist das bestimmende Leitmotiv ihres Artikels.

Unerheblich?

Dies führt unter anderem dazu, dass die von Foer angestoßenen Diskussionen darüber, wie schädlich der Fleischkonsum für unsere Gesundheit ist und wie hoch die globalen Treibhausgasemissonen der Fleischindustrie sind, von Radisch als philosophisch “unerheblich” (DIE ZEIT, S. 41) zur Seite geschoben werden.

Rätsel des tierischen Innenlebens

Statt dessen widmet sie sich ausführlich dem “Rätsel des tierischen Innenlebens” (DIE ZEIT, S. 42) sowie dem Nachweis, dass “die Gründe, die wir für das eklatante Ungleichgewicht der Rechte zwischen Mensch und Tier geltend machen, allesamt windig sind” (DIE ZEIT, S. 41).

Was ist mit Ameisen?

Für den Pragmatisten Foer stellt sich die letztgenannte Frage auf andere Weise:

“Haben Tiere dieselben Rechte? Was ist mit Ameisen, auf die wir beim Gehen treten, oder Mäusen im Haus?” (DIE ZEIT, S. 43).

Niemals eindeutig

Am Ende ihres Beitrags hebt auch Radisch hervor, dass “die Grenzen des Tötungsverbots niemals eindeutig zu bestimmen sind” (DIE ZEIT, S. 42).

Doch, so die ZEIT-Redakteurin weiter, “das gibt uns noch lange nicht das Recht, alles falsch zu machen” (DIE ZEIT, S. 42).

Grade des Guten und Bösen

Foer zufolge tun wir das auch nicht.

Es geht um Grade des Guten und Bösen, nicht um die zugespitzte Entgegensetzung von “alles richtig” oder “alles falsch”.

Schlachthausroutine

Aus seiner Sicht ist nicht “Tiere essen” der eigentliche Skandal, sondern die Art und Weise, wie die Massentierhaltung mit unseren animalen Verwandten umgeht.

Dazu Radisch: “Sehr häufig werden Tiere in der industriellen Schlachthausroutine nicht gründlich genug betäubt und schreiend bei lebendigem Leib gehäutet und zerstückelt” (DIE ZEIT, S. 42).

98 Prozent

98 Prozent der Hühner und Schweine, die wir hier in Deutschland auf die Teller bekommen, stammen aus industriellen Tierfabriken.

Nur zwei Prozent der Bauernhöfe zählen zu den von Foer ebenfalls besuchten “Ausnahmefarmen” (DIE ZEIT, S. 43).

Ausnahmefarmen

“Die Kälber bleiben dort bei ihren Müttern, sie können all das tun, was Kühe gerne tun. Sie werden so geschlachtet, dass sie der Tod in fast allen Fällen schmerzlos ereilt” (DIE ZEIT, S. 43)

Und weiter Foer: “Es sind Menschen, die ihren Tieren Namen geben und sie besser behandeln als ich meinen Hund. Wirklich! Und dann töten sie sie.”

Fleisch, Fisch, Eier und Milch

Foer plädiert dafür, kein Fleisch oder jedenfalls möglichst wenig Fleisch zu essen.

Und zwar weil fast alles Fleisch, das wir in den Geschäften kaufen, aus den Todesfabriken und nicht aus einer Ausnahmefarm stammt.

Das gilt auch für Eier und Milch und für die Fischindustrie.

Kulturpolitik

Worum geht es in der Debatte zwischen Foer und Radisch?

Es geht um Kulturpolitik.

Leute, die unsere Zukunft prägen

“94 Prozent der Deutschen essen gern tote Tiere” (DIE ZEIT, S. 42).

“Es gibt an amerikanischen Universitäten schon 18 Prozent Vegetarier. Das sind die Leute, die unsere Zukunft prägen, es sind künftige Politiker, Schauspieler, Schriftsteller, Juristen und Ärzte.” (DIE ZEIT, S. 43).

Gesinnungswandel

In der Kulturpolitik unserer Ernährungsgewohnheiten geht es heute auch und gerade um die Frage, wie trendsetzende Medien dazu beitragen können, dass der in Bewegung gekommene “Gesinnungswandel” (DIE ZEIT, S. 43) sich weiter beschleunigt und auf globaler Ebene flächendeckend vollzieht.

Weiter warten?

Die Beantwortung der von Radisch aufgegriffenen Philosophenfrage: “Wer darf wen töten und warum?” ist in mehr als 2500 Jahren Philosophiegeschichte nicht gelungen.

Wollten wir weiter warten, würde davon die schlechte Praxis der Massentierhaltung profitieren.

Kampagnentauglich

Aus diesem Grund scheint mir Foers Vorschlag eine bessere Basis zu bieten für eine weltweite journalistische Kampagne.

Darin würde es um den bewussten Verzicht auf den Konsum derjenigen Art von Fleisch und Fisch gehen, die den überwiegenden Teil dessen ausmacht, was wir heute in den Geschäften kaufen können.

DIE ZEIT hat Weitsicht und Mut bewiesen, dieses Thema als Titel zu setzen.

Mike Sandbothe

Der Vegetarismus-Essay von Iris Radisch ist als Online-Text unter dem Titel “Tiere sind auch nur Menschen” auf Zeit-Online zugänglich. Das Gespräch, das Hilal Sezgin mit Jonathan Safran Foer geführt hat, findet sich dort unter dem Titel “Donnerstags kein Fleisch“.

July 26th, 2010

“Leben im Stand-by-Modus” (Der Spiegel, Nr, 29, 19.7.2010, S. 56-67) und “Protokoll eines Krieges” sowie “Der Enthüller” (Der Spiegel, Nr. 30, 26.7.2010, S. 70-81 und 82-86)

Posted in Der Spiegel by mike

Normalerweise können Abonnenten die digitale Version des SPIEGEL schon am Samstagabend um 22.oo Uhr auf www.spiegel.de/meinspiegel abrufen. Dieses Wochenende aber war das anders. Aus redaktionellen Gründen hieß es: “Ich bin dann mal off”.

Es wäre schön gewesen, wenn es sich bei dieser unerwarteten Entschleunigung um den ferienzeitlichen Nachklang zur gleichnamigen Titelstory der vergangenen Woche gehandelt hätte.

Datenstress pur

Nach den elf Seiten literarisch-philosophischer Muße-Theorien, die von Susanne Beyer (41) im SPIEGEL Nr. 29 zusammengestellt worden waren, hätte ein wenig konsequente Muße-Praxis von Seiten der Magazinredaktion nicht schaden können.

Doch wen wundert’s, dass es am Sonntagabend um 23.00 Uhr, als der SPIEGEL Nr. 30 dann doch noch online ging, ganz anders kam: Datenstress pur!

Echtzeit-Krieg

91.731 Dokumente aus dem Datenpool des amerikanischen Militärs in Afghanistan. Die meisten davon als geheim deklariert.

“Meldungen der Truppe aus dem laufenden Gefecht” (Spiegel, Nr. 30,  S. 72). “Der Krieg gewissermaßen in Echtzeit” (ebd.).

Wikileaks.org

Das in der Titelstory des SPIEGEL Nr. 30 (Protokoll eines Krieges, S. 70-81) ausgewertete Material umfasst einen Zeitraum von 2004 bis 2009.

Es ist seit Sonntag (25.7.2010) als digitales Archiv online recherchierbar auf der Internetplattform wikileaks.org.

Zeitgleich

Die New York Times, The Guardian und DER SPIEGEL hatten schon einige Wochen zuvor Einblick in die Datenflut.

Zeitgleich flankieren sie die Online-Publikation von WikiLeaks nun in Amerika, Großbritannien und Deutschland mit ihren Titelgeschichten.

Überlastet

Natürlich ist der WikiLeaks-Server jetzt überlastet.

Denn er steht plötzlich im Zentrum der Weltöffentlichkeit.

Muße nicht Nichtstun

Das führt zurück zum Thema von Susanne Beyer.

Sie hatte uns unter der Überschrift Leben im Stand-by-Modus (Spiegel, Nr. 29, S. 56-67) gerade noch so schön erläutert, dass Muße nicht Nichtstun bedeutet.

Den Mächtigen in die Suppe spucken

Den “Definitionen der Denker” (Spiegel, Nr, 29, S. 66) zufolge bestehe Muße darin, “sich in aller Ruhe und zweckfrei dem hinzugeben, was Freude mache und interessiere” (ebd.).

Für den einen heiße das “Klavierspielen” (ebd.), für den anderen sei es “ein Spaziergang” (ebd.) – und für den dritten besteht das “otium” ganz offensichtlich darin, “den Mächtigen in die Suppe zu spucken” (Spiegel, Nr. 30, S. 84).

Der Gründer

Julian Assange (39) ist der Gründer von WikiLeaks.

Er hat die geheimen “Afghanistan-Protokolle” (Spiegel, Nr. 30, Titelseite) ins Internet gestellt.

Wir leben alle nur einmal

Im Gespräch mit dem SPIEGEL teilt er den Redakteuren John Goetz (47) und Marcel Rosenbach (38) mit:

“Wir leben alle nur einmal. Deshalb sollten wir in unserer Zeit etwas Sinnvolles und Befriedigendes anstellen. Und ich mag es, den Mächtigen in die Suppe zu spucken. Diese Arbeit macht mir wirklich Spaß” (Spiegel, Nr. 30, S. 84).

Gott der Allmächtige

Der Mann aus Australien hat Physik studiert und eine Karriere als Hacker hinter sich:

“Er bewegte sich in den Rechnern anderer wie Gott der Allmächtige” (Spiegel, Nr. 30, S. 85).

Sicherheitsrisiko

WikiLeaks wurde 2007 online gestellt.

Seit 2008 wird es vom US-Militär als Sicherheitsrisiko klassifiziert.

Keine Gerüchte

Die Webseite sammelt und veröffentlicht “Material, das Unternehmen und staatliche Stellen als geheim einstufen. Ein Forum für anonyme Informanten. Keine Gerüchte, nichts Selbstverfasstes, nur Originaldokumente” (Spiegel, Nr. 30, S. 82).

Kein Gehalt

Und weiter erfahren wir im SPIEGEL: “Assange arbeitet wie besessen an der Datenbank” (Spiegel, S. 83). Ein Gehalt erhält er dafür nicht.

“Leute, die es gut mit ihm meinen, sagen, er brauche dringend ein paar Wochen Urlaub” (Spiegel, Nr. 30, S. 83).

Kein Urlaub

Aber das wissen wir jetzt besser. Muße ist nämlich nicht Urlaub von der Arbeit, sondern nur ein anderer Modus:

“Insofern müsste die Leistungsgesellschaft genau diesen Zustand eigentlich anstreben” (Spiegel, Nr, 29, S. 66).

Task Force 373

Ist das die Meta-Message, die uns der SPIEGEL in die Ferien hinein nachruft?

Mit Susanne Beyers “Ich bin dann mal off” (Spiegel, Nr. 29, Titelseite) reisen wir ab, und am Urlaubsort begrüßt uns die “Task Force 373” (Spiegel, Nr. 30, Titelseite)!

A very, very big story

Sicherlich, aus der Perspektive der Sicherheitsministerin von Großbritannien, Baroness Neville-Jones, ist das Ganze “a very, very big story”.

Und der Nationale Sicherheitsberater von Präsident Obama reagiert sofort und verurteilt die Veröffentlichung der Geheimdokumente, weil “sie das Leben von Amerikanern und ihren Partnern bedroht” (Statement of National Security Advisor Gen. James Jones on Wikileaks).

Nr. 2

In der Tagesschau wird das Thema heute (26.7.2010) als Nr. 2 gleich nach der Duisburger Love-Parade behandelt.

Aber der Unterschied zwischen den beiden Nachrichten ist signifikant.

Berichterstattungspflicht

Bei der Massenpanik in Duisburg handelt es sich um eine aktuelle nationale Tragödie mit 21 Toten, für die jetzt die Verantwortlichen gesucht werden.

In diesem Fall besteht journalistisch gesehen unmittelbare Berichterstattungspflicht.

Skandalwert

Die Veröffentlichung der “Afghanistan-Protokolle” hat keinen aktuellen Anlass. Die Ereignisse, auf die sich die Protokolle beziehen, liegen relativ weit zurück.

Und der Skandalwert besteht scheinbar weniger in den dokumentierten Inhalten als vielmehr im Sachverhalt der Veröffentlichung selbst.

Sommerloch

Ein Weltthema wird aus der Sache dadurch, dass die drei großen Zeitungen sich im Timing mit WikiLeaks abgesprochen haben, um auf diese Weise einen globalen Medienevent zu kreiren.

Mitten im Sommerloch.

Ein angemessenes Instrument?

Gehört das Material tatsächlich an die Öffentlichkeit? Ist die gewählte Form der massenmedialen Kampagne ein angemessenes Instrument?

Oder ist diese etwas stressige Art von Muße vielleicht doch nicht wirklich investigativ?

Fehlende Worte

Nun ja, als Medienphilosoph bin ich ja einiges gewöhnt.

Aber heute fehlen auch mir die Worte.

Mike Sandbothe

Update: Zur internationalen Debatte über die Veröffentlichung der geheimen Militär-Dokumente aus dem Afghanistan-Krieg siehe auch den SPIEGEL-Online-Artikel von Gregor Peter Schmitz: Datendesaster untergräbt Obamas Kriegspläne (27.7.2010).



July 18th, 2010

Der große Schüttelfrust (Der Spiegel, Nr. 28, 12.7. 2010, S. 58-67)

Posted in Der Spiegel by mike

Der SPIEGEL-Redakteur Markus Grill (42) und seine Kollegin Veronika Hackenbroch (40) befassen sich in ihrer Titelstory “Homöopathie. Die große Illusion” auf zehn Seiten mit der populären Paradeform einer sanften Medizin.

Leider haben sie im Untertitel das Fragezeichen vergessen.

Das fehlende Fragezeichen

Der gesamte Textumfang beträgt 34955 Zeichen. Da sollte man meinen, dass das Fehlen dieses einen Zeichens doch keinen wirksamen Unterschied macht.

Aber es ist wie bei der Homöopathie. Kleine Ursachen können große Folgen haben.

Eine Krankheit der Profession

Mit Fragezeichen wäre aus dem journalistischen Virusträger ein medizintherapeutischer Heilungstext geworden.

So aber wird das spannende Titelthema von der Krankheit des professionalisierten Skeptizismus befallen.

Skeptiker und andere Menschen

Skeptiker sind Menschen, die meinen, dass der Zweifel ein Selbstzweck sei und nichts, das ihm nicht systematisch unterzogen wurde, Anspruch auf Gültigkeit habe.

Die englische Sprache stellt der skeptischen Grundhaltung eine Weltsicht gegenüber, die als “open minded” bezeichnet wird.

Chronisch-misstrauisch

Dementsprechend unterscheiden wir im Deutschen aufgeschlossene Menschen von skeptisch-verschlossenen bzw. chronisch-misstrauischen Zeitgenossen.

JournalistInnen gehören häufig (aber zum Glück nicht immer) zum letztgenannten Typus.

Der Fall Grill

Nehmen wir den Fall des SPIEGEL-Redakteurs Markus Grill. Er ist 42 Jahre alt und “Vater zweier Söhne” (Der Spiegel, Nr. 28, “Hausmitteilung”, S. 5).

Weiter erfahren wir über ihn, dass er “im Freundeskreis schon oft den Ratschlag bekommen hat: Leiden die Kinder unter irgendeinem Wehwechen, helfen kleine homöopathische Kugeln, die Globuli” (Der Spiegel, Nr. 28, S. 5).

Nicht nur Vater

Aber Grill ist nicht nur Vater. Er zählt auch zu “den besten investigativen Journalisten Deutschlands” (Sonia Mikich).

Seine  Spezialität ist die Enthüllung von Skandalen in der Pharmabranche. Dafür hat er dieses Jahr den Journalistenpreis des Deutschen Netzwerks Evidenzbasierte Medizin erhalten.

Wie die Pillen produziert werden

Deshalb hat er den Globuli-Ratschlag seiner Freunde auch nicht einfach ausprobiert, sondern erst mal eine professionelle Hintergrundrecherche gestartet:

“Grill ließ sich in Karlsruhe in den Gebäuden der Deutschen Homöopathischen Union (DHU) zeigen, wie die Wunderpillen produziert werden” (Der Spiegel, Nr. 28, S. 5).

Grills Schüttelfrust

Dieser Besuch wurde zum Auslöser von Grills “Schüttelfrust”. Womit wir wieder beim fehlenden Fragezeichen sind.

Denn die in Handarbeit durch Schütteln eines Glaskolbens erzeugten Verdünnungsgrade können in der Homöopathie Dimensionen (“D”) erreichen, im Vergleich zu denen das fehlende Fragezeichen im Cover-Untertitel “Homöopathie. Die große Illusion” als grob stofflich erscheinen mag.

Homöopathische Verdünnungsgrade

“So kommt bereits bei D9 etwa ein Tropfen Wirkstoff auf den Inhalt eines Tanklasters. D23 entspricht bereits einem Tropfen Wirkstoff im gesamten Mittelmeer. Und D78 bedeutet, dass wenige Wirkstoffmoleküle auf alle Moleküle des Universums kommen” (Der Spiegel, Nr. 28, S. 64).

“Daneben stellt die DHU auch Potenzen wie D200 und D1000 her.” (Der Spiegel, Nr. 28, S. 64)

Keine Belege

Doch damit nicht genug.

“Je länger sich Grill und seine Kollegin mit der vermeintlichen Wundermedizin beschäftigten, desto größer wurde ihre Skepsis. Sie fanden weltweit keine überzeugenden Belege für die Wirksamkeit homöopathischer Zuckerkügelchen.” (Der Spiegel, Nr. 28, S. 5).

Placebos

Das Fazit der Spiegelredakteure lautet daher, dass es sich bei homöopathischen Medikamenten um “Placebos” handelt.

Diese sollen einer “larvierten Form von Psychotherapie” (Der Spiegel, Nr. 28, S. 66) den Anschein einer medizinischen Behandlung verleihen.

Am Zweifel zweifeln

Skeptiker haben ein Grundproblem. Ihnen fällt es schwer, am Zweifel zu zweifeln.

Skepsis macht in bestimmten Kontexten durchaus Sinn. Aber nicht in allen.

Wer das einsieht, ist fähig, am Zweifel zu zweifeln, d.h. diesen nicht als Lebenshaltung zu verabsolutieren, sondern intelligent, situativ und wohldosiert einzusetzen.

Wer heilt, hat Recht!

Der geheilte Skeptiker wird zum Pragmatisten.

Samuel Hahnemann (1755-1843), der Begründer der Homöopathie, hat den Grundsatz einer pragmatisch orientierten Arztpraxis einmal wie folgt formuliert: “Wer heilt, hat Recht!”

Heilungsorientierter Pragmatismus

Auch bei den LeserInnen des SPIEGEL ist der in diesem Zitat zum Ausdruck kommende heilungsorientierte Pragmatismus weit verbreitet.

So schreibt Peter Kuhn aus Genf in seinem Leserbrief: “Wenn der Patient sagt, es gehe ihm besser, dann kommt auch ein negativer Objektivierungsbeweis dagegen nicht auf” (Der Spiegel, Nr. 29, 19.7.2010, S.9).

Nicht ‘nur’, sondern ‘aha’

Und Dirk Houben aus Wuppertal geht noch einen Schritt weiter, wenn er formuliert:

“Ob nun in der Homöopathie, in der Psychotherapie oder der Schulmedizin, der Placeboeffekt läuft immer wacker mit, er wäre bei kluger Betrachtung aber nicht ein ‘Nur’, sondern vielmehr ein ‘Aha’” (Der Spiegel, Nr. 29, S. 9).

Medizinische Maschinerie

Was Houben meint, hat der in Seattle praktizierende Freiburger Komplementärmediziner Dietrich Klinghardt mit Blick auf die Schulmedizin einmal wie folgt auf den Begriff gebracht:

“Der Hauptgrund, warum die Schulmedizin überhaupt so oft wirkt, liegt im Placeboeffekt, der ausgelöst wird durch die ungeheuer eindrucksvolle medizinische Maschinerie” (Dietrich Klinghardt, Lehrbuch der Psychokinesiologie, S. 33).

Farbige Pillen und weiße Kittel

Insofern kann man sagen, dass die meisten Skeptikerargumente, die sich in dem Spiegel-Artikel von Grill und Hackenbroch finden, Argumente sind, die sich auch auf die Schulmedizin anwenden lassen.

Denn: “‘Rituale’ wie Blutdruckmessen, ‘Symbole’ wie farbige Pillen, weiße Kittel und die ehrliche und liebevolle Bemühung des Arztes tun ihre Wirkung” (Klinghardt, ebd., S. 33).

Verantwortung in Medizin und Naturwissenschaft

Und das ist auch gut so. Denn in der Medizin geht es um Heilung und nicht um die Verabsolutierung des Zweifels.

Das gilt übrigens auch für eine verantwortungsvolle Form von Naturwissenschaft.

Revolution statt Blockade

Sie nimmt die Erfahrungen ernst, die ÄrztInnen und PatientInnen machen und blockiert mit ihren alten Wissensbeständen nicht den Fortschritt der Forschung.

Denn das, was wir heute zwar erfahren, aber noch nicht erklären können, markiert den Raum, in dem sich sich zukünftige wissenschaftliche Revolutionen ereignen.

Mike Sandbothe

May 9th, 2010

Alice Miller ist gestorben. Wie wird nachgerufen?

Posted in Mediary Special by mike

Wofür und wogegen Alice Miller gekämpft hat und wie erfolgreich sie dabei in the long run war, lässt sich an den Nachrufen zeigen, die in diesen Tagen aus Anlass ihres Todes erschienen sind.

Zwischen Freud und Oprah

In seinem Nachruf in der New York Times beschreibt William Grimes Alice Miller  als “missing link zwischen Freud und Oprah” (William Grimes, Alice Miller, Psychoanalyst, Dies At 87, New York Times, 26.4.2010).

Diese im ersten Moment etwas überraschende Einordnung geht zurück auf eine Buchbesprechung, die 2002 in der New York Times Book Review zu Millers Buch Evas Erwachen (englischer Titel: The Truth Will Set You Free) erschienen ist.

Nutzerfreundlich

Die Autorin dieser Besprechung, Daphne Merkin, begründet ihre provozierende Freud-Miller-Winfrey-Genealogie mit einem guten Argument.

Alice Miller, so die Rezensentin, sei es gelungen, “die subtilen Gefährdungen der emotionalen Entwicklung aus den abgekapselten Praxisbüros der Therapeuten in einen größeren, nutzer-freundlichen Kontext zu bringen” (Daphne Merkin, “If Only Hitler’s Father Had Been Nicer“, in: The New York Times Book Review, 27.1.2002).

Kulturtherapie

Da ist was dran.

Tatsächlich haben die 13 Bücher von Alice Miller und ihre Webseite www.alice-miller.com einen weit über den akademisch-therapeutischen Bereich hinausgehenden Einfluss erlangt.

Miller hat Kulturtherapie betrieben. Und zwar in 30 Sprachen. Sie war weltweit überaus erfolgreich.

Gefährliches Terrain

Zugleich hat sie sich damit viele Feinde gemacht.

Wer das öffentliche Medium des Buches in großen Auflagen nutzt, um Menschen bei der Heilung ihrer privaten Kindheitstraumen zu helfen und dabei zugleich an einer heilsamen Transformation der kulturellen Öffentlichkeit arbeitet, begibt sich auf ein gefährliches Terrain.

Was ich damit meine, zeigt sich in den Nachrufen von FAZ und SPIEGEL.

Deutungsmonismus und fehlende Selbstanwendung

Christian Geyer unterstellt Miller einen “Deutungsmonismus, der an Wahn grenzt” (Christian Geyer, Misshandlung überall, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.4..2010).

Philipp Oehmke und Elke Schmitter werfen ihr vor, “dass sie ihr eigenes Instrumentarium auf das größte Trauma ihres Lebens nicht anwenden konnte” (“Mein Vater, ja, diesbezüglich“, Interview mit Martin Miller, Sohn der verstorbenen Autorin Alice Miller, in: DER SPIEGEL, Nr. 18, 3.5.2010, S. 140).

Literatur und Philosophie als Symptome

Was meint Geyer mit “Deutungsmonismus”? Hier seine Erläuterung:

“Einwände, dass man doch nicht gegen die Lebensberichte Kinderleid unterstellen dürfe, parierte Miller mit dem Hinweis, das Leid sei immer dort am schlimmsten, wo es abgespalten, verdrängt und also heute nicht mehr erinnert werde. Der Gesunde ist demnach unter den Kranken derjenige, der am schlimmsten dran ist. Wer sein frühes Leid bestreite, fliehe vor ihm. Und diese Flucht finde ihren Ausdruck in Formen der Selbstentfremdung, die sich unter anderem als Philosophie oder Literatur tarnten.”

Ungeschminkt totalitär?

Das genau ist der heikle Punkt. Miller hat grosse Teile von Kunst, Literatur und Philosophie als Symptome gelesen und sich demgegenüber für heilende Formen von Kultur ausgesprochen.

Geyer nimmt ihr das übel und folgert: “Von diesem Punkt an nimmt der Pathologiezusammenhang, den Miller behauptet, einen ungeschminkt totalitären Zug an.”

Millers Trauma

Ähnlich in der Zielrichtung, aber in der Strategie ganz anders: die SPIEGEL-AutorInnen. Sie nehmen sich Millers Sohn vor.

Und der gibt zu: “Was meiner Mutter zugestoßen ist, hat sie nie richtig erzählt” (DER SPIEGEL, Nr. 18, 3.5.2010, S. 140)

Vom Vater geschlagen

Damit aber nicht genug.

SPIEGEL-ONLINE bringt die Quintessenz des Gesprächs, das Oehmke und Schmitter mit Martin Miller geführt haben, schon einen Tag vor Erscheinen des Blatts wie folgt auf den Begriff: “Sohn von Alice Miller wurde vom Vater geschlagen” (SPIEGEL-ONLINE, 2.5.2010).

Das ist Bildzeitungsniveau.

Was treibt die JournalistInnen?

Was treibt die JournalistInnen von SPIEGEL und FAZ so mit der verstorbenen Autorin umzugehen?

Oehmke und Schmitter sind scheinbar eigens nach Zürich gereist, um Millers Sohn nach dem Tod der Mutter die privaten Lebensgeheimnisse zu entlocken.

Kultivieren statt therapieren

Und Geyer wusste es schon vorher:

“Alice Miller gehörte zu den bewundernswert Besessenen. Ihre Antriebskraft verdankte sich einer lebenslangen Verstörung, die sie als Quelle ihrer Produktivität nicht etwa therapieren, sondern kultivieren wollte” (Misshandlung überall, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.4.2010).

Millers polnische Kindheit

Alice Miller wurde 1923 unter ihrem Mädchennamen Alicja Rostowska in Lemberg (damals Polen) als Tochter jüdischer Eltern geboren.

Über die von Geyer sogenannte “lebenslage Verstörung” weiss Millers erste amerikanische Lektorin, Jane Isay, in der Huffington Post folgendes zu berichten:

Aus dem Warschauer Ghetto geschmuggelt

“Ihre Familie lebte in Warschau und wurde ins Ghetto gebracht als die Deutschen kamen. Die Tochter wurde aus dem Ghetto herausgeschmuggelt und lebte unter falschem Namen bei einer christlichen Familie als öffentliche Christin und geheime Jüdin. In manchen Nächten ist sie in das Ghetto zurückgeschlichen und hat ihrer Familie Lebensmittel gebracht. Aber sie konnte ihre Familie nicht retten” (Jane Isay, How I Found Alice Miller, And Lost Her, Huffington Post, 28.4.2010

Als Kind missbraucht

William Grimes weist in der New York Times darauf hin, dass Miller in ihrem semi-autobiographischen Buch Das verbannte Wissen (1988) enthüllte, “dass sie als Kind missbraucht wurde und dies mit Hilfe des spontanen Malens entdeckt habe” (William Grimes, Alice Miller, Psychoanalyst, Dies At 87, New York Times, 26.4.2010).

Ihre erste Sammlung von therapeutischen Aquarellen hat Alice Miller 1985 unter dem Titel Bilder einer Kindheit veröffentlicht. Die zweite folgte 2006 unter dem Titel Bilder meines Lebens.

Das spontane Malen

Miller hat in ihrem Leben eine Vielzahl unterschiedlicher Therapien bei unterschiedlichen TherapeutInnen absolviert.

Erst das spontane Malen hat ihr geholfen, ihre eigenen Traumen zu artikulieren. Einen Einblick in diesen Prozess geben die beiden Bücher.

Standards des seriösen Journalismus

Warum haben Geyer, Oehmke und Schmitter diese Sachverhalte übersehen bzw. aussen vor gelassen?

Welche Gründe gibt es dafür, dass manche JournalistInnen sich offensichtlich bis heute derart an Alice Miller reiben, dass sie die Standards des von ihnen sonst gepflegten seriösen Journalismus auf irritierende Weise ausser Kraft setzen?

Nur wenige nicht traumatisiert

An Geyers Totalitarismusvorwurf ist ein Quäntchen Wahrheit.

Es stimmt, dass Miller der Ansicht war, dass es nur wenige Menschen auf diesem Planeten gibt, die in ihrer Kindheit nicht auf diese oder jene Art traumatisiert wurden.

Unbewusste Opfer und bewusste Überlebende

In ihrem Buch Abbruch der Schweigemauer (2003) schreibt sie:

“Die Grenze in der Bevölkerung verläuft eigentlich nicht mehr zwischen einst mißhandelten und nicht mißhandelten Menschen (weil die meisten von uns noch im System von Strafen aufgewachsen sind), sondern eher zwischen den unbewußten ehemaligen Opfern und den bewußten Überlebenden der sogenannten ‘erzieherischen’ Gewalt.” (S. 11).

Mangel an authentischer Liebe

Unter “Misshandlung” versteht Miller nicht nur sexuelle oder physische Gewalt, sondern auch alle Formen seelischer Grausamkeit bzw. Demütigung.

Als Basisphänomen sieht sie dabei den Sachverhalt, dass das Kind nicht die authentische Liebe von den Eltern bekommt, die es als der kleine Mensch, der es ist, in seinem schlichten Sein verdient hätte.

Narzisstische Aufmerksamkeitsökonomie

Das Drama des begabten Kindes besteht vor diesem Hintergrund darin, dass es versucht, sich die Liebe, die es nicht auf einfache und authentische Weise erfahren durfte, nachträglich und kompensatorisch durch besondere Leistungen zu verdienen.

Das ist der psychologische Ursprung dessen, was in der Mediengesellschaft als narzisstische Aufmerksamkeitsökonomie Gestalt gewinnt.

JournalistInnen entscheiden

JournalistInnen sind Menschen, die nicht selbst in den Fokus medialer Aufmerksamkeit treten. Aber sie entscheiden, wer wann welche kompensatorische Aufmerksamkeitsliebe durch die Medien erhält.

Insofern leben sie von dem, was Miller aufzulösen und zu heilen versuchte.

Die Schutzpatronin

Alice Miller hat immer viel Wert gelegt auf den Unterschied zwischen Erziehung und Therapie auf der einen Seite und Begleitung sowie Zeugenschaft auf der anderen.

Die Mehrzahl der Nachrufe begleiten das Publikum im Prozess des Abschiednehmens von einer grossen Autorin: “Alice Miller – Die Schutzpatronin“. Sie legen Zeugenschaft ab von einem erfüllten und für viele Menschen lebensrettenden Werk: “Der Mut, den Apfel zu essen“.

In Liebe

Andere versuchen, Miller im Tod noch zu erziehen.

Ihnen würde es sicherlich gut tun, Millers Werke mit Respekt zu lesen und sich auf sich selbst zu besinnen. In Liebe.

Mike Sandbothe

May 2nd, 2010

Der Philosoph des 21. Jahrhunderts (Der Spiegel, Nr. 17, 26.4.2010, S. 67-78)

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Klaus Brinkbäumer (43) und Thomas Schulz (37) sind ehrlich. Sie erklären, was sie tun. Sie machen Reklame. Für das iPad von Apple.

Wie lässt sich das iPad personalisieren?

“Es soll die Leser locken, endlich für die digitalen Ausgaben zu bezahlen, vielleicht mehr als für die Print-Ausgabe” (S. 77).

Wie lässt sich das iPad personalisieren? Wie lässt sich über Apple schreiben? Die Antwort bündelt sich in Steve Jobs (55), dem Besitzer von Apple und Erfinder des iPad.

Apples Produkte loben

Aber: “Es ist nicht ganz einfach, sich Jobs zu nähern, weil Apple so gut wie nie mit Reportern spricht, falls diese nicht zuerst Apples Produkte gelobt haben” (S. 69)

Das hat für den SPIEGEL zuletzt Ferdinand von Schirach (46) getan (DER SPIEGEL, Nr. 15,  “Die Kunst des Weglassens”).

Keine Einblicke

Und doch: “Der deutsche Firmensprecher Georg Albrecht schrieb: Apple ‘gibt leider keine Einblicke in sein Innenleben…So gern ich so eine Story unterstützen würde, weiß ich, dass wir hier Ihnen keine Gesprächspartner anbieten können’” (S. 69).

Was also tun?

Jobs ist kein netter Mensch

“Es gibt Leute, die Apple verlassen haben.” Die kann man interviewen.

“Und auch Leute, die heute für Apple arbeiten, reden über Apple, wenngleich unter falschem Namen, denn Jobs ist kein netter Mensch” (S. 69). So entsteht ein SPIEGEL-Feature.

Das Inhaltsverzeichnis

Steve Wozniak: “Der Gründer” (S. 69). Andy Hertzfeld: “Der Zauberer” (S. 71). Hartmut Esslinger: “Der Künstler” (S. 71). John Sculley: “Der Feind” (S. 73). Pamela Kerwin: “Die Männerversteherin” (S. 73). Michael More, David Sobotta: “Die Soldaten” (S. 76).

Aber das allein reicht noch nicht, um ins Herz der Sache, sprich: ins Zentrum der iPad-Personalisierung, also in die Intimsphäre von Steve Jobs vorzudringen.

Das Geständnis

Zum Glück gibt es jenen “Juni-Tag von Stanford” (S. 67):

“Es war heiß, kein Schatten im Stadion von Stanford, die Studenten hatten gesoffen, sie grinsten und kicherten, und darum dauerte es, bis sie verstanden, dass dort ein Herrscher der westlichen Welt zum Geständnis schritt” (S. 67).

No big deal

Steve Jobs hat an diesem Tag “drei Geschichten” (S. 67) erzählt.

Klaus Brinkbäumer und Thomas Schulz lassen die LeserInnen über die Details der Überlieferungsgeschichte im Unklaren. Sie erzählen einfach nur Jobs’ stories nach. “No big deal” (S. 67).

Die Mutter

Die erste Geschichte handelt davon, “wie seine Mutter ihn aufgab, wie er adoptiert wurde, wie er sein Studium abbrach” (S. 67).

Die Liebe

In der zweiten Geschichte erzählt Jobs, “dass er als 20-Jähriger gefunden habe, was er liebe, Apple, sein Lebenswerk, und dass er als 30-Jähriger entlassen wurde, doch weitermachte in der Computerwelt, weil er sie liebte” (S. 67).

Die Krankheit

Die dritte Geschichte dreht sich um seinen “Bauchspeicheldrüsenkrebs, unheilbar” (S. 78). So lautete die anfängliche Diagnose.

“Die Ärzte führten die Schläuche ein, entnahmen Tumorzellen, untersuchten sie, dann weinten die Ärzte. Eine Operation könne ihn wohl doch heilen, er sei eine seltene Ausnahme” (S. 78).

Be insanely great

Das war 2004. “Fünf Jahre später fehlte er wieder. Er brauchte eine neue Leber” (S. 78)

“Be insanely great” (S. 72), lautet das Lebensmotto dieses Mannes. Kommentar überflüssig. Oder vielleicht doch nicht?

Recht haben

Als junger Mann habe er ein Zitat gelesen, wissen Brinkbäumer und Schulz zu berichten. Es lautet:

“Wenn du jeden Tag lebst, als sei es dein letzter, wirst du irgendwann recht haben” (S. 78).

Alice-Miller.com

Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn Steve Jobs seine Geschichten auf www.alice-miller.com publiziert hätte statt die Studierenden in Stanford damit zu belasten.

“Er hasst die eigenen jungen, gesunden Angestellten” (S. 76).

Seine leibliche Schwester Mona beschreibt ihn in ihrem Roman A Regular Guy als “Narziss, der verlangte, dass seine Geliebten Jungfrauen zu sein hatten” (S. 76).

Jobs’ Liebe zum Job

Für Alice Miller (1923-2010) wäre wohl klar, wie die drei Geschichten von Jobs zusammen hängen.

Er empfängt keine Liebe im Elternhaus, lernt sich selbst nicht zu lieben, liebt statt dessen Apple und bringt die Welt dazu, es ihm gleich zu tun.

The body never lies

Aber das alles behebt den Mangel im Inneren nicht. Jobs’ Liebe zum Job ist keine Liebe zu Jobs.

Ohne authentische Selbstliebe versagt der Körper irgendwann den Dienst. The body never lies.

Philosoph oder Soziopath

Solche Interpretationen sind den SPIEGEL-Autoren vermutlich zu banal.

Sie schwanken zwischen “der Philosoph des 21. Jahrhunderts” (S. 67) und: “Steve Jobs gilt als diabolisch, als Soziopath, und er hat diesen Ruf zu Recht” (S. 67).

Poesie? Ethik? Küchenpsychologie?

Als Genrezuschreibung für Jobs’ stories schlagen Brinkbäumer und Schulz vor: “War das Poesie? Ethik gar? Küchenpsychologie?” (S. 67)

Vermutlich war es der Hilferuf eines einsamen und emotional schwer verletzten Menschen.

Keine gute Therapeutin

Er ist “Zen-Buddhist und Vegetarier” (S. 78). Aber er hat offensichtlich keine gute Therapeutin, keinen helfenden und wissenden Zeugen.

Alice Miller ist am 14. April 2010 im Alter von 87 Jahren gestorben. Das iPad kommt Ende Mai auf den deutschen Markt.

Mike Sandbothe

Der Artikel von Klaus Brinkbäumer und Thomas Schulz  ist  unter dem Titel “Der Philosoph des 21. Jahrhunderts” auf SPIEGEL-Online als digitaler Volltext zugänglich. Die im Artikel ohne Quellenangabe referierte Stanford-Rede von Steve Jobs findet sich sowohl auf dem News-Sever der Stanford Universität als auch auf Youtube.